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(c) Maurice Weiss

Bruno Monsaingeon

Nahaufnahmen

Im Dezember feierte der Geiger, Dirigent, Musikschriftsteller und Filmemacher seinen 70. Geburtstag und wird zugleich mit einer Edition seiner Arbeiten auf DVD geehrt. Am Beginn stehen seine hingebungsvollen Porträts Dietrich Fischer-Dieskaus.

Es war 2008, Fischer-Dieskau war in sehr bitterer, verzweifelter Stimmung. Er fragte mich: ‚Wäre es Ihnen möglich, von Zeit zu Zeit zu kommen?’ Eine große Chance, ohne alle Hindernisse einfach unser Gespräch abzufilmen. Darin erlebt man ihn völlig spontan und entspannt; das ist für viele Leute eine Offenbarung. Bei der Premiere kam sein Sohn Martin und sagte mir: ‚Sie kennen ihn vermutlich besser als ich. Es ist unglaublich, ihn so zu sehen, so kannte ich ihn nicht.’“
Die scheinbare Leichtigkeit dieser spätherbstlichen Abschiedskonversationen ist allerdings die Frucht einer behutsamen, jahrzehntelangen Annäherung. Erst in solchen Vertrauensräumen öffneten sich Künstler wie Richter oder Fischer- Dieskau schonungslos bis zur Selbstentblößung, die kaum mehr für ein Publikum bestimmt war.
„Bei der zweiten Session war er krank und müde. Wir begannen zu filmen, und ich hatte die Idee, mit ihm ein Lied zu hören. Ich habe nie einen Gesang von solcher atemberaubenden Vollkommenheit und Expressivität gehört. Wir sprachen danach etwas ziellos über Schumann, und wenige Minuten später, völlig abrupt, begann er wie verrückt zu weinen.“ Der Film umgeht respektvoll die Momente äußerster Verzweiflung eines Mannes, der die Geisteswelt des Bildungsbürgertums verkörperte wie kein zweiter und in seinem eigenen Verfall das Spiegelbild ihres Vergehens sah, ein schmerzlich erfahrener Niedergang, der ihn zu dem erschütternden Ausruf „Ich habe umsonst gelebt“ trieb – den Monsaingeons Porträt taktvoll auslässt. Solche kaum mehr erträglichen Sätze sind wie Meteoreinschläge, und seit der Autor weiß, dass sie gefallen sind, meint er ihren Nachhall in dieser Rückschau vor Sonnenuntergang überall wahrzunehmen.
Und doch blitzt auch hier Dieskaus erstaunlicher Humor auf, den viele dem intellektuellen Großmeister des Liedgesangs gar nicht zutrauten. Der Filmemacher durfte ihm in allen Facetten begegnen: „Wenn er lachte, lachte er richtig. Er zeigte mir einmal ‚Dinner For One’ und er lachte dabei wie ein Baby.“ Und ein leiseres, aber kaum geringeres Vergnügen wird es dem Sänger bereitet haben, als ihm Monsaingeons Kamera – stellvertretend für den Kunst und Leben unrettbar überblendenden Anbeterblick – einmal auf den Leim ging: „Da gibt es ein außerordentliches Lied, ‚Wehmut‘, ich entschloss mich (in einer früheren, ebenfalls in der Edition enthaltenen Produktion), im Nachspiel Dieters Gesicht in Nahaufnahme zu zeigen. Die letzte Note war verklungen, und ich sah eine Träne in seinem Gesicht! Ich denke, niemand kann einem solchen Moment widerstehen. Ich fragte ihn, und er sagte. ‚Ich habe Heuschnupfen.’ Und doch: Es ergreift, weil es in diesem bestimmten Lied passierte.“ Und nur einem Meister wie Monsaingeon ist es erlaubt, uns mit solch scheinbarer Authentizität zu täuschen, weil er weiß, damit eine höhere, verborgene Wahrheit zu berühren.

