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(c) Harald Hoffmann

Janine Jansen

Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Mit Bach-Konzerten kehrt Jansen zum Barock zurück. Und verabschiedet sich vom Image als holländisches Geigen-„Meisje“.

Abgenommen hat sie. Sehr sogar. Besser nicht fragen, oder? Janine Jansen kommt direkt vom Flughafen. Kurzer Interview-Stopp in Berlin, bevor es am Abend weitergeht nach Stockholm. Wo ihr schwedischer Freund sie erwartet. Aus der Familie (in Utrecht) in die Familie. Und für die Familie. Der private Zusammenhalt war schon immer für kaum eine große Solistin so wichtig wie für sie.
Darin besteht auch ihr Erfolg. Sympathisch nahbar, so kommt Janine Jansen beim Publikum formidabel ‚rüber’, seit sie im Alter von zehn Jahren öffentlich debütierte. Ihr Spiel verströmt nichts Primadonnenhaftes. Kaum Glamouröses. „Ich bin eine alte Frau und habe graue Haare“, scherzte sie selbstironisch vor wenigen Jahren. Wenn auch mit einem gewissen Überdruss gegen die immer äußerlicher werdenden Markt-Gepflogenheiten der Klassik.
Ihr kühler, weltläufig offener Ton blieb aufgeschlossen vor allem zur Alten Musik. Allem Kratzenden, Schabenden, Katzendarmhaften der historischen Aufführungspraxis ist sie trotzdem abhold. Heute, mit 35 Jahren, ist Janine Jansen der große Darling der Geigenwelt insgesamt. Eine der wenigen Integrationsfiguren, auf die sich fast alle Lager von Fachleuten bis Liebhabern verständigen können.
Und lachlustig wie eh und je. Auf die Frage, was eigentlich „historisch informierte Aufführungspraxis“ bei ihr bedeutet, prustet sie los: „Im Englischen klingt es noch lächerlicher! Dort sagt man ‚historically informed performance’, abgekürzt: ‚hip’“. Wir verständigen uns leicht auf einen guten Titel für ihre künftige Autobiografie: What does it mean to be hip! Es enthielte die beste Musiker- Antwort auf derlei akademische Fragen: Lach es weg!
„Traditionen stellen Grenzen dar“, so Jansen. „Ich muss aufpassen, ich selbst zu bleiben.“ Daher speißt dieses Selbst sich bei kaum einer Spitzen-Musikerin so stark aus regionalen Wurzeln wie bei ihr. Die Musikerfamilie, aus der sie stammt, war so stark, dass man den Eindruck gewinnen könnte, es habe kein Entrinnen gegeben: Der Großvater leitete einen Kirchenchor, in dem die Mutter sang; deren Bruder ist der holländische Bach-Bass Peter Kooy. Vater Jan und beide Brüder folgten jeweils ihrem Vater ans Cembalo. Besonders zuhause in Utrecht – alle zusammen. Bis heute.

Jedem ihrer Weihnachtsfeste gibt Janine Jansen seit rund zehn Jahren den Charakter eines Kammermusikfestes.

Jedem ihrer Weihnachtsfeste gibt Janine Jansen seit rund zehn Jahren den Charakter eines Kammermusikfestes. „Am 25. Dezember kriegen alle probenfrei“, so die Festspielchefin generös. „Das Festival ist praktisch bei mir zuhause, meine Familie kommt also zu mir.“ Diese innenpolitischen Vorlieben haben aber für Jansen einen musikalischen Grund
„Man muss für Kammermusik die Musiker sehr gut kennen, um nicht immer wieder von vorne anzufangen“, meint sie. „Erst mit Freunden kann ich tief genug in das Verständnis der Werke eindringen.“
Vor wenigen Jahren erfuhr sie, dass diese Prämissen für sie nicht nur eine hübsche, luxuriöse Sache sind. Sondern notwendig. „Ich hatte den Eindruck, mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand zu laufen, fühlte mich ausgepowert und musste eine sechsmonatige Pause einlegen.“ Kein bloßes Burnout-Syndrom, so wie es heute jeder Finanzbeamte für sich beansprucht. Sondern eine echte Krise, die ein Umdenken erforderte und einleitete. „Ich gab damals etwa 120 Konzerte pro Jahr, das ist einfach zu viel.“ Heute sind es in etwa 80. „Man muss immer noch fähig sein, die eigenen Erfahrungen zu verdauen“, so Jansen. Dabei hilft ihr ein hoher Prozentsatz von Kammerkonzerten – vermutlich höher als bei fast jedem ihrer berühmten Kollegen. In Berlin etwa trat sie in den letzten Jahren hauptsächlich innerhalb der von Frank Dodge begründeten Kammermusikreihe „Spectrum Concerts“ auf. Eine Treue und ein Engagement, das sich direkt auf ihre anderen Berlin-Aktivitäten auswirkte. Denn als Solistin wird eine Künstlerin, die so häufig in kleineren Besetzungen präsent ist, nicht mehr so leicht verpflichtet (um den Markt nicht zu übersättigen).

