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Musikstadt

Shanghai: Gespuckt wird nicht mehr

Man denkt bei Shanghai gewiss nicht sofort an klassische Musik, und doch ist die Metropole neben Tokio die asiatische Stadt mit dem hochkarätigsten Musikleben. Aber nicht nur aus diesem Grund würde RONDO-Autor Manuel Brug jeden Fernost-Sehnsüchtigen ohne zu zögern sofort nach Shanghai schicken. Die Stadt ist ein Stück Zukunft, das man schon heute sehen kann.

Endlose Reihen von Hochhäusern, langweilig, banal. Shanghai, 20 Millionen Menschen, viele davon erst in den letzten Jahren in dem aggressiv wachsenden Ballungsraum entlang des Flusses Huangpou gestrandet, schreckt ab, aber fasziniert doch bald. Durch die Modernität der kühlen Beton-, Glas- und Stahlschönheit seiner neuen Stadtviertel mit großzügigen, gepflegten Parks und fantastischer Nachtbeleuchtung. Und durch die im Häuserwirrwarr dann doch noch bewahrten Enklaven chinesischer Kulturgeschichte – Tempel, Theater, ein paar der altmodischen Häuserhöfe und enggedrängten Händlerviertel, die freilich vom Fortschritt heftig benagt werden und sicher nicht mehr lange in Sichtweite der glitzernden Konsumtempel und Verwaltungspaläste stehen werden.
Während in China gegenwärtig die ganze Aufmerksamkeit der Modernisierung der eigentlich langweiligen Metropole Peking gilt, sind die Sonderhandelszone Hongkong und die traditionell westlichere Hafenstadt Shanghai schon viel weiter. Und hätte Peking nicht die imperialen Relikte, die Verbotene Stadt und den Sommerpalast insbesondere, man würde jeden Fernost-Sehnsüchtigen ohne zu zögern sofort nach Shanghai schicken.
Auf dem zentralen People’s Square erhebt sich seit 1998 das Grand Theatre als gläserner, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit mit Kacheln verkleideter Würfel mit himmelwärts gebogenem, scheinbar über seinem Fundament schwebendem Dach. Ein wenig grobschlächtig ist das geraten, doch abends leuchtet die von dem Franzosen Jean Marie Charpentier entworfene Kulturschachtel in vollem, magisch feenschlossähnlichen Glanz. Zehn Stockwerke und vierzig Meter ist sie hoch, beherbergt drei Theater, darunter ein Opernhaus mit 1.800 Plätzen. Darin werden China-Oper und Folkloredarbietungen gezeigt, aber eben auch regelmäßige Gastspiele westlicher Orchester, Solisten, ja ganzer Opernhäuser. Auf der anderen Seite des Huangpou, im Stadtviertel Poudong, liegt das 2004 offiziell eröffnete Shanghai Oriental Art Center. Auch das hat ein Franzose geplant – Paul Andreu. Von oben sehen die fünf Säle wie die Blätter einer Blüte aus, innen führen runde Keramikkacheln in verschiedenen Farben in die Oper, die Konzerthalle, den Ausstellungsraum und das Theater: Die Foyers strahlen durchaus Regenwaldatmosphäre aus. Mag das alles High Tech sein, sophisticated Design, die Chinesen machen es sich überall bequem mit kleinen Coffeeshops, Verkaufsausstellungen von Kitsch und Krempel, aber auch Klavieren oder mit der in allen Versammlungshallen die Böden bedeckenden Masse von Topfpflanzen, die jeder Anmutung von Moderne gleich Wohnzimmeratmosphäre verleihen. Auf einer Empore werden stolz alle Plakate von Orchestergastspielen gezeigt, die bisher hier stattgefunden haben: Es ist von den Wiener über die Berliner Philharmoniker bis zum Amsterdamer Concertgebouworkest die Crème de la Crème des internationalen Klassikbetriebs. Für Europas Glanz und Gloria lassen sich in diesem boomenden Wirtschaftswunderland offenbar leicht potente nationale und internationale Sponsoren finden.
