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Martin Hoffmann

Die Marke Philharmoniker

Martin Hoffmann, neuer Intendant der Berliner Philharmoniker, war früher Geschäftsführer des Privatsenders SAT1. Mit Formaten wie »Bauer sucht Frau« und »Bravo Supershow« hat er für seine private Firma gute Gewinne erzielt. Was will dieser Mann bei den Berliner Philharmonikern? Und was wollen die Berliner Philharmoniker von ihm? Fragen von Robert Fraunholzer …

RONDO: Herr Hoffmann, Sie sind eine Art Berufsaussteiger. Die Frage ist: Hatten Sie alles erreicht? Waren Sie ihrer Arbeit überdrüssig? Oder sind Sie etwa gar gescheitert?

Martin Hoffmann: Nichts von dem, was Sie sagen. Ich bin jetzt 50 Jahre alt geworden. So ein Angebot wie das von den Berliner Philharmonikern erhalten Sie nur ein Mal im Leben. Ich habe beim Fernsehen eine wunderbare Zeit erlebt, die Geburtsstunde des privaten Fernsehens. Es wäre eine sehr schöne Perspektive gewesen, das fortzusetzen. Aber diese Tätigkeit hier ist reizvoller.

RONDO: In der Goldgräberstimmung des beginnenden Privatfernsehens konnte man kreativ ranklotzen. Kann man das vergleichen mit der Situation bei den Berliner Philharmonikern?

Hoffmann: Nein, das Privatfernsehen war damals vier Jahre alt. Die Berliner Philharmoniker sind 129 Jahre alt. Bei den Berliner Philharmonikern liegt die Faszination auf genau dieser einmaligen Positionierung. Auf dieser Exzellenz. Auf dieser Marke.

RONDO: In den öffentlichen Reaktionen auf Ihre Wahl dominierten Erstaunen und Unverständnis. Waren Sie schockiert?

Hoffmann: Ich konnte mir das ungefähr ausmalen. Wenn Sie – wie ich nun mal – Fernsehproduzent waren und modernere Formate wie »Bauer sucht Frau« gemacht haben ... Aber es gab nicht nur Entsetzen und Entgeisterung. Da war auch viel Zustimmung, viel Neugier. Und viele Fragezeichen.

RONDO: Der Intendant der Berliner Philharmoniker war bislang zuständig für Fragen wie: Soll Bernard Haitink Bruckners Neunte dirigieren oder vielleicht besser ein Werk von Charles Ives? Sind das Fragen, die auch Sie in Zukunft beantworten können?

Hoffmann: Die Verabredung war, dass das nicht der Schwerpunkt meiner Arbeit sein soll. Es gibt Simon Rattle, der die Aufgabe und Funktion als künstlerischer Leiter perfekt handhabt. Es gibt Vorschläge des Orchesters und ein Künstlerisches Betriebsbüro, eine intakte Konzertplanung. Dort sind diese Kompetenzen bestens verankert.

RONDO: Was hat man sich von Ihnen versprochen?

Hoffmann: Ich sehe mich in der Funktion, durch zusätzliche Erlöse und Erlösquellen das Machbare noch machbarer zu machen. Also nochmals mit der Deutschen Bank überlegen, was man gemeinsam tun könnte. Es sind Fragen des Marketings, der medialen Präsenz, der Finanzierung, auch des Sponsorings. Und pragmatische Fragen der Organisation und des Managements.

RONDO: Sie haben selbst Geige gelernt. Würden Ihre Fähigkeiten ausreichen, um bei den Zweiten Geigen mal unterzutauchen?

Hoffmann: Nein! Mein Endstadium in der musikalischen Ausbildung war Bachs a-Moll-Violinkonzert. Und ich will nichts über die Interpretation dieses Werkes durch mich gesagt haben! Ich habe mit sechs Jahren angefangen und eine Halbgeige bekommen. Der Musiklehrer, der zu uns nach Hause kam, legte eine Schallplatte auf den Dual-Plattenspieler und sagte: »So, jetzt spiel mit!« Es hat sich rasch erwiesen, dass ich dafür nicht die Befugnisse und Befähigungen habe. Aber ich bin dankbar, dass dadurch mein nachhaltiges Interesse an der Musik und damit auch an den Berliner Philharmonikern geweckt worden ist. Reicht aber nicht mal fürs Untertauchen.

