Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Shawn Peters

Gregory Porter

Seelsorger

Vom Football-Spieler zum Verteidiger der schwarzen Musiktradition: Der neue Star des Jazz-Gesangs liebt Vögel und will wie Wasser sein.

Gregory Porter ist in vielerlei Hinsicht eine der bemerkenswertesten Erscheinungen der aktuellen Jazzszene: Über 1,90 Meter misst er, hat das mächtige Kreuz eines Türstehers und trägt als Erkennungszeichen stets Mütze und eine Art Sturmhaube, was entfernt an den Kopfschutz eines Boxers erinnert. Aber wenn der 41-Jährige seinen Mund öffnet, kann man sich keinen sanfteren Menschen vorstellen. Auch auf seiner neuen, inzwischen dritten CD, geht es in seinen Liedern immer wieder um den Respekt vor den kleinen Dingen des Lebens, um die Liebe zur Mutter oder die Natur.
„Oh ja, ich liebe die Natur“, sagt Porter mit einem freundlichen Grinsen, „meine Frau lacht mich immer aus, wenn ich rausgehe, um Vögel zu beobachten.“ Da steckt zweifellos ein großes Herz in einem nicht minder mächtigen Körper, der eigentlich für etwas ganz anderes gemacht zu sein schien: Porter hätte Football-Spieler werden sollen, aber eine Schulterverletzung stoppte die Karriere des vielversprechenden Defensivmannes frühzeitig. Als sanfter, aber bestimmter Verteidiger der Traditionslinien des afroamerikanischen Musik-Erbes hat der in Kalifornien geborene Hüne allerdings einen Platz gefunden, den ihm so schnell keiner streitig machen dürfte.
Das Wasser sei sein Vorbild, erklärt der Bariton mit Bezug auf den Album-Titel „Liquid Spirit“ und den Song „Water Under Bridges“, den er im Duo mit dem Pianisten Chip Crawford vorträgt: „Ich versuche, ähnlich organisch zu sein und all jene Bereiche auszufüllen, die mir erlauben, das zu sein, was ich bin: ein Jazzsänger, der vom Blues, von den Gospels und der Soul-Musik beeinflusst wurde.“ Abbey Lincoln, deren „Lonesome Lover“ er auf der CD interpretiert, Nat King Cole, den Chor der mütterlichen Kirchengemeinde, Leon Thomas sowie Nina Simone zählt der Vokalist und Lyriker zu seinen wichtigsten Inspirationsquellen. Und damit ist nicht nur seine Musik gemeint, die sich vom Sound her an die 60er Jahre anlehnt, sondern auch das Benennen von sozialen Missständen und grassierender Geschichtsvergessenheit.
Am deutlichsten wird Porter in dieser Hinsicht im Stück „Musical Genocide“, in dem er sich mit der Dumpfheit momentaner Musikströmungen beschäftigt. „In den 70er Jahren existierten noch sehr viele Lieder, die von der Liebe, der Familie, dem Planeten sprachen. Inzwischen gibt es jede Menge Musik da draußen, die einfach nur aus einer enormen Leere besteht“, stöhnt der Sänger, „das ist der Tod des Soul.“ Gut, dass der am meisten begnadete Seelsorger der Jazz-Gegenwart so ein breites Kreuz hat.

Liquid Spirit

Gregory Porter

Blue Note

Josef Engels, RONDO Ausgabe 4 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Testgelände

Virtuelle Konzertsäle

Live, in Farbe und im Internet

Sind die deutschen Klassik-Hörer wirklich Digital-Muffel, wie gerne behauptet wird? Zumindest im […]
zum Artikel »

Blind gehört

Neu erschienen:

Alban Gerhardt: „Da spielt ein Charakterschwein!“

zum Artikel »




Top