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Alles andere als süßlich: Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns (1835–1921)

Das »Oratorio de Noël« von Camille Saint-Saëns (1835–1921) ist im Vorweihnachtsgeschäft ein äußerst beliebter Titel. Häufiger als früher taucht das Stück auch in deutschen Konzertprogrammen auf, zumal aufführungswillige Dirigenten heutzutage nicht mehr auf das einst unumgängliche teure französische Notenmaterial angewiesen sind. Schließlich ist Saint-Saëns‘ »Weihnachtsoratorium« für einen Chor relativ leicht einzustudieren und es ist auch für den Hörer eine leichtere Kost als etwa dasjenige J. S. Bachs. Ist Saint-Saëns’ Werk also eine Art »Bach für Arme«?

Sicher täte man dem »Oratorio de Noël« mit einer so abfälligen Klassifizierung Unrecht. In einem gewissen Spannungsverhältnis zu Bach stand das Stück, das Saint-Saëns Ende der 1850er Jahre als junger Organist der Madeleine Kirche in Paris angeblich mit leichter Hand hinwarf, indes schon seit jeher – und dafür hat zunächst vor allem der Komponist selbst gesorgt: Er ließ sein Oratorium nämlich mit einem »Prélude dans le style de Séb. Bach« beginnen. Dabei handelt es sich um eine Pastorale im Zwölfachteltakt, die mit ihrer Gegenüberstellung von Streicherklang und Oboenregistrierung der Orgel darüber hinaus aber auch motivisch an die »Sinfonia « zur zweiten Kantate des »Weihnachtsoratoriums« erinnert. Das ist kein Zufall: Saint-Saëns dürfte als Subskribent der Alten Bachausgabe 1856 den frisch erschienenen Band mit dem »WO« ins Haus geliefert bekommen haben. Natürlich schuf Saint-Saëns mit seinem »Prélude« alles andere als eine Stilkopie; seine Hirtenmusik ist weitaus weniger streng gearbeitet als diejenige Bachs, und sie ist in harmonischer Hinsicht mit genuin romantischen Mitteln verfertigt. Und dennoch scheint Saint-Saëns vor dem Hintergrund der biblischen Thematik dieselben Aspekte im Blick gehabt zu haben wie Bach: Es wird hier wie dort offensichtlich das selige Miteinander himmlischer und irdischer Musik dargestellt, repräsentiert einerseits durch die engelhaft rein anmutenden Streicherklänge, andererseits durch das charakteristische Timbre der Oboen, die seit jeher Sinnbild für die Schalmeien des Hirtenvolks sind. Und ganz ähnlich wie bei Bach spielen Stockauch in Saint-Saëns‘ »Prélude« aufsteigende und sich herabneigende melodische Gesten eine große Rolle: Die himmlischen Mächte wenden sich der irdischen Lebenswirklichkeit zu, und die Menschen blicken dankbar gen Himmel. Gott wird in einem Akt des gewollten Abstiegs Mensch und erhebt den Menschen dadurch zu sich – Martin Luther beschrieb dieses Doppelgeschehen mit seiner prägnanten Sprache als »Fröhlichen Wechsel und Streit«. Bach hat das musikalisch versinnbildlicht, der aufmerksame Saint-Saëns hat es erkannt und sich mit seinen eigenen kompositorischen Mitteln anverwandelt.

