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(c) Rui Camilo

Musikstadt

Frankfurt

„Zur Oper bitte.“ – „Zu welcher?“: Alltag in einem Frankfurter Taxi. Aber jene Oper, die heute die „Alte“ heißt und schon sehr lange keine mehr ist, macht immer noch etwas her.

Dabei steht am anderen Ende der Taunusanlage nun auch schon seit 63 Jahren ein Opernhaus, das eher inhaltlich einiges hermacht, sowohl regional wie auch im internationalen Vergleich. Doch lokale Gemüter brauchten eben ihre Zeit zum Umgewöhnen. Und so ist die Musikstadt Frankfurt am Main eben zur Zwei-Opern-Stadt herangereift, mit nur einem echten Musiktheater.
Bleiben wir bei der Alten Oper. Das Gebäude wurde vom Berliner Architekten Richard Lucae im schönsten, schwülstigen, stolzgeschwellten Neorenaissance- und Barock-Stil entworfen und nach dessen frühem Tod im Jahre 1877 von Albrecht Becker und Edgar Giesenberg fertiggestellt. 1880 wurde das von Frankfurter Bürgern finanzierte Monstrum, die sich so kulturell gegen Preußen wehren wollten (das ihnen 1866 die Autonomie als freie Reichsstadt genommen hatte), in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. eröffnet. Opern von Ernst Krenek, Arnold Schönberg, vieles von Franz Schreker und Werner Egk, aber auch Carl Orffs „Carmina Burana“ und „Die Kluge“ wurde hier uraufgeführt, bis am 23. März 1944 der Musentempel zerbombt wurde.
Um die Ruine gab es jahrzehntelange Diskussionen. 1951 baute man unten am Main, im ehemaligen Schauspiel, neue Städtische Bühnen. Doch die machtvolle Bürgerinitiative setzte sich durch. 1981 wurde das entkernte und innen völlig neu konzipierte Haus der nunmehrigen „Alten Oper“ als Konzertsaal und Kulturkomplex wiedereröffnet. Mag, abgesehen vom prachtvoll historistischen, von Anfang an nicht nur bei den Frankfurtern beliebten und TV-bekannten Operncafé, das Interieur heute schon sehr nach klobigen Achtzigern anmuten – die Akustik im 2500 Zuschauer fassenden großen Saal ist gelungen. Und bis heute hat sich die Alte Oper, eröffnet in der Hochphase des mit großem Budget wuchernden „Kultur für alle!“-Dezernent Hilmar Hoffmann, als einer der wegweisenden Kultbauten der BRD behauptet.

Die Goldenen Jahre

Sicher, früher waren die Etats höher, die ersten Intendanten konnten aus dem Vollen schöpfen, mit aufwändigen Eigenproduktionen, den Frankfurter Festen zum Saisonauftakt, Artists-in-Residence, Festivals und Orchesterresidenzen wurde hier wegweisende Vermittlungs- und Veranstaltungsmodelle geschaffen, denen alle anderen Konzerthäuser der Republik nacheiferten. Man mixte E und U, in der Alten Oper gab und gibt es Jazz, Weltmusik, Musical und Tanzshows. Man machte sogar aus der Not, nicht über einen weltweit anerkannten Spitzenklangkörper vor Ort zu verfügen, eine Tugend und lud in großem Maße die Elite von außen ein, förderte die Vielfalt statt die Monokultur. Für Theater-, Opern- und Tanzgastspiele weltberühmter Kompagnien stand zudem die Jahrhunderthalle in Höchst zur Verfügung, wo man ebenfalls volle Budgetkassen hatte.
Damals stand das Frankfurter Schauspiel, wo man in den Siebzigern dann doch folgenlos ein Mitbestimmungsmodell ausprobiert hatte, in voller Diskursblüte. Am Main reihte sich neben dem traditionsreichen Städel auf der Sachsenhausener Flussseite eine umgewidmete Gründerzeitvilla nach der anderen in die Perlenkette des Museumsufers. Am Römerberg wurde die Schirn-Kunsthalle eröffnet, in der bis heute spektakuläre Wechselausstellungen gezeigt werden. Es gab die von den Banken geförderte Deutsche Ensemble-Akademie, in der die Junge Deutsche Philharmonie und die aus ihr hervorgegangenen, sich selbst verwaltenden Orchester Deutsche Kammerphilharmonie und Ensemble modern zusammengefasst waren, geleitet vom heutigen Baden-Badener Festspielhausintendanten Andreas Mölich-Zebhauser. Die internationale Bühne-Avantgarde gab sich im vom Tom Stromberg geleiteten, einst von Peymann und Fassbinder mitbegründeten Theater am Turm ein Stelldichein, die 1987 von einem verwirrten DDR-Flüchtling angezündete Oper hatte ihre Aufs und Abs, doch das Ballett von William Forsythe leuchtete als weltweit gefeierte Speerspitze der Tanzmoderne.
Das sind vergangene Zeiten. Der Deutschen Kammerphilharmonie wurden Anfang der Neunziger die Zuschüsse gestrichen und so zog sie weiter nach Bremen. Das Ensemble modern, immer noch eine der führenden Spezialistentruppen weltweit, sah sich von anderen, billigeren Neugründungen in eben diesem Sektor bedroht. Das TAT wurde nach dem Umzug in das für Schauspiel und Oper renovierte ehemalige Straßenbahndepot Bockenheim 2004 geschlossen, das Forsythe Ballett abgewickelt. Heute tanzt hier eine Rumpftruppe als The Forsythe Company (die man sich mit Dresden teilt), die inzwischen ziemlich verquasten Performances ihres Namensgebers.

