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(c) Marco Brescia

Verdi-CD-Neuheiten

Jubeljahr oder Magerquark?

Quantitativ könnte die CD-Ausbeute einen Nachschlag vertragen, qualitativ aber darf man mehr als zufrieden sein.

Bis vor wenigen Wochen hätte man glauben können, 2013 wäre ausschließlich ein Wagner-Jahr. Doch jetzt trudeln nach und nach die ersten Verdi-Neuheiten ein. Bei den Opern allerdings herrscht nach wie vor Stille. Lediglich von der „Messa da Requiem“ (Decca/Universa) ist uns eine neue Aufnahme vergönnt. Die aber hat es in sich. In dem Mailänder Live-Mitschnitt vom August vergangenen Jahres sorgt ein inspirierter Daniel Barenboim ebenso für aufwühlende Dramatik wie für delikate Innigkeit. Vier großartige Solisten (Anja Harteros, Elīna Garanča, Jonas Kaufmann, René Pape) singen und gestalten wunderbar differenziert, ziehen also nicht wie oft üblich eine Vokal-Show ab, sondern liefern das beeindruckendste Requiem seit 30 Jahren. Auch Chor und Orchester der Scala leisten ganze Arbeit. Exemplarisch!

Ansonsten muss man mit Arienprogrammen vorlieb nehmen. Und da scheinen die Tenöre die Alleinherrschaft für sich proklamieren zu wollen. Nur eine weibliche Stimme ist in diesem Männerchor zu vernehmen: Anna Netrebko präsentiert nach fünf Jahren wieder einmal eine Solo- CD. Die hervorragend gelungen ist, auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Auswahl nach Marketingstrategischen Erwägungen getroffen wurde. Unter den fünf Partien finden sich nämlich drei, in denen die Sopranistin demnächst debütieren wird. Was nichts an der Qualität ändert. Ihre Lady Macbeth, mit der sie „Verdi“ (DG/Universal) eröffnet, ist eine Wucht. Schon beim Lesen des Briefes in der Auftrittsszene horcht man auf, doch fasziniert Netrebko in allen drei Lady-Arien (nur das Brindisi aus dem zweiten Akt wurde ausgespart) mit ungeheurer Leidenschaftlichkeit. Nach dieser Intensität gleich zu Beginn haben es die anderen Ausschnitte schwer mitzuhalten, aber bis auf eine etwas schwächere Troubadour- Leonora bieten alle ein hohes Niveau.

Neben der Russin sind es drei Tenöre und ein ehemaliger, die eine Hommage zum Verdi-Jahr beisteuern. Plácido Domingo verlegt sich seit einigen Jahren auf Baritonrollen und hat folgerichtig ein Album mit den tiefer gelegten Verdi-Helden aufgenommen. Leider ist „Domingo Verdi“ (Sony) aber nur eingefleischten Fans zu empfehlen. Zu müde und leiernd klingt die Stimme, auch bereiten ihm mittlerweile selbst Baritonhöhen unüberhörbare Schwierigkeiten. Sehr erfreulich hingegen Rolando Villazón, der seit seiner schweren Stimmkrise nie besser war als auf „Villazón Verdi“ (DG/ Universal), wo er auch mit frühen Arien und Liedern zu hören ist. Ein wahres Juwel ist Jonas Kaufmanns Debüt beim neuen Label, „The Verdi Album“ (Sony) ist exzellent gesungen und textlich sorgfältigst gestaltet. Bleibt noch die derzeit prächtigste Tenorstimme im italienischen Fach, die eine Tophöhe mit dem nötigen Squillo vereint, ihren Besitzer Piotr Beczala hier aber auch des Öfteren zum Angeben verleitet („Verdi“, Orfeo).

Wer wissen möchte, wie man Verdi früher gesungen hat, wird in der „Singers“-Reihe von Sony fündig. Dort wurde dankenswerterweise ein ganzer Stapel von Recitals wiederveröffentlicht, die ohne Einschränkungen zu empfehlen sind. Auch die Frauen- Quote fällt mit sechs Sopranen gegenüber zwei Tenören und einem Bariton deutlich höher aus als bei den aktuellen Neuheiten. Das älteste Album datiert aus den frühen 50er-Jahren und macht mit einer der großen Met-Primadonnen bekannt, die in Europa allerdings nie so richtig bekannt wurde: Eleanor Steber („Verdi Heroines“).

Aus dieser Zeit stammt auch die Arien-Auswahl mit Leonard Warren, einer der üppigsten, sonorsten Bariton-Stimmen überhaupt („Verdi Baritone Arias“).

Ein ähnliches Schicksal wie Steber war auch Eileen Farrell beschieden, die in den USA ein echter Star war, deren Name bei uns aber bis heute nur Eingeweihten ein Begriff ist – sehr zu Unrecht, denn ihren enorm voluminösen, dabei stets flexiblen dramatischen Sopran sollte man gehört haben („Verdi Arias“).

Zusammen mit Richard Tucker hat sie 1961 auch fünf Duette aus späten Verdi - Opern aufgenommen („Great Duets From Verdi Operas“). Doch hat Tucker drei Jahre danach auch eine eigene Platte eingespielt („Richard Tucker Sings Arias From Ten Verdi Operas“).

Ein ganz besonderes und unbedingt hörenswertes Schmankerl ist mit Anna Moffos „A Verdi Collaboration“ nach sehr langer Zeit wieder erhältlich. Auf die weniger bekannten Arien hat sich Montserrat Caballé 1967 in bestechender vokaler Verfassung konzentriert („Verdi Rarities“).

Bei Leontyne Price sind es dagegen Ausschnitte aus populären Opern („Verdi Heroines“), die da auf zwei CDs – auch aus Gesamtaufnahmen – zusammengestellt sind. 1974 brachte Renata Scotto ein Verdi-Album heraus, auf dem sie mit der ihr eigenen Hingabe überzeugt („Renata Scotto Sings Verdi“). Letzter in diesem illustren Kreise ist Luciano Pavarotti, der Ende der 70er-Jahre bravourös geratene Ersteinspielungen von einem halben Dutzend Alternativarien vorlegte („Premieres“).

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2013



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