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Musikstadt

Genf

Lebensfrohe Rätoromanen statt verkniffene Calvinisten in kahlen Kirchen: Die Stadt versteht es, zu überraschen.

D rittteuerste Stadt der Welt (gleich nach Zürich und Tokio), Geschäfts- und Kongressmetropole, Ort der Banker und Beamten, nicht mehr Schweiz und noch nicht Frankreich, kostspielig, elegant, aber auch schnöselig und langweilig: Die knapp 200.000 Genfer haben keinen besonders guten Ruf.
Aber was heißt hier Genfer: Fast die Hälfte der Bevölkerung, die mit Blick auf den Mont Blanc und das Wahrzeichen lebt – die bis zu 140 Meter hohe „jet d’eau“-Fontäne im See, der auf französisch Lac Lémant heißt – hat keinen Schweizer Pass. Sie arbeitet für die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation, das UnoFlüchtlingskommissariat, das Rote Kreuz oder die Pfadfinder. So mischen sich dann doch die Lebensformen und Völkertemperamente, und die Einkaufs- und Geschäftsstadt ist durchaus auch eine der Kunst geworden.
Da gibt es sehr besondere Museen, nicht nur das Zollfreilager, das wegen der dort zwischengelagerten Kunstwerke sogar als größtes Museum der Welt gilt, sondern etwa die wunderbare Afrika-Sammlung des Ehepaars Barbier-Mueller mit mehr als 7000 Objekten auch aus der überseeischen Stammeskunst und der klassischen Antike. In einem alten Palais im Schatten des Doms, hoch oben in der atmosphärischen Altstadt, ist sie herrlich präsentiert.
Ganz anders geartet sind die Schätze des Musée d’Art et d’Histoire in einem großzügigen ArtNouveau-Bau, wo zwischen Waffen und holzgetäfelten Schweizer Stuben aus einer großen Bilderkollektion sowie Kunstgewerbe besonders die feine Sammlung der empfindlichen Pastelle des Genfers Jean-Étienne Liotard (1702–1789) herausstechen.
Und dann ist da noch das Musée Rath, ein neoklassizistischer Bau aus Jurakalkstein an der Place Neuve, direkt unterhalb der Altstadt, wo immer wieder spannende Wechselausstellungen gezeigt werden, nicht selten auch zum Thema Musik. Denn gleich daneben liegt das Grand Théâtre. Das neue Opernhaus wurde von 1875 bis 1879 dank eines Vermächtnisses von Herzog Karl II. von Braunschweig gebaut. Der Architekt Jacques-Elisée Goss inspirierte sich an der 1875 in Paris er- öffneten Opéra Garnier im Second Empire Stil, freilich ohne deren Raffinesse und Individualität zu erreichen. Davon zeugen heute freilich nur noch die Außenfassade, das Entrée und das Prunkfoyer mit seinen akademisch rosa Nackten, Putten und Kandelabern. Austauschbare Belle Époque der industriellen Art – die heute freilich interessant und eigenwillig, aber nicht freiwillig gebrochen ist.
Denn am 1. Mai 1951 zerstörte ein Brand während einer Probe (ausgerechnet während des 3. „Walküre“-Aktes mit dem Feuerzauber) den Bühnenteil und den Zuschauerraum des Grand Théâtre. Er wurde 1962 nach intensiver Restaurierung wieder eröffnet. Der Zuschauerraum wurde dabei komplett umgebaut. Der Originalsaal von 1879 war hufeisenförmig im italienischen Stil. Der neue Zuschauerraum mit seinen glatten Holzflächen ist nur leicht gebogen, mit kompletter Blickfreiheit von allen 1488 Sitzen. Statt des Mittellüster gib es nun eine vom Proszenium-Rahmen sich schräg nach oben schwingende Decke aus Aluminium, Gold- und Silberelementen und Muranoglas von dem polnischen Künstler Jacek Stryjeński, die Milchstraße darstellend, die sich auf der anderen Seite wie ein Bogen im eisernen Vorhang fortsetzt.
Hier wurde seit der Wiedereröffnung (mit dem französischen „Don Carlos“) pompöse Oper à la française gepflegt, mit großen Sängern, die für das Stagione-Haus teuer eingekauft wurden. Sogar eine eigene Balletttruppe hat man seit dem Neubeginn. So war man immer ein Wurmfortsatz Frankreichs, ohne wirklich aufzufallen. Dafür standen die Intendanten Jean-Claude Riber (1973–1980, der dann nach Bonn wechselte, um die damals noch vom Bund üppig subventionierte „Scala am Rhein“ zu übernehmen), Hugues Gall (1980–1995, der anschließend die Pariser Opéra erfolgreich führte), die ehemalige Mezzosopranistin Renée Auphan (1995–2001) und Jean-Marie Blanchard (2001–2009), der das Haus vorsichtig neueren Regietendenzen öffnete. Bei ihm wurde Olivier Py mit diversen Produktionen von Wagners „Tristan“ bis Webers „Freischütz“ bekannt.

