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Yannick Nézet­-Séguin

Die Kampfschildkröte

Yannick Nézet­-Séguin gilt als eine der stärksten Dirigentenhoffnungen der Gegenwart – zu Recht.

Unter Journalisten ist das Turtle-Tattoo – seine Schulter-Tätowierung in Form einer Schildkröte – fast bekannter als Yannick Nézet-Séguin selber. Facebook-Freunde wissen, wovon ich rede. Den anderen muss gesagt werden, dass „Yannick“, wie man den ekstatischen Kanadier tituliert, keine Freundschaftsanfragen mehr akzeptiert. Überlastet! Auch Klassik-Freunde dürsten anscheinend nach Abwechslung. Und sei es auch nur in Form einer Hautbemalung. (Vorübergehend sollen auch Brustpiercings zu sehen gewesen sein.)
Mit einer kleinen Schildkröte hat der Dirigierstil des 38-Jährigen sogar etwas zu tun. Wer Nézet-Séguin springen, ächzen und nach Luft schnappen gesehen hat, während er vor einem Orchester steht, dem wird eine gewisse Ähnlichkeit nicht entgangen sein. Von der Tatsache zu schweigen, dass der kleine Kerl in den letzten Jahren wahrnehmbar an Masse zugelegt hat. Und doch gibt es keinen motivationsfähigeren, sein Publikum schneller erobernden Dirigenten als den jovialen, stämmigen Strahlemann aus Montréal.
Lohn des Erfolgs: Seit 2010 ist er Chef des großartigen Philadelphia Orchestra – das er aus der Pleite wieder in die schwarzen Zahlen führte. Seit 2008 reüssiert er außerdem beim Rotterdam Philharmonic Orchestra als Nachfolger von Valery Gergiev. Steiler geht’s nicht. Die Deutsche Grammophon legte für ihn einen eigenen Mozart-Zyklus auf. Soeben neu: „Così fan tutte“ mit Miah Persson und Rolando Villazón.
Typischerweise beruht Yannicks Aufstieg aber auf einer soliden, von langer Hand gelegten Basis. Mit zehn Jahren beschloss er, Dirigent zu werden. „Ich hatte meinen Chorleiter gesehen. Und Charles Dutoit“, berichtet er. „Meine Eltern hüteten sich, mich von meinem Berufswunsch abzubringen.“ Beide sind Professoren der Pädagogik und traten sogar in den Chor ein, als Nézet-Séguin diesen mit 19 Jahren übernahm. Bis heute sieht er das Chordirigieren als seinen Ausgangspunkt. Und bilanziert korrekt: „Meine Entwicklung ist eigentlich langsam verlaufen.“
Mit 20 Jahren gründete YNS sein eigenes Barockensemble: La Chappelle de Montréal. „Ich blieb acht Jahre.“ Mit 22 ging er parallel zur Opera of Montréal. „Ich kannte kaum Repertoire, man hatte mich aus heiterem Himmel kontaktiert.“ Wieder biss sich der zähe Bursche fleißig in die neue Aufgabe hinein. Und mit einer Portion Größenwahn. „Ich hatte zwei Monate, um mir so viel Repertoire draufzuschaffen wie möglich.“

Er repräsentiert genau jenes Modell einer Dirigentenkarriere, das man Anfängern gern empfiehlt.