Janine Jansen gehört zu den wenigen Künstlern, die ihre Karriere freiwillig in engeren Grenzen halten als üblich.

Janine Jansen gehört damit zu den wenigen Künstlern, die ihre Karriere freiwillig in engeren Grenzen halten als üblich. Es gibt einen guten Humus, könnte man dazu sagen. Tatsächlich hat es Jansen in Holland durch Integrität und eine verbindliche Auftrittspolitik zu einer landesweiten Zelebrität gebracht. Man kann die Niederlande kaum bereisen, ohne dass einem von irgendeiner Plakatwand oder Litfass-Säule Janine Jansen entgegenlächelt. Gute Sache.
Immer schon liebäugelte Jansen mit den populären (Barock-)Klassikern des Repertoires. Ihr Debüt-Album 2003 bei der Decca stürzte sich erstaunlich bereitwillig in den himmelblauen Pool von „Violin Favorites“ – also von Gusto- und Zugaben-Stücken von Tschaikowski bis Chatschaturjan, Vaughan Williams bis Ravel. Ein Jahr später folgten Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (in der Oktett-Besetzung). Um von hieraus – aber nicht umgekehrt – die sättigenden Schinken von Tschaikowski bis Beethoven, von Prokofjew bis Bruch anzuschneiden. Zumeist mit den prestigeträchtigsten Dirigenten wie Riccardo Chailly, Vladimir Jurowski oder Paavo Järvi.
Derlei ergab eine eher mutige Mischung, da diese Künstlerin offenbar einerseits ebenso anspruchsvoll wie andererseits kommerziell dachte. Eine sehr niederländische Herangehensweise, könnte man vermuten – ohne Berührungsscheu. Die regelmäßig eingestreuten Barock-Erkundungen setzt sie jetzt konsequent fort mit einer Mischung von Bach-Konzerten und Sonaten. Natürlich nicht mit irgendeinem Spezial- oder Universal-Orchester. Sondern, getreu ihrer Marschrichtung, mit „Janine Jansen & Friends“.
Dazu gehören Vater Jan Jansen, Bruder Maarten sowie der Geiger Boris Brovtsyn und Kontrabass- Spieler Rick Stotijn (Bruder der Mezzo-Sopranistin Christianne Stotijn). Ausgetrieben wird Bach bei dieser Gelegenheit alle konventionelle Glätte, alle Vehikelhaftigkeit (für einen brillierenden Solisten). Und aller opaker Glanz. Dies ist ein Bach der Familienbande, unaufgeregt ausgefeilt bis ins Letzte. Enthaltend ist auch das rekonstruierte Doppelkonzert für Violine und Oboe c-Moll BWV 1060 (sonst für zwei Tasteninstrumente).
Selten klingt Bach so zutraulich aufgeraut. So anheimelnd kratzbürstig und transparent. Melancholische Farben, spröde Stimmungen kennt dieser Bach ebenso wie furiose Anfälle von Galopp. Freilich: Einen goldenen Anne- Sophie Mutter-Ton darf man hier nicht erwarten. Sie kann ihn. Aber will ihn nicht. Und im Duo mit Vater Jan (in den Sonaten BWV 1016 und 1917) würde er wohl dem Familienumgang auch wenig entsprechen.
Früher sah Janine Jansen immer ein bisschen aus wie ein dralles, holländisches Meisje, das frech geworden ist. Oder, ums diplomatischer auszudrücken: wie Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“. Heute eher wie ein universaler Geigen-Star, der nachhause kommt. Wer einen radikalen und vertraulichen Weg zu Bach einschlagen will, sollte ihr folgen. Und wird nicht enttäuscht.

Johann Sebastian Bach

Violinkonzerte E-Dur und a-Moll, Doppelkonzert mit Oboe c-Moll u.a.

Janine Jansen, Ramon Ortega Quero u.a.

Decca/Universal


Familienkonzert

Johann Sebastian Bach plünderte und zweitverwertete gern eigene Werke. Seine Violinkonzerte etwa, in Köthen entstanden, arbeitete er zu Cembalokonzerten um. So konnten sich eine Generation, nachdem er auf dem Streichinstrument damit glänzte, seine Söhne im Zimmermannschen Kaffeehaus zu Leipzig als Solisten präsentieren – echte Familienkonzerte also. Im Fall des rekonstruierten c-Moll-Konzertes für Violine und Oboe BWV 1060 ist freilich der umgekehrte Weg beschritten worden. Hier ist die Originalpartitur verloren. Nur von einer Bearbeitung für zwei Cembali konnte auf die ursprüngliche Fassung zurückgeschlossen werden.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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