In den Auditorien ist das Publikum erstaunlich diszipliniert, gegessen, gespuckt und telefoniert wird – ganz anders als noch vor ein paar Jahren – nicht mehr. Und wer die Kamera oder das Handy zückt, wird vom aufmerksamen Saalpersonal gleich angelasert – und steckt sein Instrumentarium schuldbewusst wieder weg.
Die Stadt beherbergt auch das Shanghai Symphony Orchestra (SSO), einer der ältesten und einflussreichsten Klangkörper nicht nur in China, sondern in ganz Asien. Seine Geschichte repräsentiert quasi die Geschichte der westlichen klassischen Musik in China. Gegründet 1879 als Shanghai Municipal Public Band mit dem französischen Flötisten Jean Remusat als Dirigenten, hatte es sich 1907 bereits zu einem Orchester von 33 Musikern unter der Leitung des deutschen Rudolf Buck entwickelt. Als der italienische Maestro Mario Paci 1919 die Leitung übernahm, begann sich das Orchester schnell zu vergrößern. Paci holte viele gut ausgebildete Musiker aus Europa in das Orchester. Paci war auch der erste, der in seiner 23 Jahre dauernden Ära ein Orchesterwerk eines chinesischen Komponisten aufführte. Nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 hat sich das Orchester mehrmals umbenannt, bis es im 1956 seinen jetzigen Namen erhielt. Im Oktober 1950 trat mit Huang Yijun der erste chinesische Dirigent mit dem Orchester auf, der gegenwärtige Chefdirigent heißt Long Yu. Man bespielt alle drei Konzerthallen der Metropole, tourt viel, ist auch schon in der Carnegie Hall und in der Berliner Philharmonie aufgetreten, hat diverse CDs für Naxos produziert und arbeitet eng mit Chinas Vorzeigekomponisten Tan Dun zusammen, dessen Filmmusiken man auch eingespielt hat. Maxim Vengerov und Vadim Repin, Yuja Wang, Claus Peter Flor, Renaud Capuçon, Eji Oue und Angela Gheorghiu finden sich auf der SSO-Künstlerliste in dieser Saison. Die brutale Abrisspolitik in der Nachbarschaft überlebt hat zum Glück die Shanghai Concert Hall, ein europäisch anmutendes Gebäude von 1930, das man 2002 sogar um 66 Meter versetzt hat, weil es einer neuen Straße im Weg stand. Hier fanden bis zu Errichtung der neuen Säle alle Auftritte statt, heute werden meist kleinere Konzerte vor bis zu 1.200 Zuschauern abgehalten. Shanghai beherbergt auch die älteste und traditionsreichste Musikhochschule Asiens. Nahe eines der modernen Einkaufsboulevards westlicher Machart liegt der neue, weitläufige Campus des Shanghai Conservatory of Music. Hier wird eine junge Musikerelite geschmiedet, eine die den permanenten Austausch mit den berühmten Musikinstituten der westlichen Welt sucht. Und doch gehen Chinas Uhren – bei aller Westgewandtheit – noch etwas anders. Das wurde etwa bei einem Workshop des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten der Expo im letzten Mai auffällig. Es war ein Vergnügen, zuzusehen und zuzuhören, wie Sir Roger Norrington in gelben Strümpfen den sorgsam ausgewählten Elitestudenten auf den Stuttgarter Non-vibrato-Sound einschwor. Erst verstanden die Chinesen nur Barock-Bahnhof, waren schüchtern und hatten ihre liebe Mühe damit, den historischen Abschweifungen des Sirs zu folgen, geschweige denn diese umzusetzen. Doch mit jeder Probestunde wurden die jungen Musiker mutiger und im öffentlichen Konzert flutschte es dann geradezu. Shanghai, das ist eben nicht nur Gestern und Morgen, koloniale Vergangenheit an der weltberühmten Uferpromenade Bund, exotische Legenden und machtvoller Stadtumbau – das ist neben Tokio auch die Stadt Asiens, in der die klassisch westliche Musik am meisten und auf dem höchsten Niveau gepflegt wird. Und davon wird man immer öfter hören.

Manuel Brug, RONDO Ausgabe 3 / 2011



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