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Das »Young Singers Project«

Sängerische Luxuslehre

Alles lechzt nach neuen Stars, aber gute Sänger fallen nicht vom Himmel. Beim »Young Singers Project« der Salzburger Festspiele lernen und proben Nachwuchssänger mit den Großen der Gesangswelt. Das Projekt leitet die renommierte slowenische Mezzosopranistin Marjana Lipovšek.

Gesangsstudium erfolgreich absolviert – und dann? Die dringend erforderliche stimmliche Reife, das nötige schauspielerische Finish haben viele junge Sänger oft noch nicht. Außerdem fehlt es ihnen an Geld. Sie nehmen dann jedes verfügbare Engagement an, um existieren zu können, überanstrengen sich dabei womöglich, haben jedenfalls nicht genügend Zeit zum konzentrierten Arbeiten. Kurzum: Sie müssen unter harten Bedingungen jenes beträchtliche Standvermögen, jenes unverzichtbare künstlerische Selbstbewusstsein entwickeln, das für den Berufsalltag des Sängers absolut lebensnotwendig ist.
Die Mezzosopranistin Marjana Lipovšek schildert die Probleme, mit denen junge Sänger heute zu kämpfen haben. Ob es denn gegenwärtig insgesamt wohl merkbar schwieriger ist, in diesem Geschäft Fuß zu fassen, als noch vor 30 oder 40 Jahren, wollen wir von ihr wissen – sie bejaht das vehement: »Was die Leute für die Bühne heute an schauspielerischem Können, an Bühnenpräsenz, an Bewegungssicherheit mitbringen müssen, ist enorm. Sie müssen eigentlich von Anfang an perfekte Schauspieler sein, denn die Regisseure kommen oftmals gar nicht mehr explizit vom Musiktheater so wie früher und verlangen entsprechend ganz andere Dinge. Eine besonders schöne und gut geführte Stimme reicht heute nicht mehr aus für einen erfolgreichen Karrierestart.«
Marjana Lipovšek weiß, wovon sie spricht, denn seit Mitte der Neunzigerjahre betreut sie selbst in Wien junge Nachwuchssänger. Und nun wurde sie mit der Leitung einer einzigartigen Initiative betraut: Das »Young Singers Project « der Salzburger Festspiele, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet, bietet jungen Ausnahmebegabungen genau das, was für die meisten von ihnen so schwer erreichbar ist – hochkompetente Unterweisung durch hervorragende Lehrer in den Bereichen Gesang, Rollenstudium, Schauspiel, Bewegung und Sprache, dazu intensive Betreuung durch einen erstklassigen Korrepetitor. Zu den Dozenten, die im Rahmen des Projekts diesen Sommer Meisterklassen anbieten, gehören Christa Ludwig, Sir Thomas Allen, der Festspielintendant Jürgen Flimm und Marjana Lipovšek selbst.
Aber damit nicht genug: Die jungen Sänger studieren außerdem – und das ist das eigentlich Sensationelle am »Young Singers Project« – einige Partien der diesjährigen Opernproduktionen mit: Unter anderem bei Alban Bergs »Lulu«, Mozarts »Don Giovanni« und Gounods »Roméo et Juliette« werden sie von Anfang an mitproben und auf diese Weise mit den Großen und Größten des Gesangsbusiness in Tuchfühlung geraten – wochenlang, die ganze Produktion hindurch. Die Chance, dass eine oder einer von ihnen im Falle einer Absage tatsächlich bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stehen wird, ist, so meint Frau Lipovšek, allerdings gering: »Dazu fehlt es ihnen dann doch noch an Erfahrung. Aber ganz ausgeschlossen ist das natürlich nicht!«
Ins Leben gerufen haben das »Young Singers Project« im Jahre 2008 Festspielintendant Jürgen Flimm und der deutsch-kanadische Tenor Michael Schade, Frau Lipovšeks Vorgänger in der Leitungsfunktion. Das durchgehend hohe Niveau sichern indes Schweizer Devisen: Die »Credit Suisse«, ohnehin Hauptsponsor der Salzburger Festspiele, ist im vergangenen Jahr auch bei der Nachwuchsförderung eingestiegen. Und so beginnen die acht jungen Damen und Herren aus Irland, Italien, Deutschland, Usbekistan, der Ukraine und den USA, die im Vorfeld schon bei Vorsingen an mehren Orten der Welt ausgewählt wurden, derzeit ihre Luxuslehre im österreichischen Festspielmekka. Am 26. August werden sie in einem Galakonzert Gelegenheit haben, zu zeigen, was sie gelernt haben. »Sich selbst zu erkennen «, so meint Frau Lipovšek, »ist die größte Herausforderung für einen jungen Sänger«. Die Salzburger Zeit wird den glücklichen Auserwählten sicher dabei helfen.

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 3 / 2010



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