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Elke Heidenreich

Ich lege mich gerne mit jedem an

Sie hat aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube gemacht, und auch im Gespräch mit Robert Fraunholzer nimmt sie kein Blatt vor den Mund, wenn es um zeitgenössische Musik, Talkshows, den Intrigenstadl Kulturbetrieb und Marcel Reich-Ranicki geht.

RONDO: Frau Heidenreich, Sie wirken ehrlich. Sind Sie es wirklich?

Elke Heidenreich: Ja, ich kann nicht anders. Dieser ganze Verstellungs-Kram liegt mir nicht. Manchmal tut’s weh. Und bisweilen denke ich: Nun gerade! Bisschen mehr nachdenken, bevor ich manche Sachen sage, wär’ allerdings manchmal ganz gut. Die Leute, die mich lieben, sagen: »Du haust uns zwar manchmal ganz schön einen rein. Aber man weiß wenigstens, woran man ist.« Ich kriege kein Magengeschwür, da können Sie sicher sein.

RONDO: Sie sind immer zugleich schrecklich positiv! Sagen Sie uns bitte, was an klassischer Musik Sie nicht empfehlen würden?

Heidenreich: Ich finde furchtbar: Pingpong-Bälle im Klavier oder Wäscheklammern auf den Saiten. Dieser ganze Quatsch, der in den 70er-Jahren ausprobiert wurde im Zorn auf die 50er – was ich sehr gut verstehe. Das immer noch als Avantgarde zu verkaufen und als die Richtung, in die es gehen muss, macht die Konzertsäle und Opernhäuser leer. Leute wie Wolfgang Rihm oder Detlev Glanert merken das auch allmählich und schreiben anders.

RONDO: Klingt ziemlich konservativ.

Heidenreich: Das ist mir vollkommen egal. Ich finde, dass die Musik die Leute wieder erreichen muss. Und wenn ich in Konzerten bin, merke ich, die Klassiker, auch Strawinsky und Ligeti, die erreichen die Menschen. Bei Boulez schalten sie dagegen ab. Ich finde nicht, dass heute noch wie bei Schubert komponiert werden muss. Aber es geht auch nicht, dass man nur alten Herren wie Stockhausen gefallen will.

RONDO: Haben Sie ein Abo?

Heidenreich: Nein. »Dienstag grün« ist nicht mein Ding. Ich gehe am liebsten in die Generalproben. Der ganze gesellschaftliche Zirkus drumrum ist nichts für mich.

RONDO: Wie steht es mit aktiver Musikausübung?

Heidenreich: Mit sechs Jahren bekam ich ein Akkordeon geschenkt. Aber ein diatonisches. Das heißt: Ziehen und Drücken ergab einen anderen Ton. Da konnte ich nicht viel mit machen außer Tangos. Klavierspielen kam dann mit 15, 16 Jahren, relativ planlos. Und mit 40 richtig. Und ich habe viele Jahre im Bach-Chor gesungen. Aufgehört habe ich, als ich Sopran nicht mehr singen konnte. Alt hatte ich keine Lust!

RONDO: Sie engagieren sich für Kinderopern. Gibt es zu wenige davon – oder wird etwas falsch gemacht?

Heidenreich: Es wird was falsch gemacht. Als Günther Krämer Intendant der Kölner Oper war, hat er die Kinderoper neu eingerichtet. Das war ein kleines Opernhaus im großen Opernhaus. Christian Schuller hat die Werke ausgegraben und mich für die Texte engagiert. Die Opern wurden etwas verkürzt. Kinder sind ungeduldig, wenn es länger als eine Stunde dauert. Und wir wollten auch die Kleinen erreichen. Das war eine unglaublich tolle Lehrzeit für mich, weil ich all die Komponisten, die ich nicht kannte – eben all die vertriebenen Juden – kennengelernt habe. Bei diesen Veranstaltungen waren die Eltern oft zum ersten Mal in der Oper – indem sie ihre Kinder begleiteten. Als wir aufhörten, hatten wir über 2.000 Schüler- Abos. ’Unsere Kinder’ waren mit 18 aufs große Haus übergegangen. Das finde ich ganz wunderbar. Dass andere Opernhäuser so etwas nicht machen, ist der Fehler. Warum ist das so? Es macht viel Arbeit. Die sind alle zu faul.

RONDO: Bei Random House haben Sie heute eine eigene Reihe mit Musikbüchern. Warum?

