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José Cura inszeniert in Karlsruhe

Bezahlt, um zu leiden

Können Sänger gute Regisseure sein? Nicht wenige kümmern sich frühzeitig – ein mögliches Ende der Sängerlaufbahn im Blick – um eine zweite Karriere. In Karlsruhe inszeniert jetzt der Startenor José Cura Camille Saint-Saëns’ »Samson et Dalila«. Und gibt sich als ein mit allen Opernwassern gewaschener Bühnenprofi, der mit seinen Erfahrungen aus der Sängerperspektive punkten kann.

Opernproben sind notorisch wuselig. Bei der im Badischen Staatstheater Karlsruhe gab’s allerdings noch mehr Gewusel (also mehr Personal), als der argentinische Startenor José Cura »Samson und Dalila« von Camille Saint-Saëns inszenierte. Es kamen nämlich noch Fotografen und Journalisten hinzu, als wären sie selbst Teil einer Inszenierung. Man sah gleich: Das ist eine Prestigeproduktion, der Vorhangheber der neuen Spielzeit – und eben mit einem Star am Regiepult. José Cura aber wiegelt ab: »In diesen Tagen hat eine Opernaufführung ein Budget von etwa 40.000 Euro – unser ›Samson’ kostet auch nicht mehr. Alles, was Sie hier sehen, ist nur aus Holz!« Der Argentinier spricht Englisch, was aber von einer Assistentin nahezu simultan ins Deutsche übersetzt wird. Dabei tränkt er seine Direktiven – im Gegensatz zu seinem Ruf – auch mit Selbstironie: »You’re being paid to sing – you’re being paid to suffer!« Man bezahlt Sie dafür, dass Sie singen – also bezahlt man Sie auch dafür, dass Sie leiden!
Das mit dem Holz allerdings verblüfft, denn das Bühnenbild sieht nicht nach Fertigbauteilen aus dem Regal aus: Bohrtürme, Pipelines, Derricks, Ölfässer – hier wird Geld produziert, und Geld ist Macht. Curas Regiekonzept, offensichtlich nicht alttestamentlich-biblisch mit wallenden Haaren und Bärten angelegt, will auch nicht plan die Gegenwart abbilden, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern (hier heißen sie Philister), die Geschichte spielt ja im Gaza- Streifen. »Nein«, sagt Cura, »es geht um Menschen – und um Macht. Macht, die korrumpiert und zerstört, Macht des Menschen über den Menschen. Keine schöne Geschichte. Aber großes Drama, das uns alle umgibt, das täglich in den Nachrichten ist.«
Warum ausgerechnet »Samson und Dalila«, das der Komponist ursprünglich sogar als Oratorium geplant hatte? Cura: »Ich gebe zu, kein einfaches Stück. Wenn man beispielsweise das Bacchanale oder den Frühlingschor inszenieren soll, reißt man das Publikum aus dem Geschehen – das klingt zwar gut, hat aber mit der Geschichte weniger zu tun als mit den Opernkonventionen jener Zeit, besonders in Paris. Man inszeniert es eben, so gut es geht.« Und was in dieser Probe zu sehen war, ist »so gut es nur geht«. José Cura ist ein sehr genauer, suggestiver und witziger Regisseur, es wird viel gelacht. Die Königsdisziplin ist dran, die Chorregie. »Die Motivation ist entscheidend «, sagt er. »Wenn ich die Choristen nur als Mobiliar nutze, kommt natürlich auch nur das, was sie sowieso immer machen. Sobald sie Individuen werden, bringen sie mir immer mehr – denn sie sind ja Individuen.«
Der Startenor, dem bisweilen Attitüden nachgesagt werden, tritt völlig ohne Arroganz auf, geradezu kumpelhaft. Ein Sänger soll zu Boden gehen? Cura selbst reicht ihm die Hand, damit er wieder hochkommt. Einige Choristen sollen auf Knien über den sandigen Boden rutschen? Cura, der Profi, der Ähnliches wohl auch schon erlebt hat, ordert sofort Knieschützer für alle. Den Knall einer Pistole kündigt er so an: »Passen Sie bitte auf – so ein Knall kann das Gehör zeitweilig verunsichern, dann intoniert man eventuell falsch!« Der Bühnenprofi denkt wirklich an alles, und natürlich hat er auch jede Rolle »drauf«. Es muss eine Lust sein, mit ihm zu arbeiten. »Dett könnse aba laut sagen!«, bestätigt ein Chorist aus Berlin. »Einen Regisseur wie den haben wir vielleicht einmal pro Spielzeit – und auch nur, wenn wir Glück haben!«

Thomas Rübenacker, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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