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Musikland Israel

Aida am Toten Meer

Ob Freiluft-Musiktheater in Masada, feine Kammermusik oder das Israel Philharmonic in Tel Aviv – Israel bemüht sich verstärkt darum, Kulturtouristen anzuziehen. Matthias Siehler hat zwischen Sandwüste und den Leuchtreklamen der Küstenstadt eine Musikkultur gefunden, die dem nie alltäglichen Lebensgefühl eine ungeahnte Intensität abringt.

Die Soldaten Nebukadnezars lächeln freundlich. Klar doch, fotografieren erlaubt, mehr noch: erwünscht. Auch mir, dem Gast. Oder doch lieber einen Drink, etwas Käse, Obst, Kaffee? Springbrunnen sprudeln, lau ist die Luft, die Stimmung gespannt, Vorfreude, Lust auf Genuss. Sind wir hier in einem orientalischen Märchen aus 1001 Nacht, an einem monumentalen Filmset, einer operettigen Fata Morgana? Es ist von allem ein bisschen, was sich hier als perfekte Inszenierung am tiefsten Punkt der Erde darbietet. Hierher, ans Tote Meer sind wir gekommen, um gleich nach dieser fast zu perfekt inszenierten kulinarischen Ouvertüre Oper zu hören, die künstlichste aller Künste, die freilich einen Riesenaufwand an Menschen und Maschinen braucht. Und eigentlich im schützenden, rotsamtenen, goldigen Kokon eines Musiktheaters am besten aufgehoben scheint.
Jetzt sollen sie die mobilen Musiktouristen für Opernereignisse nach Israel reisen, hin zu einem Ort, der ein Mythos ist, der für Unterdrückung und Aufstand, für Pracht, Patriotismus, für Zivilisation und Zweifel, für Liebe und Leid steht, für alles, was auch Oper ausmacht: zum Felsen von Masada. So will es Hanna Munitz, die so charmante wie krisenerprobte, wagemutige und führungsstarke Intendantin der Israeli Opera. »Unser Land ist meist nur in den Schlagzeilen, wenn es eine Krise gibt. Touristen kommen, um in Tel Aviv Spaß zu haben oder weil sie als Pilger und Studienreisende die Stätten des Heiligen Landes erfahren wollen. Wir möchten aber Israel auch auf die Kulturlandkarte bringen«, sagt die engagierte Frau. Was so erfolgreich gelang, dass nach »Nabucco« 2010 dieses Jahr »Aida« gegeben wurde. Und nächste Jahr folgt »Carmen«. 33 000 Besucher sahen die populäre Verdi-Oper, 4000 kamen bereits aus dem Ausland.
Jetzt gongt es. Die Opernkrieger verschwinden zu ihren Statistenjobs hinter der Bühne. Gelassen strömen 6500 Menschen zu den Tribünenaufgängen. Was sich jetzt hier mit willigen Kleindarstellern, viel Pappmaschee und kulinarischen Genüssen als wohlige Einstimmung ausbreitet, musste alles erst in die salzstarrende Einöde gebracht werden. In der flirrenden Tageshitze präsentierte sich der Ort als graue Containerstadt voller Trucks und Gestänge, Lautsprechertürme, Podeste, Scheinwerferpylone. Nachts um halb elf ist er eine verzauberte Abenteuerlandschaft, in der die Oper als Fest zelebriert wird. Sie erobert sich den Naturraum mit Pferden, Kamelen, Chormassen und Kriegerheeren, mit Feuer, Explosionen, mit bunten Projektionen und Lichterdomen, mit großen Opernstimmen und mitreißenden Melodien.
Hauptdarsteller ist der schrundige, schartige Felsen von Masada, Weltkulturerbe, 450 Meter hoch. Erst bleibt er geschickt im Wüstendunkel des Negev. An dramaturgisch passenden Stellen leuchtet er dann bonbonbunt, flackert. Aus den Ruinen des Palastes scheinen die Flammen zu schlagen, später ist das Massiv wie mit Sternen übersäht. Den Israelis ist Masada fast heilig, Symbol jüdischen Widerstands über die Zeiten hinweg. Immer noch werden hier oben Rekruten vereidigt.
Das Opernunternehmen glückte auch im zweiten Jahr, es gab kaum Kinderkrankheiten, die internationalen Touristen waren begeistert. Sie haben sich um das Vokalspektakel herum durch die hedonistisch moderne Geschäftigkeit Tel Avivs mit seinem belebten Strand führen lassen und durch das nach wie vor explosive Gemisch der Völker und Religionen im uralten, heiligen Jerusalem. Sie haben die Kargheit des Negev geschmeckt und in den kaum 20 Minuten von Masada entfernten Badehotels am Toten Meer Pasta, Peelings und Pediküren genossen. Und jetzt Hochkultur im weichen Wüstenwind! Mehr Kontrast in so wenig Zeit, bestens organisiert und betreut, geht kaum. Kein Wunder, dass Hanna Munitz den Erfolg dieses generalstabsmäßig geplanten Opernangriffs vorausgesehen hat.