Heidenreich: Ich merkte schon lange, dass ich beim ZDF nicht sehr glücklich bin. Ich hatte eine tolle, erfolgreiche Sendung gemacht über Bücher …

RONDO: …die Sendung »Lesen!«

Heidenreich: Die Sendung verschwand im Abendprogramm, wurde immer später. Das fand ich irgendwie nicht in Ordnung und hab’ mich dagegen aufgelehnt. Dann gab’s Ärger. Und dann gab’s den richtigen Ärger, den ich ja auch provoziert habe ...

RONDO: …indem Sie sich mit Reich-Ranickis Medien-Schelte solidarisierten und dem ZDF Ihre Kündigung anboten.

Heidenreich: Richtig. Da hatte ich allerdings schon mein Augenmerk auf etwas anderes gerichtet und wollte einen Verlag machen. Ich bin nur zurückgeschreckt, weil ich alles Administrative hasse. Also habe ich gesagt: Ich mache eine Edition innerhalb eines schon bestehenden Verlags. Seitdem suche ich Bücher auf der ganzen Welt, die mit Musik zu tun haben: Sachbücher, Romane, ich vergebe auch selber Aufträge. Das neue Buch von Helmut Krausser war ein Auftrag. Jetzt habe ich eine Anthologie gemacht: »Ein Traum von Musik«, in der 45 Leute über Musik schreiben. Ich bin weiterhin missionarisch tätig.

"Ein Intrigenstadl, dieser Kulturbetrieb."

RONDO: Sie waren sozusagen die Erfinderin der Begeisterungs-Kritik. Glauben Sie, dass die klassische Musik einen Enthusiasmus-Schub braucht?

Heidenreich: Ich bin gar nicht so nett, wie Sie immer glauben. Ich bin grässlich. Denn ich lege mich gerne mit jedem an, indem ich meine Meinung offen sage. Nur möchte ich, dass mein Beruf nicht sinnlos ist. Wenn ich ein wunderbares Buch lese, habe ich das Bedürfnis, den Leuten zu sagen: »Lest das! Sitzt nicht dumm rum und guckt euch diesen Mist im Fernsehen an. Sondern lest!« Bei Musik ist es genauso. Ich bin hin und weg von dem, was ich da höre. Ich merke, wie meine eigenen, inneren Betonplatten schmelzen. Dann denke ich, was mir gut tut, tut auch anderen gut. Also teile ich es mit. Kunst und Kultur sind Retter und Anker. Sie sind sichere Geländer, an denen wir über Abgründe gehen können. Ich finde es besser, auf den Diamanten hinzuweisen, den ich irgendwo gefunden habe. Und nicht auf den Dreck, in dem er lag.

RONDO: Bekommen Sie nie Klagen von Lesern oder Hörern, die enttäuscht sind von dem, was Sie ihnen empfohlen haben?

Heidenreich: Klar! Klappt nur in 70 bis 75 Prozent der Fälle. Der Rest sagt: »Was für ein Scheiß! Sie haben uns sehr enttäuscht.« Dann sage ich: »Schenken Sie es weiter. « Immerhin, in den sechs Jahren meiner Sendung haben wir die Bestseller-Liste ganz schön aufgemischt. Kein Mensch hat vor mir Daniel Kehlmann besprochen, niemand Richard David Precht oder »Tannöd« von Andrea Maria Schenkel. Auch niemand Carlos Ruiz Zafón. Und was ist jetzt in den Bestseller-Listen? Sechs Mal Stephenie Meyer.

RONDO: Und Ferdinand von Schirach.

Heidenreich: Der ist auch nicht wirklich gut. Das hat für mich nichts mit Literatur zu tun. Die Juristen können alle nicht schreiben. Bei Schlink wirkt auch alles immer so konstruiert.

RONDO: In Talkshows gehen Sie gar nicht mehr?

Heidenreich: Ich als Elke brauche das überhaupt nicht. Ich will nichts Privates von mir erzählen. Ich tue es nur für Bücher, komme mir dann aber auch vor wie ein Staubsaugervertreter. Und neben mir sitzen irgendwelche Köche, Wetterfrösche oder Schlagersängerinnen. Ich gehe lieber in Buchhandlungen.

RONDO: In gewissem Sinne waren Sie ein Opfer von Marcel Reich-Ranicki, oder?

Heidenreich: Meine Solidaritätserklärung mit Reich-Ranicki war damals etwas undiplomatisch und zu direkt. Ich würde das heute anders machen. Aber die Wut musste raus. Daraufhin wurde ich vom ZDF rausgeschmissen. Und dann hat Reich-Ranicki mir den Todesstoß versetzt. Er ist mir in den Rücken gefallen. Nur um mich drei Wochen später anzurufen und mir zu sagen: »Liebste, wollen wir die Sendung nicht zusammen machen?« Da habe ich gedacht: Du kannst mich mal. Seitdem haben wir nie wieder miteinander gesprochen.