Beachtliche Bibelkenntnisse

Diese Erkenntnis macht neugierig auf den Rest des Werkes. Wie gewissenhaft ist Saint-Saëns insgesamt mit der Thematik umgegangen? Die Durchsicht des rein biblischen, lateinischsprachigen Textbuches lässt staunen: Wenn der Komponist die Zusammenstellung der Bibelworte tatsächlich selbst bewerkstelligt hat, wie vermutet wird, dann hat er dabei einiges Geschick bewiesen. Er hat nämlich nicht etwa nur die neutestamentliche Weihnachtsbotschaft als solche vertont, sondern hat sie mit einer Menge weiterer Bibelstellen in Verbindung gebracht, ganz im Sinne der theologischen Vorstellung, dass die gesamte Bibel Zeugnis einer einzigen, in sich geschlossenen göttlichen Offenbarung ist. Und so stellt Saint-Saëns einen Auszug aus der lukanischen Weihnachtsgeschichte (Luk 2, 8-13) an den Anfang, kommentiert diese dann aber sogleich mit einem passenden Psalmwort (»Ich harrete des Herrn, und er neigte sich zu mir und erhörte mein Flehn«, Ps 39, 2) sowie mit einem Petrus-Zitat aus dem Johannes-Evangelium (»Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist«, Joh 11, 27). Es folgt ein Zitat aus Psalm 118 (»Gelobet sei, der kommt im Namen des Herrn« Weitere Psalmzitate schließen sich an, u. a. »Warum toben die Heiden, und warum schmieden die Völker vergebliche Pläne?« (Ps 2, 1) – hiermit wird der Zorn des Herodes und seine Kindermord- Gräueltat kommentiert. Kurzum: Die Zusammenstellung zeugt insgesamt von großer Umsicht und beachtlichen Bibelkenntnissen.
Ähnlich umsichtig ist der Komponist beim Vertonen seines Librettos vorgegangen: In der Mezzosopranarie »Exspectans exspectavi Domino« unterscheidet er gestalterisch sehr klar eine Phase des Bittens und Wartens – die Kantilene der Sängerin ist hier von bangen Pausen geprägt und versinnbildlicht durch große absteigende Bewegungen die Möglichkeit des Mutlosen – und eine zweite Phase der freudigen Gewissheit (»et intendit mihi«), die vor allem durch aufstrebende Linien geprägt ist. Im Chorsatz »Quare fremerunt gentes« (dem einzigen dramatischen Satz des Oratoriums) setzt er nach anfänglicher Charakterisierung des »Tobens« der Heiden die Nichtigkeit ihrer Pläne deutlich ab und verbindet diesen Aspekt mit der Frage nach dem an dieser Stelle nochmals wiederholten »Warum«, indem er beide Aussagen im Duktus des fassungslosen Kopfschüttelns quasi im Nichts versinken lässt.
Gewiss: Saint-Saëns wusste auch, mit welcher Klangfarbenpalette die Hörer zu Rührung und Ergriffenheit gebracht werden können. Weit ausschwingende effektvolle Melodielinien der Gesangssolisten, gestützt von Harfen- und Orgelklängen, verfehlen nicht ihre Wirkung. Aber sie bleiben doch eingebunden in das stets zu erkennende grundsätzliche Konzept, den Text und seine inneren Bewegungen zu vermitteln.

