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(c) Lars Borges

Miloš

Unter die Haut

Mit „Mediterraneo“ und „Latino“ wurde Miloš in doppelter Hinsicht zum Shootingstar. Mit „Aranjuez“ ist klar: Die Fotos waren nicht das Wichtigste.

Barfuß am Strand, mit halboffenem Hemd vor einer malerisch gekalkten Häuserwand oder in verwegener Lederjacke – im weichen südlichen Licht macht Miloš Karadaglić sowohl als mediterraner Jüngling wie auch als Latin Lover eine gute Figur. Aber auch an diesem wolkenverhangenen Nachmittag in Hamburg, wo uns Miloš im adretten weißen Rollkragenpullover im Café des Hotel Elysée gegenübersitzt, ließe sich der raketengleich aufgestiegene Gitarrenvirtuose vorteilhaft ablichten. Wobei diesmal nicht nur im etwas blasseren Winterteint und der zugewandten, aber kontrollierten Haltung der Wahl-Engländer in ihm durchzuschlagen scheint: „Sie möchten grünen Tee? Nehmen Sie keinen Beuteltee, bestellen Sie nur heißes Wasser.“ Spricht›s und holt eine Packung mit seiner fein duftenden Hausmischung hervor. Das ruft den Widerstand der Kellnerin hervor, die sich als Spezialistin für grünen Tee zu erkennen gibt – und nach einem fachsimpelnden Gespräch, das in gegenseitiger Anerkennung endet, steht von beiden Sorten eine Tasse auf dem Tisch.
Mit dem aromatischen Getränk spülen wir die ganzen schönen Klischees herunter und es kann erstmal um den Musiker gehen. Und als Musiker ist Miloš – wie Karadaglić sich als Künstler schlicht nennt – eben nicht bloß eines der vielen talentierten und gut ausgeleuchteten Schöngesichter seiner Generation. Zum Weltbürger mit dem Anspruch, auch musikalische Weltliteratur auf seinem Instrument zu spielen, wurde er in London, wohin er mit 17 Jahren aus seiner Heimat Montenegro zog. „Ich wurde an der Royal Academy of Music ausgebildet,“ fährt er in seinem überlegten, druckreif formulierten und von einem leichten slawischen Akzent dunkler timbrierten Englisch fort: „Das könnte man die eher englische Schule des Gitarrenspiels nennen, die in Klang und Farbe gewissermaßen in der Tradition von Julian Bream steht – oder von John Williams, der in England lebt.“ Dank dieser Namen sei die Themsestadt heute zugleich ein internationales Zentrum für klassische Gitarre. Was nichts daran ändere, dass auch für Künstler das Leben letztlich die wichtigste Schule sei: „Und ich denke, dass ich ein sehr anderer Künstler geworden wäre, wenn ich in Deutschland geboren wäre oder in England.“ Eine Prägung bestand für Miloš darin, dass er in Montenegro begonnen habe, Gitarre für Leute zu spielen, die – seine Familie eingeschlossen – überhaupt keine klassische Musik kannten. „Ich fing mit dem Gitarrespielen einfach deswegen an, weil die Gitarre für mich das coolste Instrument der Welt war. Und ich wollte kein klassischer Gitarrist werden, weil ich nämlich gar nicht wusste, was das war. Ich wollte ein Rockstar werden, ich wollte für Millionen von Menschen spielen!“
Zusammen mit seiner Leidenschaft für den Gesang entdeckte der junge Miloš auch Aufnahmen von Andrés Segovia – und beides lehrte ihn, dass in ihm selbst wie in seinem Instrument noch ein ganz anderes Potenzial stecke. Die Idee vom Rockstar trat in den Hintergrund: „Ich fand, dass das doch besser andere Leute tun sollten. Denn nicht sehr viele Leute können die Gitarre zu einer Stimme und ihr Spiel zu dieser raffinierten, wunderschönen Kunst machen.“ Eine Kunst, mit der er sich immerhin schon als 14-Jähriger in dem vom Jugoslawienkrieg umgebenen Land in Konzerten Gehör verschaffte – und die er als Zufluchtsort empfand: „Gitarre zu spielen in einer Zeit, in der es nicht leicht war, und für Leute, die nichts davon kannten, erlaubte mir und wies mir den Weg, eine wunderschöne Welt zu schaffen – egal wo ich lebe.“
Allerdings, sagt Miloš, „hatte ich in der Zeit damals noch nicht die besten Lehrer. Die hatte ich erst, als ich mit 17 nach London ging. Aber ich hatte sehr schnelle Finger, ich wusste, wie ich klingen wollte, ich spielte viel, ich spielte sehr schwierige Stücke, ich war immer sehr ehrgeizig. Und nicht dem Druck einer bestimmten Lehrmeinung ausgesetzt zu sein, war das Beste, was mir passieren konnte, denn so konnte ich mich niemals einschüchtern lassen.“