RONDO: Er wollte Ihre »Lesen!«-Sendung übernehmen?

Heidenreich: Er wollte, dass ich weg bin und er es dann mit mir gemeinsam macht. Das fand ich irgendwie unzumutbar.

RONDO: Haben Sie das alles nicht tausendfach bereut?

Heidenreich: Erst nicht. Dann doch. Ich habe mich auch beim ZDF entschuldigt. Dann habe ich von einem anderen Sender ein sehr lukratives Angebot zur besten Sendezeit gekriegt und mich gefragt: Will ich zurück ins Fernsehen? Und gewusst: Ich will es nicht! Es ist genug. Da habe ich abgesagt. Und jetzt ist das Thema für mich erledigt. Hinterherkriechen tue ich nicht.

RONDO: Hat Reich-Ranicki Sie abgestraft, weil er sich nicht die Show stehlen lassen wollte?

Heidenreich: Das denke ich. Ich wusste damals noch nicht, wie tief bei ihm der Ärger über den Erfolg von »Lesen!« sitzt. Aber das »Literarische Quartett « hatte eben in seinen besten Zeiten 800.000 Zuschauer und wir in den allerschlechtesten 1 ½ Millionen. Das musste ich büßen. Nebbich.

RONDO: Ist Reich-Ranicki boshaft?

Heidenreich: Er ist zutiefst boshaft, ja. Und er ist, glaube ich, unfähig zur Freundschaft. Das wollen wir ihm auch nicht verdenken bei seiner Lebensgeschichte. Ich finde das nachvollziehbar.

RONDO: Ist Bosheit ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von Reich-Ranicki?

Heidenreich: Ja, vor allem im Sinne von Rücksichtslosigkeit. In seinen kürzlich erschienenen Tagebüchern beschreibt Fritz J. Raddatz die Situation, als die Lyrikerin Ulla Hahn ihren ersten Roman geschrieben hatte. Raddatz war dabei, als Reich-Ranicki zu ihr sagte: »Grrroßartig, dafür müssten Sie den Büchnerrr-Prreis krriegen. « Und eine Woche später hat er das Buch im »Literarischen Quartett« beerdigt. Das ist doch fies. Bosheit spielt in diesem Gewerbe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn ich die Raddatz-Tagebücher lese, lerne ich gleichfalls nur verlogene, eitle, arrogante, tückische und hinterhältige Menschen kennen. Ein Intrigenstadl, dieser Kulturbetrieb.

RONDO: Stimmt es, dass Sie beim österreichischen Fernsehsender »Servus-TV« eine neue Talkshow übernehmen?

Heidenreich: Lieber wäre ich tot! Ich habe dort lediglich über die Salzburger Festspiele einen kleinen Beitrag gemacht. Die haben das nach dem Motto »Frau Heidenreich zurück im Fernsehen!« an die große Glocke gehängt. Nein, ich bin jetzt 67 Jahre alt und habe genug Talkshows gemacht. Nie wieder.

RONDO: Ihr Roman »Nero Corleone« war 1995 ein Riesenerfolg. Müssen Sie überhaupt noch arbeiten?

Heidenreich: Nee, muss ich nicht. Ich hab mir von »Nero« ein Haus gekauft, bar bezahlt und mein Konto so aufgefüllt, dass ich eigentlich nichts mehr tun muss. Seitdem kriege ich Briefe von Schulklassen, die mich fragen: »Was ist denn aus Nero geworden?« Über Weihnachten hatte ich plötzlich Lust und habe eine Fortsetzung geschrieben. Im Frühjahr kommt’s raus. Wenn ich das Buch in der Hand habe und daran schnuppern kann – das kann man durch nichts toppen!

RONDO: Sie riechen an Büchern?

Heidenreich: Immer! Ich finde, mein Katalog riecht ganz furchtbar. Aber die Bücher selber, die riechen gut.

RONDO: Haben Sie den Geruch selber ausgesucht?

Heidenreich: Nein, der ergibt sich. Da ist man immer ganz neugierig. Wenn Sie ein eigenes aufschlagen: Ahhhh! Huhhh! Schöööönn. Das ist immer ein großer Moment. Aber mit ziemlich viel Herzklopfen.

Neu erschienen:

Tim Blanning: Triumph der Musik

Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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