Nur sieben Aufnahmen

Korrespondierend zur Beliebtheit des Werks erwartet der Leser nun vielleicht eine sehr große Zahl von Einspielungen – und muss in diesem Fall leider enttäuscht werden: Nur ganze sieben qualitativ sehr unterschiedliche Aufnahmen lassen sich derzeit im CD-Katalog ausfindig machen.
So ist etwa die 2002 auf CD erschienene Darbietung des dänischen Løgumkloster Vocal Ensemble unter Sven-Ingvart Mikkelsen als liebenswertes Engagement eines tüchtigen Provinzensembles sicher treffend beschrieben; vor allem im vokalen Bereich aber gibt es Mängel, die eine weiterreichende Empfehlung nicht sinnvoll erscheinen lassen.
Mit professionelleren Kräften verwirklicht wurde eine andere skandinavische Aufnahme: Der Eric-Ericson-Schüler Anders Eby und sein Mikaeli Chamber Choir musizierten das Oratorium im Jahre 1981 zusammen mit Streichern aus dem Orchester des Königlichen Opernhauses in Stockholm. Aber auch hier ist das Niveau der Gesangssolisten sehr gemischt. Die 26 Jahre junge Anne Sofie von Otter sticht positiv hervor, während vor allem die Altistin Ing-Mari Landin und die Sopranistin Britt-Marie Aruhn verquollenen, sprachlich unterbelichteten und in der Linienführung unruhigen Gesang bieten. In seiner emotionalen Bewegtheit durchaus mitreißend agiert der Tenor Erland Hagegård, ein Cousin des bekannteren Baritons mit gleichem Nachnamen.
Die live mitgeschnittene Version des Bachchores und Bachorchesters Stuttgart unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn leidet von Anfang an unter der zu leise registrierten bzw. womöglich zu leise abgenommenen Orgel: Schon das oben beschriebene Konzept des »Prélude« kommt so nicht zur Geltung. Der im Timbre durchaus angenehme Sopran Anna Maria Frimans bleibt schon im anfänglichen Engelsgesang leider gaumig und etwas fest, wodurch der Text wenig Prägnanz erhält. Der Tenorsolist Andreas Wagner bietet in dieser Hinsicht deutlich mehr, aber er kämpft ein wenig mit der Höhe. Teils etwas grob, bei Spitzentönen gelegentlich unsauber und im Tutti-Klang nicht sehr fokussiert präsentiert sich der Chor – insgesamt also kein ungetrübtes Hörerlebnis.

Zweimal Bachchor Mainz

Warum die Orgel der Dresdner Lukaskirche bei der 1987 entstandenen Einspielung des Dresdner Kreuzchores unter Martin Flämig im »Prélude« ohne Zungenstimme spielt, obwohl ja die Oboe in der Partitur vermerkt ist, bleibt das Geheimnis des Organisten. Das theologische Konzept des Stücks tritt so jedenfalls nicht zutage. Alles in allem bieten die Dresdner eine solide Interpretation mit beachtlich reinem und homogenen Knabenchorklang und einer wahrhaft engelsgleichen Sopransolistin Ute Selbig; allerdings liegt ein matter Schleier von Biederkeit über dem Ganzen: Die Heiden toben recht langsam und zahnlos, und kaum einer der Solisten wagt es, seine Vokale zu einer mehr romanischen Aussprache des Lateinischen zu öffnen, wie sie der Atmosphäre des Werks entsprechen würde.
Der Bachchor Mainz legte das »Oratorio de Noël« gleich zweimal auf CD vor: 1976 unter der Leitung seines Gründers Diethard Hellmann, 2008 dann unter seinem jetzigen Leiter Ralf Otto. Bei Hellmann geht es nach einem immerhin sehr spritzigen, wahrhaft eine frohe Botschaft einleitenden »Prélude« recht hölzern, teilweise unstet im Tempo weiter. Einzelne solistische Leistungen lassen zwischendurch ein wenig Freude aufkommen, aber ein großer Wurf ist auch diese Einspielung nicht.
Im »Prélude« der Ralf-Otto-Einspielung wiederum vermag der Autor keine Schalmeienklänge zu vernehmen. Im weiteren Verlauf dieser Aufnahme wechseln Licht und Schatten einander ab: Der Perfektionist Ralf Otto lässt seine Vokalisten interessanterweise als einziger jene nasalierte Spezial-Aussprache des Lateinischen verwenden, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Frankreich üblich war. Erfreulich zupackend und fokussiert zeigt sich der Chor im Getümmel der tobenden Heiden, wenngleich hoher Lage kein Wohlgefühl, der eigentlich angenehm kernig timbrierte Bariton Florian Boesch klingt häufig eng. Die Mezzosopranistin Regina Pätzer blüht in ihrer Arie erst im zweiten, höher gelegenen Teil wirklich auf – der Anfang scheint hinsichtlich der Lage unbequem zu sein. Einige intonatorisch unsaubere Passagen der Gesangssolisten, die man hätte korrigieren müssen, blieben eigenartigerweise stehen. hier insgesamt ein wenig mit gebremstem Schaum musiziert wird. Durchwachsen ist die Solistenbesetzung: Tenor Hans Jörg Mammel vermittelt in hoher Lage kein Wohlgefühl, der eigentlich angenehm kernig timbrierte Bariton Florian Boesch klingt häufig eng. Die Mezzosopranistin Regina Pätzer blüht in ihrer Arie erst im zweiten, höher gelegenen Teil wirklich auf – der Anfang scheint hinsichtlich der Lage unbequem zu sein. Einige intonatorisch unsaubere Passagen der Gesangssolisten, die man hätte korrigieren müssen, blieben eigenartigerweise stehen.