Hier mischt sich Musik meist mit Politik. Doch als Musiknation ist Israel nach wie vor (zu) wenig bekannt. Dabei gibt es hier nicht nur wegen der Kibbuze mehr Orchester als sonst wo im nahen Osten und längst berühmte Musiker, die in die ganze Welt ausschwirren, wie etwa jüngst der Dirigent Omer Meir Wellber. An der Spitze steht das Israel Philharmonic, das auch nach 75 Jahren kein normaler Klangkörper ist und im 1957 eröffneten Mann Auditorium in Tel Aviv auftritt. Wie bei keinem anderen Orchester sonst ist die Geschichte des Israel Philharmonic Orchestra mit der Gründung des Staates verknüpft. 1936 versammelte der in Polen geborene Geiger Bronislaw Huberman aus Osteuropa nach Palästina geflohene jüdische Musiker zum Palestine Philharmonic Orchestra, »um die Sehnsucht des Landes nach einem Orchester mit der Sehnsucht der jüdischen Musiker nach einem Land zu vereinen«. Seither haben die berühmtesten Musiker, Juden wie Nichtjuden, den Klangkörper unterstützt. Als musikalische Speerspitze westlicher Kultur in der arabischen Welt, aber auch als künstlerisches Manifest des neuen, aus einer Katastrophe geborenen Staates der Juden. Natürlich geht man auch viel auf Tournee, schließlich legitimiert sich die Bedeutung dieses Orchesters seit jeher auch aus der Rolle als tönender Botschafter eines neuen, anderen Israel. Und genau deswegen mussten die Musiker immer besonders brillant sein. Sie wollten nicht nur aus Mitleid und Solidarität von den besten Dirigenten und Solisten besucht werden. Mit Leonard Bernstein, Daniel Barenboim und dem Chefdirigenten auf Lebenszeit seit 1981, Zubin Mehta, hat man wunderbare, weltweit geschätzte Herrscher des Orchesterpodiums an sich gebunden. Vor allem Bernstein und Mehta haben das IPO als eine der ersten Adressen für die Aufführung von Mahler-Sinfonien im globalen Konzertleben verankert. Doch Schlagzeilen machten besonders die historischen Konzerte, 1948 unter Bernstein in den Sanddünen des Negev vor 5000 Soldaten, 1967 im Sechstagekrieg im befreiten Jerusalem und 1973 im Yom Kippur Krieg. Die Geschichte des Staates und der Institution schienen lange untrennbar - das ist heute anders. Das Musikleben in Israel diversifiziert sich ständig, das IPO ist längst nicht mehr Platzhirsch. Wie viele andere Institutionen aus der Gründerzeit muss das Orchester aufpassen, nicht allein zur Heimstatt der Alten zu werden, nur noch tönende Nostalgie zu sein. Denn der Wettbewerb um Kunden und Subventionen ist auch zwischen Palmen und Bauhaus- Bungalows hart.
Kontrollen an öffentlichen Gebäuden, bewaffnete Patrouillen in der Altstadt von Jerusalem. Darf man, kann man hier ein Kammermusik-Festival veranstalten? Man soll, man muss - und man will es. Findet Elena Bashkirova, berühmte Pianistin und Ehefrau Daniel Barenboims, die hier ein Ferienhaus hat. Schließlich geht das Leben weiter, nicht nur bei den vergnügungssüchtigen Jugendlichen, die in engen Gassen die Kneipen als scheinbar ideale Ziele überfüllen und die doch nichts anderes gewöhnt sind. Wenn eine Bombe hochgeht, wollen sie trotzdem weiterfeiern. Was sollen sie sonst tun? Die fragile Kunstform Kammermusik wirkt in Jerusalems gespannt gelassener Atmosphäre, zwischen MG-Trägern, verhüllten Moslemfrauen und ultraorthodoxen Juden, schutzbedürftiger als anderswo.
Im als Moschee gestalteten Kuppelsaal des YMCA, gegenüber dem King David Hotel, hat man eine akustisch ideale Heimstatt gefunden. Konzentration kann man hier greifen. Das 600-Plätze-Auditorium ist der älteste Konzertsaal der Stadt. Außerdem liegen das Music Centre (Präsident: Murray Perahia) und das idyllisch bei der Montefiore-Mühle gelegene Künstlergästehaus der Regierung in Gehweite. Also doch ideale Bedingungen. Die Bashkirova fungiert gern als Aushängeschild und Katalysator, versammelt weltberühmte Musikfreunde und -kollegen, die Jerusalem Foundation finanziert maßgeblich, trotzdem spielen alle gratis. Bereits zum 14. Mal. Und das Publikum bekommt geballte Künstlerkönner wie selten in der Heiligen Stadt. Daniel Barenboim, Baiba Skride, Rolando Villazón, Waltraud Meier, Robert Holl, Emmanuel, Pahud, die Capuçon-Brüder, Gidon Kremer – alle waren sie schon da. »Wir sind wichtig geworden, vielleicht weil die Intifada uns seit Beginn wie ein Schatten begleitet, gegen den wir spielen «, sagt Elena Bashkirova. Wie ihr Mann fährt sie privat mit Musikern immer wieder für ein Schulkonzert in die besetzten Gebiete. Diesmal spielen sie Mozarts Kegelstatt-Trio, ein wenig Jazz. Die Aula war übervoll.
Viele Musiker kommen zum wiederholten Mal. So konnte sich das Jerusalem Chamber Music Festival einen besonderen Platz im weltweiten Konzertkalender reservieren. Es ist kein Kommen und Gehen, sondern ein Bleiben. Gemeinsame Proben, Aufführungen spätnächtliche Essen erzeugen ein anderes Wir-Gefühl, als wenn nur Zelebritäten ihr Saisonprogramm abschnurren. In Jerusalem, von Touristen gemieden, von den Musikern belebt, erfindet die Klassik sich als Friedensmission neu.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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