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Aribert Reimann: (c) Schott Promotion/Gaby Gerster

Café Imperial

Western-Minnie trägt in diesem Herbst Jeans- Latzhosen und rote Locken. Ihr Steh-Imbiss serviert keine Käsekrainer in Marco Arturo Marellis Goldsucher-Lager für Puccinis „Fanciulla del West“. Es ist Puccinis undankbarste, weil arienloseste Oper. Mit Nina Stemme in der Titelrolle und dem schmalhüftigen Jonas Kaufmann als Cowboy fällt das freilich kaum auf. Stemme zeigt vokale Beweglichkeit (trotz zurückliegender Wagner- Ausflüge). Kaufmanns Drei-Tage-Bart stand ihm nie besser als im wilden Westen, wo man sich die Beine ohnehin nur mit Whisky wäscht und Langhaarfrisuren von durch die Luft fliegenden Revolverkugeln getrocknet werden. Tomasz Konieczny als Sheriff hat leichte Schieß- und Treffschwierigkeiten kurz vor „High Noon“.
Neben mir in der Staatsopern-Loge sitzt ausgerechnet Aribert Reimann. Auch er ist angetan von Franz Welser-Mösts effektvoll genauer Hand. Tatsächlich sein bestes Dirigat seit langem (wenn nicht überhaupt an diesem Haus). Die Tatsache, dass Welser- Möst nicht eben als Temperamentsbombe gilt, harmoniert bestens mit Puccinis Neigung zur Tonal-Eruption. Denn es wirkt ordnend – und klärend. Um die Gelegenheit nicht verstreichen zu lassen, flüstere ich Reimann zu, ich könne mir eigentlich nicht recht vorstellen, dass er sich viel aus Puccini mache? „Doch!“, flüstert Reimann zurück. „Am liebsten ist mir ‚Tosca’“. Ausgerechnet!, verkneife ich mir zu sagen. Puccinis größten Schmachtfetzen würde man dem modernen Reimann kaum zugetraut haben. Irrtum!
Überhaupt sorgt Marellis himmelblaue Wellblech-Ästhetik dafür, dass die Wiener Oper ihrem Ruf als internationaler Klassik- Salon bestens gerecht wird. Auch Renée Fleming, Christoph Eschenbach und Regisseur Marelli selbst tummeln sich im Publikum der Repertoirevorstellung. Was für ein herrlicher, viel zu selten gespielter Puccini – ein Komponist, den man immer viel zu sehr als gegebene Größe hinnimmt. Und unterschätzt.
Obwohl die Stammräume unseres Lieblingscafés (im Hotel Imperial) immer noch renoviert werden, brauchen wir uns klassische Aussichten nicht zu versagen. Das Hotel will seinen rückwärtigen Übergang zum Musikverein wieder öffnen. So dass man bald direkt vom Kaffeehaus-Tisch in den Konzertsaal gelangen kann. Im Musikverein selbst steht derweil das gewohnte Stelldichein von Harnoncourt bis Nelsons, von Rattle bis Barenboim ins Haus (Letzterer beim Neujahrskonzert).
Am Pult der Wiener Symphoniker nimmt deren designierter Chefdirigent, Philippe Jordan (offiziell ab 2014), seine erste CD auf – mit Tschaikowskis „Pathétique“ (14./15.12.). Während sein Vorgänger Fabio Luisi sich mehr auf Mahler kaprizierte (und wenig Aufsehen erregte), will sich Jordan in den kommenden Jahren mit Schubert und mit der Wiener Klassik beschäftigen. Er hat einen Ruf zu gewinnen. Denn er profilierte sich bislang hauptsächlich als Opern-Fex in Paris. Nur munter ans Werk! Die großen Zeiten der Wiener Symphoniker (unter Karajan, Sawallisch, Giulini und Prêtre) liegen allzu weit zurück. Sie bedürfen dringend der Auffrischung.
Auch schön: In Baden bei Wien zündet man Paul Burkhards „Feuerwerk“. So dass Dagmar Schellenberger bei „O mein Papa war eine wuunderbaarre Kiienstler“ die Lilli Palmer in sich zum Ausbruch bringen kann. In Graz bietet man das Rodgers & Hammerstein- Musical „Carousel“ (nach Molnárs „Liliom“): eine rare Abwechslung. Da Musical- Sänger heutzutage meist als Gäste eingekauft werden müssen, sind derartige Produktionen so teuer, dass besonders die groß besetzten Meisterwerke Mangelware geworden sind. In diesem Fall singt der Bayreuther Hans Sachs- Darsteller James Rutherford die Hauptrolle (ab 7.12.). Kompliment! Wem das zu weit entfernt ist von Wien, dem kann an der Volksoper mit einer neuen „Nacht in Venedig“ geholfen werden (ab 12.12.). Inszeniert immerhin von Hinrich Horstkotte, der nach „Madame Pompadour“ (und nach „La Calisto“ in Innsbruck) schon wieder darf. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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