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Hélène Grimaud

Kampf mit dem Riesen

Mit dem zweiten Klavierkonzert von Brahms hat die Pianistin lange gerungen – und jetzt ihren Frieden geschlossen.

Wenn sich Hélène Grimaud über Brahms äußert, klingt das immer so, als würde sie auch über sich selbst sprechen. Verletzlich und unbesiegbar klinge seine Musik, sagt sie – und irgendwie passt das an diesem Tag in Hamburg auch auf sie selbst. Grimaud ist stark erkältet, ein Virus, den sie sich eine Woche zuvor bei ihrem Gastspiel in Moskau eingefangen hat. Einen Auftritt in Bonn musste sie absagen, in Hamburg hat sie dann doch gespielt, Brahms’ 1. Klavierkonzert. Jetzt, am Tag darauf, präsentiert sie ihre neue CD in den Hallen des Klavierbauers ihres Vertrauens und spricht mit Journalisten. Sie schnupft und hustet, ihr Gesicht verbirgt sie noch etwas mehr hinter ihren offenen Haaren als sonst. Ob sie nicht vielleicht doch eine kleine Pause braucht? Grimaud lächelt, atmet einmal tief durch, schaut einen mit diesen ziemlich speziellen, wasserklaren Augen an und verneint dann bestimmt.
Zerbrechlichkeit und eiserne Härte: Die französische Pianistin gehört zu jenen Künstlern, die beides zu vereinen scheinen. Die zwei Klavierkonzerte von Brahms gemeinsam aufzunehmen, ist vor allem ein Statement der Stärke. Beide Werke sind Ungetüme sinfonischen Ausmaßes. Ansonsten sind sie so unterschiedlich in Struktur und Charakter, dass man kaum glauben will, dass beide derselben Gattung angehören: hier das dreisätzige erste Konzert in d-Moll, mit dessen Komposition der 21-jährige Brahms unter dem Eindruck von Robert Schumanns Suizidversuch begann; dort das viersätzige Konzert in B-Dur, gut zwanzig Jahre später entstanden, in dem schon geklärte Reife zu hören ist. Beide gemeinsam aufzunehmen ist eine Kür, die von Brahms nicht gefordert scheint – und sagt deshalb viel über Mut und Willenskraft des Interpreten aus: Seht her, ich kann es mit beiden Riesen zugleich aufnehmen!
Für Hélène Grimaud ist der eine Riese ein vertrauter Freund, mit dem anderen musste sie lange kämpfen. Sie liebt das d-Moll-Konzert, seitdem sie es als 13-Jährige zum ersten Mal gehört hat. Es sei ein Erlebnis gewesen, das sie grundlegend verändert habe, erzählt sie. Weil sich ihr plötzlich eine Klangwelt auftat, in der so ziemlich alles enthalten war, was sie bewegte. Vielleicht auch weil d-Moll ihre Lieblingstonart ist. Grimaud ist Synästhetikerin, sie sieht Farben, wenn sie Klänge hört. Und d-Moll ist für sie blau, ihre Lieblingsfarbe. Welche Farbe hat für sie das B-Dur des zweiten Klavierkonzertes? „Gelb, warmes Gelb“, sagt sie. Mag sie gelb? Sie lacht und sagt dann, dass sie gelernt habe, gelb zu mögen.

Das Problem-Stück "klopfte von innen an die Tür"