Genf ist das drittteuerste Pflaster der Welt

Beim Ballett lösten sich Janine Charrat, Serge Golovine, Patricia Neary, die vor allem auf ihre Vergangenheit als BalanchineBallerina setzte, Peter van Dyck, als erster Choreograf Oscar Araiz und Gradimir Pankov ab. Seit 2003 ist Philippe Cohen Ballettdirektor. In der Oper versucht hingegen nun seit 2009 der Deutsche Tobias Richter, Sohn des legendären Bach-Dirigenten Karl Richter, mit wechselhaftem Erfolg, das Haus weiter zu modernisieren. Doch selbst ein Christof Loy, den er aus Düsseldorf mitbrachte, ist den konservativen Genfern schon zu modernistisch.
Immerhin ist es Richter gelungen, die vielumschwärmte Diana Damrau, die inzwischen in Zürich wohnt, mit einem Residenzvertrag an die Oper zu binden. So debütierte sie hier bereits als Donna Anna und als Mignon. Richters ambitioniertestes Projekt: ein neuer „Ring des Nibelungen“, den der Münchner Altmeister Dieter Dorn gegenwärtig mit Jürgen Rose zaubert, Ingo Metzmacher steht am Pult. Im November ist die „Walküre“ dran. „Das Rheingold“ war einfach theatralisch erzählt und vielversprechend.
Überhaupt ist hier, gegenüber dem Parc des Bastions, das Viertel der Musik. Nur die Salle Théodore Turrettini, nach dem Erbauer des alten Wasserkraftwerks in der Rhone genannt, steht etwas abseits. Diese hat 945 Sitze und ist wie eine Holzschachtel in das denkmalgeschützte Industriegebäude eingepasst. Zuerst nur als temporäre Bühne während eines Umbaus in den Neunzigern geplant, werden jetzt hier Ballettaufführungen, Kammeropern und Barockopern gespielt. Auch das 1992 gegründete Orchestre de Chambre de Genève, das heute von Arie van Beek geleitet wird, tritt dort auf.
Doch gleich neben dem Grand Théâtre und dem schönen Café lyrique mit seinen verführerischen pâtisseries liegen nicht nur das Konservatorium, wo ebenfalls die berühmtesten Quartett- und Kammermusikformationen auftreten, und die Musikbibliothek, sondern auch die schmale, außen klassizistisch strenge, von einer Allegorie der Harmonie beschirmte, innen üppig mit Gold und Stuck dekorierte Victoria Hall. Sie wurde 1891– 1894 von dem Architekten John Camoletti gebaut und finanziert durch den Konsul von England, Daniel Fitzgerald Packenham Barton, der sie Queen Victoria widmete und der Stadt Genf schenkte. Doch auch hier hat es einmal gebrannt, und so sind die Deckenmedaillons über den 1640 Sitzplätzen heute durch moderne Arbeiten ersetzt.
Die Victoria Hall, wo auch Chansons und Jazz gepflegt werden, ist der Sitz des Orchestre de la Suisse Romande (OSR), welches 1918 von Ernest Ansermet gegründet wurde, der es bis 1967 dirigierte und weltberühmt machte – nicht zuletzt durch seine zahllosen Einspielungen für die Decca. Ihm folgten unter anderem für zehn Jahre Wolfgang Sawallisch, Horst Stein, von 1985–1997 Armin Jordan und von 2005–2012 Marek Janowski. Sein Nachfolger ist nun Neeme Järvi. Werke von zahlreichen Komponisten wurden vom OSR in Genf uraufgeführt, so von Benjamin Britten, Claude Debussy, Heinz Holliger, Arthur Honegger, Frank Martin, Darius Milhaud, Igor Strawinski und anderen. Bis heute ist das OSR berühmt für seinen französisch feinen Klang, der seit 1967 auch in der Oper im Grand Théâtre zu hören ist.
So ist die Klassikszene in Genf (es kommen noch ein paar, nur lokal wichtige Festivals hinzu) vielleicht nicht groß, aber konzentriert und hochkarätig. Was nicht jede Stadt dieser Größe behaupten kann. Doch bei 35 Prozent des Weltvermögens, die hier verschwiegen verwaltet werden, auch wieder nicht ganz überraschend.

www.geneveopera.ch
www.ville-ge.ch/culture/victoria_hall
www.osr.ch


Wagner in Genf

Das Grand Théâtre setzt ab 7. November seinen „Ring des Nibelungen“ mit der „Walküre fort. Ab 30. Januar wird „Siegfried“ geschmiedet und ab 23. April wird die „Götterdämmerung“ entflammt. Die Herren Dieter Dorn (Regie), Jürgen Rose (Ausstattung) und Ingo Metzmacher (Dirigat) sind dann im Mai 2014 mit einer sehr guten Besetzung auch in zwei kompletten Zyklen zu genießen. Konzertant gibt es im Oktober „Sigurd“ von Ernest Reyer, wo das gleiche mythische Personal bemüht wird. Außerdem veranstaltet die Stadt bis 5. November in der Salle Théodore Turrettini ein eigenes Wagner-Festival. Unter anderem inszeniert Alexander Schulin den „Fliegenden Holländer“. Am 13. Oktober gibt es die Opernuraufführung von Michael Jarrells „Siegfried nocturne“ mit Bo Skovhus, die Olivier Py inszeniert. Und die Ausstellung „Kunstwerk der Zukunft oder die Ausdehnung der Zeit“ stellt im Musée d’Art drei musikalische und visuelle Installationen vor, die in vielfacher Weise mit Wagner Zwiegespräch halten.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2013



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