Die Philharmonie stärker zum Mittelpunkt machen

RONDO: Was war das erste Konzert mit den Philharmonikern, an das Sie sich erinnern?

Hoffmann: Das Einstandskonzert von Simon Rattle 2002 mit Mahlers Fünfter.

RONDO: Eine politisch korrekte Antwort.

Hoffmann: Nein, nein – um es zu erklären: Nebenan gab’s einen Geburtstagsempfang für Marius Müller-Westernhagen in der Nationalgalerie. Und ich war in der heiklen Situation zu entscheiden: Gehe ich jetzt zur Saisoneröffnung oder folge ich dem Ruf von Marius Müller-Westernhagen? Sie können sich denken, wie ich mich entschieden habe.

RONDO: Da haben Sie noch einmal Glück gehabt! Das Saisoneröffnungskonzert wurde in diesem Jahr erstmals europaweit in über 60 Kinos übertragen. Ist das die Art von Medienpräsenz, die Ihren Vorstellungen entspricht?

Hoffmann: Ja, ich halte das für den richtigen Weg. Wir hatten zusätzlich noch ein Experiment mit dem Public Viewing in drei großen Städten, etwa am Spielbudenplatz in Hamburg. Eine großartige Möglichkeit, Publikum anzusprechen, das uns noch nicht so gut kennt.

RONDO: An genau dem Ort, wo sonst der »European Song Contest« übertragen wird, oder?

Hoffmann: Ja! Und wenn wir eine Begeisterung erzeugen könnten wie beim Gewinn des Grand Prix durch Lena Meyer-Landrut nachts um 23 Uhr, dann wäre das ein ganz wunderbarer Platz.

RONDO: Die Möglichkeit, Konzerte im Internet zu verfolgen, ist ein großes Thema der Berliner Philharmoniker. Das Projekt ist nur mit Sponsoren möglich. Ein guter Weg? Oder haben Sie als Medienfachmann vielleicht ganz andere Vorstellungen von der Medien-Zukunft?

Hoffmann: Nein, ich war einer der sehr frühen Abonnenten der »Digital Concert Hall« und halte das für ganz großartig, nicht nur wegen der herausragenden technischen Qualität. Inzwischen gibt es bei YouTube einen sogenannten »branded channel« und bei Facebook eine in die Hunderttausende gehende Fangemeinde. Mit Sony arbeiten wir an einem Projekt, wo das Fernsehen bereits mit einem Icon ausgestattet ist, mit dem man die Konzerte direkt empfangen kann. Das ist der richtige Weg, glaube ich.

RONDO: Wenn früher Ihr Name genannt wurde, folgte immer gleich ein zweiter Name hinterher: Harald Schmidt. Wenn man diesen Namen auf der Homepage der Berliner Philharmoniker sucht, bekommt man zur Antwort: »0 Treffer für die Suche nach Harald Schmidt.«

Hoffmann: Null Treffer?! Da muss ich gleich einmal nachschauen. Wir haben doch das Silvesterkonzert mit der ARD, moderiert von Harald Schmidt, organisiert. Warten wir’s ab.

RONDO: Der Spielraum eines Intendanten ist aufgrund der demokratischen Struktur bei den Berliner Philharmonikern nicht groß. Kann man hier glücklich werden?

Hoffmann: Ich jedenfalls habe vor, glücklich zu werden, ja! Es gibt ein Paar Dinge, die uns alle verbinden. Wir wollen diesen Platz, die Philharmonie stärker zum Mittelpunkt machen, zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit der Berlinale und mit der Nationalgalerie nebenan. Aber es stimmt schon, tatsächlich komme ich aus einem Bereich, in dem die Umsetzungsgeschwindigkeit grundsätzlich schneller war.

RONDO: Sie müssen ein Paar Gänge runterschalten?

Hoffmann: Eher hoch!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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