Nachdem sie 1997 das d-Moll-Konzert mit Kurt Sanderling aufgenommen hatte, sprach Grimaud noch ganz munter davon, dass sie nun möglichst bald auch das zweite Klavierkonzert von Brahms spielen wolle. Es sollte zehn Jahre dauern, bis es dazu kam. Immer wieder nahm sie sich vor, das Werk auf ihr Programm zu setzen, immer wieder schob sie es auf. Sie tat sich mit dem Charakter des Stückes schwer, das Konzert blieb ihr fremd. 2007 sollte sie es mit Michael Gielen beim Rundfunkorchester des SWR spielen, sie zauderte und überwand sich erst im letzten Augenblick. Sie wohnte damals in Berlin. Zwei Wochen lang übte sie im Klavierraum im Keller der Berliner Philharmonie und studierte das Konzert ein. Es war das erste Mal, dass sie sich durch ein Stück hindurch zwang.
Auf dieses Erlebnis blickt sie heute mit gemischten Gefühlen zurück. „Es gehört zur Realität vieler Künstler, dass sie unter Druck kreativer sind“, sagt sie. Andererseits sei das Ergebnis für sie trotzdem unbefriedigend gewesen. Sie spielte das Konzert mit Michael Gielen in Freiburg, im Anschluss in Toronto. Es war für sie eine Enttäuschung. „Es war wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung: Ich hatte nicht das Gefühl, dass es gut werden würde und so wurde es dann auch. Ich hatte die Entscheidung, das Konzert zu spielen, im Kopf getroffen, aber nicht von innen heraus.“
Danach hatte sie mit dem B-Dur-Konzert eigentlich abgeschlossen, sie wollte es nicht mehr spielen. Bis dann vier Jahre später das Problem-Stück „von innen an die Tür klopfte“, wie sie es ausdrückt. Ein weiteres Jahr später nahm sie es mit Andris Nelsons und den Wiener Philharmonikern für die neue CD auf.
Für die Pianistin schloss sich damit ein Kapitel, mit dem sie sich lange herumgetragen hatte. Nach Ende der Aufnahme habe sie ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit empfunden, erzählt sie – etwa einen Monat lang; dann sei dieses Gefühl wieder verpufft. Es gehört zum Leben eines Künstlers, dass immer wieder alles von vorne beginnt. Bald 50 Mal wird Grimaud das d-Moll-Konzert in dieser Saison spielen, nur wenige Male das in B-Dur. Die Herausforderung wird bei jedem Auftritt neu sein. „Das macht den Reiz unseres Berufes aus“, sagt sie.
Grimaud ist eine Künstlerin, deren Tätigkeit sich nicht nur auf die Musik beschränkt. In diesem Monat wird in Frankreich ihr mittlerweile drittes Buch erscheinen. Es geht darin, natürlich, um Brahms, um die deutsche Romantik – und um Umweltschutz. Grimaud hat in den 90er Jahren nördlich von New York ein Zentrum für die Aufzucht von Wölfen gegründet, darüber ein Buch geschrieben und musste fortan damit leben, dass man bei ihrem Namen vor allem an die „Frau mit den Wölfen“ dachte. Das hat sie auf die Dauer ziemlich genervt, sie zog nach Europa und suchte Distanz. Nun wird sie ihren Wohnort in der Schweiz wieder verlassen und zurück nach New York ziehen. Sie müsse sich wieder mehr um ihr mittlerweile stark gewachsenes Wolfs-Projekt kümmern, erzählt sie. Die Wölfe fehlen ihr – und sie hat das Gefühl, wieder eine neue Seite in ihrem Leben aufschlagen zu müssen. Es ist mal wieder Zeit für ein frisches Kapitel.

Johannes Brahms

Die Klavierkonzerte

Hélène Grimaud, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Wiener Philharmoniker, Andris Nelsons

DG/Universal


Eine Sonate ist eine Sinfonie ist ein Konzert

Die Keimzelle von Brahms’ 1. Klavierkonzert war eine Sonate. 1854 konzipierte er das Stück für zwei Klaviere, merkte aber bald, dass seine musikalischen Ideen die Grenzen dieser Gattung sprengen würden. Er versuchte, das bis dahin Komponierte zu einer Sinfonie umzuschreiben, fühlte sich allerdings mit dem Orchesterapparat noch nicht vertraut genug. Der Gedanke an ein Klavierkonzert kam ihm dann im Schlaf. Jedenfalls schrieb er Clara Schumann in einem Brief, er habe geträumt, dass er seine „verunglückte Symphonie“ für ein Klavierkonzert verwendet habe. Fünf Jahre später fand in Leipzig die Uraufführung statt, die Resonanz auf das Werk war – desaströs.


Clemens Haustein, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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