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Vokal total

Auch Les Arts Florissants und William Christie haben nun ein eigenes Label gegründet, und gleich die erste Veröffentlichung, Händels Oratorium „Belshazzar“, kann man nur uneingeschränkt loben. Schon mit ihrer großen Szene zu Beginn des ersten Aktes demonstriert Rosemary Joshua einmal mehr, dass die Partie der Nitocris wie für sie geschrieben ist. Ihre berührende Innigkeit trifft auf direktem Weg ins Herz, und auch wenn die Stimme mittlerweile etwas sehniger geworden ist, so hat sie sich im Lauf der Jahre doch kaum ‚abgenutzt‘, weil ihre Besitzerin eine intelligente Sängerin ist, nicht nur bezüglich der Textdurchdringung, sondern eben auch was den vernünftigen Einsatz der vokalen Mittel anbelangt. Weil auch die übrigen vier Partien mit ausdrucksstarken Interpreten (Caitlin Hulcup, Iestyn Davies, Allan Clayton, Jonathan Lemalu) erstklassig besetzt sind, darf man hier von einer Referenzeinspielung sprechen. (Arts Florissants/harmonia mundi)

Händels jüngerem Kollegen Johann Adolf Hasse gelang 1725 mit der Serenata „Marc’Antonio e Cleopatra“ dank der Mitwirkung von Farinelli der Durchbruch als Komponist. Auch Vivica Genaux konnte dank des Kastraten international durchstarten, als vor zehn Jahren ihr spektakuläres Farinelli-Album auf den Markt kam. Jetzt präsentiert sie sich als Marc‘Antonio in absolut überragender Form, überzeugt nicht nur mit akrobatischen Zaubertricks, sondern auch mit erstaunlich weich geführter Stimme in den empfindsamen Nummern. Die Cleopatra von Francesca Lombardi Mazzulli steht ihr in der Virtuosität nicht nach, hat allerdings keinen sonderlich farbenreichen, weil eher soubrettigen Sopran zu bieten. Da hätte man sich bei aller technischen Versiertheit schon eine persönlichkeitsstärkere Partnerin für Genaux gewünscht. (dhm/Sony)

Signora Lombardi Mazzulli ist auch in einem Live-Mitschnitt von Verdis Erstlingsoper „Oberto“ aus dem Stadttheater Gießen zu hören. Als Leonora tastet sie sich dort vorsichtig durch eine viel zu dramatische Rolle. Manuela Custer fehlt für Cuniza das Fundament in der Tiefe (dafür verfügt sie über eine gute Höhe), auch fühlt sie sich in schnelleren Passagen nicht so wohl, bietet ansonsten aber eine respektable Leistung. Die Titelpartie wird von Adrian Gans mit unebener Tonproduktion, aber erfreulich beherzt angegangen. Der Riccardo von Norman Reinhardt schließlich klingt für einen bösen Verführer ein wenig schüchtern, liefert aber mit sehr anhörlichem und geschmackvoll eingesetztem, wenn auch etwas engem Tenor die beste Leistung des Abends. Eine beachtliche Aufführung für ein kleineres Stadttheater also, aber sicher nicht CD-würdig, zumal Dirigent Michael Hofstetter die Musik nicht recht zum Atmen bringt. (Oehms/Naxos)

Das kann man Mark Elder gewiss nicht vorwerfen. Bei ihm schwingt die Musik richtig aus, sein vitales Dirigat von Donizettis „Belisario“ beweist Sinn für Dramatik. Das sträflich vernachlässigte Werk ist Opernfans nur durch die Live-Aufnahmen mit Leyla Gencer ein Begriff, an deren Antonina jedoch reicht Joyce El-Khoury nicht annähernd heran. Zu klein dimensioniert ist ihr wohlklingender Sopran, zudem in der – meist dramatisch geforderten – Höhe nicht sehr belastbar. Ihre Partner schneiden da deutlich besser ab: Russell Thomas bringt für Alamiro einen robust timbrierten, einnehmenden Tenor mit effektvoller Höhe mit, Nicola Alaimo für den Titelhelden einen sicheren, soliden Gebrauchsbariton. (Opera Rara/Note 1)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 6 / 2013



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