Rundum empfehlenswert

Bleibt noch Holger Specks Aufnahme mit dem Vocalensemble Rastatt, verwirklicht im Frühjahr 2006. Und siehe da: Hier lichten sich endlich die Wolken, und die Musik von Camille Saint-Saëns entfaltet sich vor den Ohren des Hörers so detailreich, wie sie vom Komponisten angelegt ist. Holger Speck bemüht sich am überzeugendsten um die Einhaltung der Partiturvorschriften, besonders im Bereich der Dynamik; wo vom Komponisten nicht eigens etwas vorgegeben ist, gestaltet er eigenständig engagiert vom Text aus. Ergebnis ist eine sehr differenzierte Umsetzung auf Basis eines stets merkbaren kraftvollen Aussagewillens. Davon hätten wir in allen anderen Versionen gern mehr gehabt! In puncto Aussprache entschied sich Speck leider für die italianisierende Einheitsmasche – schade, denn man kann das französische Latein sehr liebgewinnen, wenngleich es bisher noch eher selten zu hören ist. Unter Specks Solisten erfreuen die Sopranistin Antonia Bourvé ebenso wie die Mezzosopranistin Gundula Schneider, die beide ihre exponierten Partien tadellos bewältigen. Ein wenig schmalbrüstig gibt sich zwar der Bariton Jens Hamann, mit angenehmem Timbre meistert indes der Tenor Marcus Ullmann auch die heikleren Abschnitte seiner Partie. Durchweg zu begeistern vermag der Chor: So energisch auf den Punkt gebracht haben wir die tobenden Heiden in keiner anderen Einspielung gehört, so ruhig und gerade klangen andererseits auch die antikisierenden flächigen Einschübe in der Tenorarie »Domine, ego credidi« sonst nirgends.
So steht Holger Specks Aufnahme des »Oratorio de Noël« unter den sieben erhältlichen als einzige wirklich rundum empfehlenswerte da; sie ist im Übrigen auch klanglich insgesamt die tiefenschärfste: Sehr gut wurde z. B. die Orgel aufgenommen, ihre Sechzehnfußlage kommt brillant zur Geltung. Grund für diese akustischen Vorzüge scheint die verwendete Sechs-Kanal-(Surround)-Technik zu sein – ein Lob in diesem Fall also auch einmal für das Tonstudio, das wesentlich zur Qualität dieser Einspielung beitragen konnte.

Sehr zu empfehlen:

Vocalensemble Rastatt, Les Favorites, Antonia Bourvé, Gundula Schneider, Sabine Czinczel, Marcus Ullmann, Jens Hamann, Holger Speck

Carus

Weniger empfehlenswert:

Løgumkloster Vocal Ensemble, Sven-Ingvart Mikkelsen

Scandinavian Classics

The Mikaeli Chamber Choir, Anders Eby

Proprius

Dresdner Kreuzchor, Dresdner Philharmonie, Martin Flämig

Capriccio

Bachchor und Bachorchester Stuttgart, Jörg-Hannes Hahn

Cantate

Bachchor & Bachorchester Mainz, Diethard Hellmann

Hänssler Profil

Bachchor Mainz, L’Arpa Festante München, Ralf Otto

deutsche harmonia mundi

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 6 / 2010



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