Seine einzige Sicherheit: „Mit 25 Jahren“, so Nézet-Séguin, „befindet man sich in einem Alter, in dem man glaubt, nichts verlieren zu können.“ Er gewann. Bei einem Gastdirigat in Mexico City trat ein Manager aus Rotterdam vor ihn hin mit der Botschaft, er suche einen Nachfolger für Gergiev: „Probieren wir’s aus!“ Wieder verwandelte Nézet-Séguin die Chance überlegen. Mittlerweile liegen ihm die Holländer landesweit zu Füßen.
Echte Inspiration schließlich kam durch den späten Carlo Maria Giulini, den legendären Dirigenten. „Ich wusste, dass er keine Schüler akzeptiert“, so Nézet-Séguin. „Ich schrieb ihm.“ Giulini lud ihn zu Proben ein. „Dabei lernte ich, dass es ein Fehler ist, Schönheit und Emotion als Gegensätze zu betrachten. Beide sind voneinander untrennbar, wenn man sie in natürlicher Weise aufeinander bezieht.“
Ist Nézet-Séguin, alles in allem, also ein geborenes Glückskind? „Nein, eher eine Mischung aus Talent und Fleiß“, wiegelt er ab. Und fühlt sich für vieles noch unreif. „Wagner zum Beispiel will ich nicht dirigieren, bevor ich 40 oder 50 Jahre alt bin.“
So repräsentiert er genau jenes Modell einer Dirigentenkarriere, das man Anfängern gern empfiehlt. Wie solide er sich für seine Rolle als einer der ganz Großen positioniert, zeigt sich an seinen Aufnahmen: Obwohl sein Philadelphia Orchestra die ersten wichtigen Einspielungen von Strawinskis „Sacre du printemps“ überhaupt machte (damals unter Leopold Stokowski und Eugene Ormandy), scheut Yannick den Vergleich nicht etwa, im Gegenteil. Und präsentiert das Werk als klingende Visitenkarte auf seiner DebütCD aus Philadelphia. Souverän.
Mit dem quasi offiziellen Kosenamen „Yannick“ ist NézetSéguin übrigens der wohl erste Dirigent seit „Lenny“ Bernstein, den das Publikum in Amerika beim Vornamen nennt. Geradezu zärtlich. „Und was ist mit ‚Herby’ Karajan!?“, kontert er schlagfertig. Nun, Karajan hasste die zutrauliche Titulatur. Woran sich ablesen lässt, wie sehr sich die Dirigentenwelt seither gelockert hat.
Klein gewachsen ist er natürlich auch – ähnlich wie Karajan. Springt aber trotzdem mehr als dieser. „Meine erste Chor-Lektion, als ich 14 war, bestand in der Erkenntnis: Weil du klein bist, musst du größere Bewegungen machen. Ich mag es, das Orchester zu umarmen!“ – Sind nicht die allermeisten Dirigenten ohnehin klein? „Und ob!“, so Nézet-Séguin. „Als ich das erste Mal Antonio Pappano gegenüberstand, merkte ich, dass er noch kleiner ist als ich“, lacht er. „Also kniete ich.“ Und lacht noch lauter.
Niemand wird sich darüber wundern, dass auch Yannick Nézet-Séguin als möglicher Nachfolger von Simon Rattle in Berlin gilt. „Ich habe mich nie als Kandidaten für irgendein Orchester betrachtet“, wehrt er ab. „In Rotterdam dachte ich, die hassen mich.“ Wer so alert abblockt, der bleibt. Vergessen Sie eine Weile Gustavo Dudamel und Andris Nelsons. Nézet-Séguin ist, musikalisch betrachtet, die gefährlichere Kampfschildkröte. Die sitzt auf der leichten Schulter, auf die er alles nimmt – und weiß Bescheid.

Peter Tschaikowski

Symphonie Pathétique u.a.

Lisa Batiashvili, Yannick Nézet-Séguin, Rotterdam Philharmonic Orchestra

DG/Universal


Magische Hände

Gut, dass endlich jemand etwas für Leopold Stokowski (1882–1977) tut. Der große Vorgänger am Pult des Philadelphia Orchestra – er begründete den „Philadelphia-Sound“ – gilt heute nur noch als zweifelhafter Verfertiger vermeintlich schmieriger Bach-Arrangements. Total ungerecht! Stokowski war der technisch innovativste Dirigent seiner Zeit. Karajan bewunderte und kopierte ihn. Und importierte seine „amerikanische“ Orchesteraufstellung nach Europa. Die Klangmagie Stokowskis, der seine Hände mit Vorliebe von einem Spot anstrahlen ließ, revolutionierte die Ästhetik, indem er sie klangsinnlicher machte. Wir haben etwas gutzumachen an Leopold Stokowski.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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