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jazzwerkstatt

Die Planschmiede

Ulli Blobel ist der Mann hinter der rührigen Jazzinitiative der Bundeshauptstadt: ein Hausbesuch.

Mit weit über 200 CDs in sechs Jahren prägt das gleichnamige Label des Fördervereins jazzwerkstatt Berlin Brandenburg e. V. das Bild vom sogenannten Hauptstadtjazz. Der Verein heißt nach der legendären Jazzwerkstatt Peitz. Sein Gestalter, Ulli Blobel (62), war als deren Mitbegründer von 1973 bis 1982 an der Entwicklung der Free Jazz Szene in der DDR nachhaltig beteiligt. Mit seinem Freund Jimi Metag holte er den Jazz in die brandenburgische Provinz, bis das inzwischen internationale Projekt 1982 verboten wurde. Blobel durfte nach Wuppertal ausreisen, erwirtschaftete mit einer Vertriebsgesellschaft ein erhebliches Rücklagenpolster; dem Jazz aber war er jahrzehntelang abhanden gekommen.
Im Jahr 2005 bittet ihn Rainer Bratfisch um einen Artikel für ein Buch über den Jazz in der DDR; Blobel willigt ein, trifft bei der Buchvorstellung auf alte Mitstreiter und hört vom desolaten Zustand der Berliner Szene. „Da hatte mich der Jazzbazillus wieder. Ich wollte mich unbedingt wieder mit dem Jazz in Berlin beschäftigen“, erinnert er sich. Mit seiner Frau zieht er in die Hauptstadt. Ein Jahr später gibt es den Förderverein. „Mit unserer Musik ist man auf Fördergelder angewiesen, also muss man als gemeinnütziger Verein organisiert sein – und natürlich den Gremien kreative Projektvorschläge machen. Natürlich ist es gut, wenn man viele Leute kennt, berufliche Erfahrung und das Alter sind da ein Bonus.“
Blobel erweist sich als begnadeter Netzwerker. Fördergelder fließen, es besteht eine enge Kooperation mit dem rbb; im Konzertsaal des Institut Français werden zwei bis drei Konzerte im Monat veranstaltet, man ist in Potsdam präsent und baut nun eine jazzwerkstatt-Reihe in Hamburg auf. Das Festival in Peitz wurde wiederbelebt, viele CDs, aber auch DVDs und Bücher wurden roduziert. Blobel betont: „Schon immer habe ich alle Musiker zu meinen Konzerten eingeladen, damit man sich sieht, trifft und Pläne schmieden kann. Und so ist es mir gelungen, alle Berliner Musiker – zumindest die der avantgardistischen Art – unter der Fahne der jazzwerkstatt zu vereinen.“ Sein Credo als Platten-Macher lautet: „Die Musik auf meinem Label entsteht in der Verantwortung des Bandleaders nach vorausgehenden Grobabsprachen, sie ist absichtlich nicht produziert etwa im Sinne von ECM.“ Den rückläufigen CD-Verkaufszahlen begegnet Blobel mit einer vermehrten Buchproduktion und der Veröffentlichung von LPs. „Es gibt eine Riesennachfrage nach Vinyl in Übersee. Bei LPs mit Klappcovern kann ich großformatig tun, was ich liebe: Musik mit bildender Kunst und gestaltetem Wort zusammenfügen.“ Und mit Stolz verweist er noch auf Phil.harmonie, sein Label, das nach dem Vorbild der jazzwerkstatt mit Kammermusikern der Berliner Philharmoniker entstanden ist.

The Great Pretender

Lester Bowie

jazzwerkstatt/Naxos

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2013



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