Das Schicksal seines letzten Dieskau-Porträts kann den wohl etwas naiven Glauben an die von Rundfunkgebühren finanzierten Institutionen heftig erschüttern. „Als Dieter bereit war, ‚Letzte Worte’ zu machen, sagten meine Produzenten: ‚Wir haben nicht die geringste Chance, arte dafür zu interessieren.’“ So war es leider auch, bis heute ist dieses Spätwerk noch nicht im Fernsehen gezeigt worden. „Als Fischer-Dieskau dann starb, entschied arte, den Film ‚Die Stimme der Seele’ zu senden, allerdings eine Kurzversion, die ich nur für den SFB gemacht habe. Und zwar in einer synchronisierten Fassung, und das bei Dieskau, dessen Stimme doch wohl die Hauptsache ist. Synchronisiert! Ich wurde völlig verrückt. Antwort: Ich solle froh sein, dass man dies überhaupt zeige.“ Diese Gleichgültigkeit und Missachtung schmerzen ihn nicht, weil die Eitelkeit des Porträtisten berührt wäre, sondern weil sie letztlich jenen Großen selbst entgegenschlägt, deren filmischer Statthalter und Nachlassverwalter er ist.
„Glauben Sie mir, wenn ich heute ein guter Freund von Marcel Proust wäre und würde anbieten, eine Reihe von Konversationen mit ihm zu filmen, sie würden antworten: ‚Ist das denn aktuell? Lassen Sie uns damit zufrieden!’ Ganz im Ernst!“ Dass er nicht übertreibt, verrät die Geschichte seines kürzlich abgedrehten Sokolov-Recitals: „Mein Produzent sprach mit arte. ‚Sokolov, na gut, meinetwegen, wir wollen 43 Minuten’. Nun, besser als nichts, dachte ich. Sie wollten exakt 43 Minuten. Das ist ihr Slot. Schon das ist monströs, absolut monströs. Das Einzige, was ich machen kann, ist, den Applaus zu kürzen, aber ich kann nicht die Musik schneller machen oder eine Wiederholung streichen. Schließlich schickten wir eine Fassung von 42 Minuten, 56 Sekunden. Die Antwort war wütend: ‚Denken Sie, Sie hätten über das Programm zu entscheiden?’ Die haben den Film nicht ausgestrahlt. Können Sie sich das vorstellen?“ Dass noch diese letzten verbliebenen Inselchen eines intelligenten Fernsehens vom Ozean der Ignoranz überspült werden, macht Monsaingeons verzweifelten Ausruf nachfühlbar: „Wir müssen aufschreien und kämpfen! Nicht nur weil wir fühlen, dass es wichtig ist. Ich bin überzeugt, die Menschheit insgesamt wäre ärmer, wenn so etwas verschwindet!“
Seine niemals in Bitternis umschlagende Wut ist umso verständlicher, als seine Werke bei aller erlesenen Thematik ein breites Publikum anzusprechen vermögen, nicht nur die kleine Schar der Mandarine, auch wenn letztere wohl doch den meisten Genuss haben werden.
„Den besten Kommentar, den jemals ein Mensch über einen meiner Filme gemacht hat, habe ich gehört, nachdem der Richter- Film nachts bei arte noch einmal gezeigt worden war. Am nächsten Morgen ging ich in einen Laden, und der Junge an der Kasse sagte: ‚Ich habe Sie letzte Nacht gesehen, es ging um einen alten russischen Musiker’ – er sagte nicht Pianist, er wusste vermutlich nicht einmal, was ein Klavier ist – ‚ich war gefesselt. Er wirkte auf mich wie ein alter Sträfling am Ende seines Lebens, der seine Verbrechen beichtete´Und da erzähle mir einer, ein Großteil der Bevölkerung könnte durch so etwas nicht berührt werden! Ich möchte in meinen Filmen meine Emotionen in allgemeine universale Emotionen übersetzen und ich bin überzeugt, der Film ist das angemessene Medium dafür.“
www.brunomonsaingeon.com

Neu erschienen:

Dietrich Fischer-Dieskau (Bruno-Monsaingeon-Edition Vol. 1)

EuroArts/Naxos


Das Auge der Musikwelt

Langweilige Musikfilme gibt es unendlich viele. Und es gibt – einsam herausragend aus dieser öden Ebene – Bruno Monsaingeon. Selbst wer diesen Namen noch nie gehört hat, kennt seine Filme über Glenn Gould, die in unser kulturelles Gedächtnis eingegangen sind. Und die an seinen Tagebüchern entlangkomponierte Lebensbeichte Svjatoslav Richters ist vielleicht das bewegendste Bildnis, das jemals einem Musiker gewidmet worden ist. 84 Opusnummern – er nennt sie auf seiner Homepage so und darf das auch, wie wir finden – umfasst sein variantenreiches filmisches Schaffen bisher. Ob er ein Konzert in Szene setzt oder die persönlichen Aussagen eines Interpreten vor der Vergessenheit rettet, immer zieht er sich ganz uneitel von der Bühne zurück, die er so sorgsam vorbereitet hat.


Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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