Im Schatten der Bankentürme

Und doch strahlt die Kunst- und Musikstadt Frankfurt noch immer enorm, ist schon längst nicht mehr „Krankfurt“ und auch nicht nur schnöde Mammonund Messestadt, wo die Bankentürme als immer neue Zacken in der Stadtkrone wachsen, da abends, nach Geschäftsund Börsenschluss, eine Vielzahl von Künstlern die Stellung halten. Im Städel macht Max Hollein als umbauwütiger, sponsorenaffiner und PR-cleverer Direktor Furore, das 1991 eröffnete Museum für Moderne in der postmodernistischen Architektur blüht unter der gegenwärtigen Direktorin Susanne Gaensheimer.
Beim hr Sinfonieorchester, 1950 neugegründet und schon immer einer der wichtigen Klangkörper in der deutschen Rundfunklandschaft, sind eben sieben ertragsreiche Chefdirigentenjahre unter Paavo Järvi zu Ende gegangen, im Sommer 2014 erwartet man als Nachfolger den kolumbianischen Pultstürmer Andrés Orozco-Estrada, der zuletzt beim Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester für frischen Wind sorgte.
An der echten Oper am Willy Brandt-Platz aber, die als festes Ensemble seit 1792 besteht (immer getragen von den Bürgern, während die Staatstheater des Landes Hessen heute in den ehemaligen Residenzen Wiesbaden, Darmstadt und Kassel stehen), und schon dreimal mit dem Titel „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet, wirkt seit 2002 der für seine feine Sängernase bekannte Bernd Loebe. Hier gibt es so viele Premieren wie an sonst keinem deutschen Haus, ein eklektischer Reigen aus Wohlbekanntem und Raritäten, immer auf hohem Niveau, auch weil das sich ebenfalls in Konzerten produzierende Museums- und Opernorchester, in dem 1916 – 24 Paul Hindemith als Konzertmeister wirkte, unter Sebastian Weigle für Qualität steht. Der setzt seit 2008 eine Linie fort, die in der Nachkriegszeit mit Georg Solti (1952 – 1961), Christoph von Dohnányi (1968 – 1977), Michael Gielen (1977 – 1987), Sylvain Cambreling (1993 – 1996) und Paolo Carignani (1999 – 2008) geprägt wurde. Davor war lediglich die kurze Zeit von 1817 bis 1819 musikhistorisch bedenkenswert, als Louis Spohr Kapellmeister am Frankfurter Theater war, und dessen Opern „Faust“ sowie „Zemire und Azor“ hier uraufgeführt wurden.
Und auch an der Alten Oper weht ein frischer Wind. Nach 14 erfolgreichen Jahren und mit großzügiger Vorbereitungszeit übergab Michael Hocks am 1. März 2012 sein Amt an den bisherigen künstlerischen Leiter der Stiftung Mozarteum in Salzburg, Stephan Pauly. „Es ist ein großes Geschenk, die Arbeit hier beginnen zu dürfen“, sagte der des Lobes voll über den Zustand des Hauses. Und trotzdem hat er programmatisch die Ärmel hochgekrempelt. Zu rund 60 Prozent kann sich die Alte Oper selbst finanzieren. Bei einem Jahresbudget von 17,1 Millionen Euro konnten durch Kartenverkauf, Vermietungen und Fördermittel rund 10 Millionen Euro eigenständig erwirtschaftet werden. Bei 352 Veranstaltungen kamen rund 464.000 Besucher in das Opernhaus. In seiner ersten eigenständigen Saison 2013/14 hat Stephan Pauly besonders den 100. Geburtstag von Strawinskis „Sacre du printemps“, einst „Atombombe der Musik“ geheißen, mit einem Musikfest zum Spielzeitauftakt thematisch eingekreist. In Frankfurt hat man zwar von Opernbränden erst einmal genug, aber für musikalischen Zündstoff will man trotzdem auch weiterhin sorgen.

www.alteoper.de
www.oper-frankfurt.de


Alte Oper, neu gedacht

Nach dem Musikfest wird es an der Alten Oper weitere Festivals geben, die sich jeweils auf einen Künstler oder ein Thema konzentrieren: Nach dem Geiger Christian Tetzlaff folgt im Mai die Sopranistin Christine Schäfer sowie im März ein Romantikschwerpunkt mit Werken von Robert Schumann und Heinz Holliger samt einer „Langen Nacht der Romantik“ in allen Sälen. Eine neue Konzertreihe heißt „Akzente“ und richtet eine besondere Aufmerksamkeit auf Künstler und Orchester, die zwei Mal pro Spielzeit eingeladen sind: Nach dem Cleveland Orchestra sind es das London Symphony Orchestra, Mariss Jansons, Igor Levit und Piotr Anderszewski. Das neue Kinderund Familienprogramm „PEGASUS – Musik erleben!“ geht jetzt schon ins zweite Jahr. Außerdem steht die Alte Oper auch für Galas, Bälle, internationale Kongresse und Veranstaltungen von Unternehmen zur Verfügung.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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