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Helsinki Music Center

Saunig warm ums Herz

Von deutschen Konzerthaus-Baustellen (Hamburg) kann man nur neidvoll nach Finnland blicken. Denn mit seinen sieben Sälen und insgesamt über 2.000 Plätzen – bei einem Baubudget von 180 Millionen Euro – eröffnet im nächsten Jahr pünktlich das ebenfalls am Wasser gelegene Helsinki Music Center. Robert Fraunholzer hatte jetzt schon Gelegenheit, sich den Prachtbau anzusehen.

Sensation in Helsinki: das erste finnische Gebäude ohne Sauna! »Musiikkitalo« heißt der neue Konzert-Glaspalast direkt an der Töölön-Bucht im Zentrum von Helsinki. Nicht nur, dass er das einzige Konzerthaus der Welt sein dürfte, in dem zwei konkurrierende Orchester gleichberechtigt miteinander leben. In Finnland, wo man bei 5 Millionen Einwohnern rund 3 Millionen Saunen zählt, wundert man sich, dass die Musiker des Helsinki Philharmonic und des Finnish Radio Symphony Orchestra auf den entspannenden Aufguss danach offenbar verzichten. Die Lösung: Man will sich nach der Vorstellung lieber inwendig begießen. Im Pub gegenüber.
Spürbar erschüttern Explosionen noch immer täglich den Boden zwischen Finlandia Hall und Parlament. Hier sprengt man für die Tiefgarage des neuen Helsinki Music Center Löcher in den Granit. Dort duckt sich auch der große 1.700-Plätze-Saal bescheiden ins Erdreich – wie ein Mumin-Puppenhäuslein in Kupfergrün. Der Eindruck täuscht. Unter eleganten Dachlamellen ragen die Weinberge des großen Saales tief hinab in den Stein. Finnland plant den am tiefsten ins Unterirdische reichenden Felsendom der internationalen Musikwelt. Fast wäre der 20-jährige Kampf für einen neuen Konzertsaal (gleich neben der akustisch desolaten Finlandia-Halle von Alvar Aalto) umsonst gewesen. Plötzlich aber brannten im Jahr 2006 die historischen Lagerhäuser, deren Abriss im umweltbewussten Finnland nie und nimmer genehmigt worden wäre. Warmer Abbruch? »Ich war zu diesem Zeitpunkt in Paris«, lacht die eiserne Lady des Konzertsaal- Projekts, Helena Hiilivirta. Sie hat die finnischen Architekten Marko Kivistö, Ola Laiho und Mikko Pulkkinen mit ausgewählt. Nach Oslo mit seinem spektakulären Opernhaus am Ufer bekommt so auch Helsinki seinen Hafentempel.
Die Akustik stammt selbstredend vom Weltmeister der guten Töne, Yasuhisa Toyota (berühmt für die Walt Disney Hall in Los Angeles, für Sydney, Sapporo und die Suntory Hall). Idealbedingungen sollen es werden für den finnischen Feinzeichner unter den Dirigenten, den Kammermusik- Fan John Storgårds. Der Chef des Helsinki Philharmonic Orchestra und letzte, echte Schüler des legendären Jorma Panula schwört auf die Idee, dass ein guter Dirigent auf dem Gipfel des Könnens gleichsam im Orchester verschwindet. »Fast so, als wär es ein Streichquartett.«
Als Geigensolist dürfte Storgårds der wohl einzige Dirigent der ersten Liga sein, der noch täglich übt. Auf der großen, durch elf deutsche Städte gehenden Oktober-Tournee des Helsinki Philharmonic Orchestra (mit Sol Gabetta als Solistin) steht neben Elgars Cellokonzert nicht zufällig immer wieder Sibelius Fünfte auf dem Plan. Mit großem, dramatischem Aplomb furcht Storgårds durch das Werk mit dem berühmten Schwanenmotiv. (Angeblich hat es Sibelius den Schwänen abgelauscht.) Storgårds, ein Fan von Bernstein und Paavo Berglund, hält Distanz zu Wagner, Puccini und Verdi – und entdeckt bei aller Detailverliebtheit sogar im theaterfernen Sibelius Opern ohne Worte. So viel Lokalverbundenheit hört man: Ein Streicherklang wie schmelzendes Eis sowie lichthell aufgetürmte Bläserblöcke findet man nirgendwo so kantigschön wie hier. Kein Zufall, dass eine unabhängige, tonale Musiktradition hier unvermindert blüht. Finnland, die Halbinsel der Musikseligen: noch immer ein Ort paradiesischer Naturbelassenheit des Klangs. Wer’s hört, dem wird’s saunig warm ums Herz.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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