Raus aus den Schubladen

Oder dazu überreden lassen, seine Karriere in der abgeschlossenen Szene der klassischen Gitarre oder sonstigen Nischen zu starten. Und die Gitarre als Instrument sei zum Glück auch das perfekte Medium, um die Kluft zwischen Klassik und Mainstream zu überbrücken. Wobei er gerade in seiner Generation die Chance sieht, Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu vermeiden: „Während wir in den 90er Jahren Crossover separat als Crossover entwickelt haben und klassische Musik als klassische Musik, ist nun beides sehr viel näher zusammen“, findet Miloš. Auf der einen Seite seien Künstler sehr viel mehr darauf bedacht, nicht ihre künstlerische Integrität und Glaubwürdigkeit bei Crossover-Projekten zu verlieren. „Doch Künstler, die per se gute Musiker sind, sind heute auch mehr dazu bereit, innovative Wege auszuprobieren, um sich und ihre Musik einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren – ohne das zu verraten, was sie am besten können.“
Miloš selbst möchte damit jedenfalls an eine positive Entwicklung anknüpfen, die Segovia anstieß, als er die klassische Gitarre aus ihrer abgeschlossenen Welt auf die großen Konzertbühnen herausführte. Bis in die Siebziger besaß die Gitarre einen Mainstreamstatus. „Aber nach dieser Ära“, erklärt Miloš, begannen die Leute nicht nur in der Gitarrenmusik, sondern generell in der klassischen Musik zu experimentieren: Sie versuchten, sehr avantgardistisch zu sein und Klänge zu finden, die sehr ungewöhnlich und vielleicht ein bisschen intellektuell waren. Vielleicht wurde die Musik auf der einen Seite ein bisschen zu intellektuell und im Gegenzug zu populistisch auf der anderen.“ Die Folge: Die klassische Gitarre zog sich wieder in einen engeren Zirkel zurück, während die populäre Gitarrenkultur sich außerhalb davon abspielte. Genau darin sieht Miloš für sich und seine Kollegen eine Chance: „Wir sind uns bewusst, dass in der Tatsache, dass die Gitarre von manchen Leuten vielleicht nicht als das seriöseste klassische Instrument angesehen wird, gerade unser größter Vorteil liegt. Denn auf diese Art und Weise können wir Leute in einen Konzertsaal bringen, die normalerweise nie in einen Konzertsaal kommen würden.“

Eine Oper für Gitarre und Orchester

Nach den großen Erfolgen seiner ersten Alben „Mediterraneo“ und „Latino“ scheint nun die Zeit reif, sowohl sich und seine Fans auch auf der Platte an die große Konzertliteratur der klassischen Gitarre heranzuführen – angefangen bei de Falla und kulminierend in den beiden großen Konzertwerken Joaquín Rodrigos.
Das „Concierto de Aranjuez“ hat Miloš dabei schon in den aufregendsten Momenten seiner Karriere begleitet: bei seinem ersten Auftritt als Konzertsolist und seinem Debüt als frischgebackener Absolvent mit dem London Philharmonic Orchestra. „Doch erst, als ich für die Aufnahme mit Yannick Nézet-Séguin zusammentraf“, so Miloš, „spürte ich, dass meine Lehrzeit als Konzertsolist zu Ende war. Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, mit einem Dirigenten wie von Musiker zu Musiker zu sprechen, und von Kollege zu Kollege herauszufinden, wie man diese Musik gemeinsam kreiert. Denn ein Solist ist kein Feind des Orchesters: Ein Konzert ist vielmehr Kammermusik in großem Format.“
Vielleicht hängt es mit Miloš’ Faszination für den Gesang zusammen, dass die kammermusikalische Genauigkeit des Zusammenspiels, das große Gefühl und die leidenschaftliche Präsenz nicht verloren geht. Jedenfalls überrascht es nicht, welche Namen Miloš nennt, wenn man ihn nach seinen Lieblingssängern fragt. „Meine Lieblingssängerin, hoch über allen, ist Angela Gheorghiu“, schwärmt der Opernfan: „In ihrer Stimme finde ich absolut alles, was mit meiner eigenen Vorstellung von Emotion korrespondiert. Es ist stark und fragil auf einmal, es ist leidenschaftlich und kalt zugleich, es ist so wahnsinnig intensiv und geht doch direkt ins Herz.“
Rodrigos Konzert kann es für Miloš an Ausdrucksmöglichkeiten wohl mit jeder Oper aufnehmen. „Es ist wie eine Leinwand für alle Gefühle, die sich fühlen lassen. Und deswegen finde ich es sehr bereichernd es aufzunehmen, denn ich bin ein sehr emotionaler Mensch.“ Die letzten Sätze hat Miloš wieder ruhig und überlegt gesprochen. Ein kleines Lächeln spielt um seinen Mund und er fügt nach einer winzigen Pause hinzu: „Wenn ich spiele.“

Neu erschienen:

Aranjuez

Miloš Karadaglic, London Philharmonic Orchestra, Yannick Nézet-Séguin

DG/Universal


Gartenarbeit

Joaquín Rodrigo (1901 - 1999), der Komponist des „Concierto de Aranjuez“, war kein Gitarrist, sondern Pianist. Der Name des Konzerts, das 1940 uraufgeführt wurde, bezieht sich auf den spanischen Königspalast von Aranjuez. Dessen weitläufige Gärten besuchte Rodrigo während seiner Flitterwochen. Der berühmte zweite Satz wurde von vielen Hörern zunächst als Reaktion auf die Bombardierung Guernicas 1937 im spanischen Bürgerkrieg aufgefasst. Den wahren Bezug enthüllte Rodrigos Frau Victoria – eine aus der Türkei stammende Pianistin – erst später in ihrer Autobiografie. Demzufolge verarbeitete der Komponist in dem Stück die Fehlgeburt des ersten gemeinsamen Kindes.


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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