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Fritz Wunderlich zum 80. Geburtstag

Den lieben Gott am Fuß kraulen

Am 26. September 2010 wäre der große Tenor Fritz Wunderlich 80 Jahre alt geworden. Die ehemaligen Sängerkollegen Ingeborg Hallstein, Brigitte Fassbaender und Franz Crass waren gerne bereit, mit Michael Wersin über ihre lebendig gebliebenen Erinnerungen zu sprechen.

Brigitte Fassbaender hat heute noch einen Kochtopf einer württembergischen Qualitätsmarke in Gebrauch, den ihr Fritz Wunderlich einst zur Hochzeit geschenkt hat. Sein recht bodenständiges Präsent gewissermaßen vorauseilend verteidigend, kommentierte er damals die Übergabe: »Lach nicht über dieses Geschenk. Du wirst sehen, der wird uns alle überleben!« Fassabaender, rund zehn Jahre jünger als Wunderlich, erinnert sich gern an die schöne Freundschaft mit dem lebenslustigen, aufgeschlossenen, ungeheuer positiv gestimmten Kollegen. Oft sprach sie mit ihm über ein Thema, an dem sie beide sehr interessiert waren: Gesangstechnik. »Er hatte sich intensivst mit Fragen des Stimmsitzes, der Atemtechnik et cetera beschäftigt und wusste ganz genau, was er tat. Wir waren uns bei technischen Fragen immer ganz einig, denn was er machte, erinnerte mich stark an das, was ich selbst bei meinem Vater gelernt habe.«
Ein akribischer Techniker, der immer perfekt vorbereitet und schon am Morgen mit strahlender Höhe zu allen Gesangsterminen erschien – sehen wir da vielleicht den Schelm Fritz Wunderlich vor uns, wenn Ingeborg Hallstein erzählt, er habe sie vor einer gemeinsamen »Zauberflöten«-Aufführung überrascht gefragt: »Du singst dich ein? Wozu brauchst du das? Ich mache das immer mit meiner ersten Arie!« Hallstein, die als Königin der Nacht ziemlich am Anfang Anfang der Oper gleich zum dreigestrichenen f hinaufmusste, konnte darüber nur konsterniert den Kopf schütteln. Allerdings erinnert sie sich lebhaft, wie sehr das gemeinsame Singen mit ihm sie nicht nur interpretatorisch, sondern auch gesangstechnisch inspirierte: »Es war toll, sich im Duett mit ihm gewissermaßen aneinander hochzuranken. Man erreichte oft ein so erhabenes Niveau, dass man meinte, man könnte den lieben Gott am Fuß kraulen ...«
Direkten gesangstechnischen Nutzen konnte auch ein älterer Kollege, der 1928 geborene Bassist Franz Crass, aus dem gemeinsamen Singen ziehen: »Ich hatte als Bassist zu Anfang Höhenprobleme, weil ich wie viele andere Sänger meines Fachs die Höhe abgedunkelt habe. Von Wunderlich habe ich mir den ganz offenen Zugriff auf die obere Lage abgehört und dadurch eine Höhe erlangt, die es mir dann ermöglichte, auch baritonale Partien ohne Mühe zu singen.« Heiter, unermüdlich aktiv und unendlich einfallsreich, so haben die Kollegen Wunderlich meistens erlebt. Ingeborg Hallstein musste auf sein Drängen hin in Buenos Aires ein Wildlederkleid anprobieren, das er seiner Frau schenken wollte: »Du hast doch eine ähnliche Figur wie sie!« Beim samstäglichen Stammtisch im Münchner »Franziskaner « erschien er, so erinnert sich ebenfalls Frau Hallstein, eines Tages ganz aufgeregt mit einer Uhr, deren Armband innen mit Pelz besetzt war: »Damit die Uhr nicht friert!« Er hatte sie im »Valentin-Musäum« am Marienplatz gekauft. Brigitte Fassbaender hat Wunderlich nur einmal wirklich beunruhigt und unglücklich erlebt: Ein berühmter Sängerarzt hatte ihn überredet, sich die Nasenscheidewand operieren zu lassen. Danach fiel es ihm schwer, sein altes Singgefühl wiederzufinden.
Im Zusammenhang mit seinem frühen Tod kommen Hallstein und Crass unabhängig voneinander auf Wunderlichs Einspielung der Lenski- Arie aus Tschaikowskys »Eugen Onegin« zu sprechen: Frau Hallstein ist bis heute fasziniert von der unüberbietbaren Konzentration, mit der er dieses tieftraurige Stück darzubieten wusste. Ihr kommen beim Hören der Aufnahme ebenso die Tränen wie einst Franz Crass, der sie kurz nach Bekanntwerden von Wunderlichs Tod in einer Nachrufsendung im Radio hörte: »Da habe ich Rotz und Wasser geheult.«

Neu erschienen:

Der unvergessene Fritz Wunderlich

DG/Universal

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 4 / 2010



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