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Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Bei seiner Vorstellung als neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonie- Orchesters ist der aus Nord-Ossetien stammende Tugan Sokhiev vor versammelter Presse von der Bühne gefallen. Der 33-Jährige gab einige Interviews und bewegte sich dabei langsam rückwärts. Er fiel direkt in die Panzerglasscheibe der Akademie der Künste am Pariser Platz. Scherben bringen Glück! Während sich andere Menschen bei solchen Vorfällen schon das Genick gebrochen haben, ließ sich der neue Chef nichts anmerken.
Der Regisseur Peter Stein hat seine Inszenierung von »Boris Godunow« an der Metropolitan Opera offenbar deshalb abgesagt, weil er sich vom Berliner US-Konsulat unfreundlich befandelt fühlte. Nach einem Bericht des Berliner »Tagesspiegels« hatte der 72-Jährige mehrere Stunden auf die Aushändigung seines Visums warten müssen und war anschließend von dem zuständigen Beamten abgewiesen worden, weil er nicht freundlich lächelte. Die New Yorker Met schickte daraufhin einen Mitarbeiter nach Berlin, um Stein bei der Visa-Beantragung zu unterstützen. Dieser äußerte gegenüber Gelb, falls sich ein ähnlicher Vorfall bei seiner Einreise in die USA wiederhole, werde er das Land sofort wieder verlassen. Er sei ein alter Mann. Intendant Peter Gelb antwortete, dass die Met bereits sechs Millionen Euro in die Produktion investiert habe. Daraufhin kündigte Stein die Zusammenarbeit. Dirigent Seiji Ozawa ist erstmals seit seiner Erkrankung wieder öffentlich aufgetreten. Im japanischen Matsumoto dirigierte er den ersten Satz der Streicherserenade von Peter Tschaikowsky und sagte in einem Interview, seine Behandlung sei erfolgreich abgeschlossen worden. Der Krebs sei weg. Indessen habe er so viel an Gewicht verloren, dass ihn Rückenprobleme vorerst in der Ausübung seines Berufes einschränken. Ozawa hatte im Januar öffentlich erklärt, es sei Speiseröhrenkrebs bei ihm diagnostiziert worden.
Der neue Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, Andreas Ottensamer, dürfte der erste Musiker dieses Orchesters mit Nacktaufnahmen im Internet sein. Die auf der Homepage von »Tempo Models« veröffentlichten Fotos könnten mühelos in »Playgirl« erscheinen. Sie zeigen, dass auch im Klassikgeschäft ein Generationswechsel stattgefunden hat. Denn so ist es. Vom neuen Chefdirigenten des Philadelphia Orchestra, Yannick Nezet-Séguin, waren auf Facebook angeblich bereits Brust-Piercings zu bewundern. Skandalös wäre es eher, wenn den Musikern daraus ein Strick gedreht würde. Zugabe Von der Hinterbühne berichtet Robert Fraunholzer.
Nur kein Neid: Laut einem Bericht der »Los Angeles Times« hat Plácido Domingo in der Saison 2008/09 als Direktor und Sänger in Los Angeles insgesamt 810.000 Dollar verdient. Hinzu kommen Einnahmen als General Director an der Washington National Opera in Höhe von 780.000 Dollar. Laut der Wiener Tageszeitungen »Der Standard« und »Kurier« kann man auch in Salzburg noch richtig Geld verdienen. Die Berliner Philharmoniker sollen 2008 bei den Salzburger Osterfestspielen 1,2 Millionen Euro erhalten haben, Simon Rattle für seine Auftritte insgesamt 123.500 Euro. Seiji Ozawa kassierte für ein einziges Dirigat 31.000 Euro, die Geigerin Anne-Sophie Mutter brachte es bei zwei Auftritten auf 89.000 Euro.
Schon im Vorfeld der Amtsübernahme von Andreas Homoki als neuer Intendant der Oper Zürich gibt es hinter den Kulissen Ärger. Zahlreiche Kündigungen im Ensemble sorgen seit Längerem für schlechte Stimmung. Jetzt hat der langjährige Ballettdirektor Heinz Spoerli – angeblich aufgrund von Auseinandersetzungen mit Bühnentechnikern – eine Vorstellung wenige Minuten vor Beginn abgesagt. Das Publikum wurde nach Hause geschickt. Als Hintergrund wird die unverhältnismäßige Belastung des Ballett-Ensembles angegeben.
Alte-Musik-Dirigent Philippe Herreweghe mag seine eigenen Opernaufnahmen nicht. Auch von Händel hält er wenig. »Ich finde Händel völlig uninteressant«, sagte er im südfranzösischen Saintes. Er sei musikalisch vor allem am Kontrapunkt und an architektonischen Fragen interessiert. Da sei bei Händel nicht viel zu holen. Früher habe er zuweilen Opern von Lully, Rameau und Charpentier dirigiert. »Ich fand meine Opern vom Niveau her schrecklich.« Gleichfalls »keine Lust auf Händel-Arien für Cello oder Vivaldi-Bearbeitungen vom Fagott« hat Nicolas Altstaedt, Shootingstar am Cello, der soeben mit den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival debütierte. Er habe daher mehrere Angebote großer CD-Labels ausgeschlagen. Die großen Firmen würden außerdem neuerdings Provisionen von Konzerten kassieren, sagte er der Schweizer »Sonn tagsZeitung«. »Das wird ja immer schöner!«, so Altstaedt. Auch der Kult mit Künstlerfotos nehme immer mehr überhand. »Rekordhalterin in puncto Promofotos dürfte in diesem Herbst die kanadische Pianistin Angela Hewitt sein. Sie bringt es im Booklet zu ihren gesammelten Bachaufnahmen (bei Hyperion) auf immerhin 14 Fotos ihrer selbst. Wer bietet mehr?

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2010



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