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(c) Wilfried Hösl

Fanfare

Keusch geht anders, hier lodert die Liebe, obwohl diese Oper am Anfang und Ende im Kloster unter Mönchen spielt, wo einer „l’amour“ wegen in die Welt zurückkehrt, um fürchterlich getäuscht schließlich im Kreuzgang zusammenzubrechen, die ihn wiedergefunden habende, reuevolle, aber sterbende Frau im Arm. Natürlich ist Gaetano Donizettis 1840 für die Opéra komponierte „La Favorite“ schönste Eugène-Scribe-Kolportage. Doch was tut es, wenn konzertant so hinreißend gesungen wird wie in dieser aus Monte Carlo importierten, von Jacques Lacombe mit Geschmack dirigierten Aufführung im Pariser Théâtre des Champs -Elysées?
Jean-François Lapointe (König Alphonse XI.) und Nicolas Cavallier als Prior Balthazar halten die Tugenden französischen Bass-Bariton- Singens hoch. Beatrice Uria-Monzon ist mit glutvoll-guturalem, aber geschmeidigem Mezzo die komplex sich ver- und entliebende Maitresse Léonor. Doch eine Sensation ist in seinem Rollendebüt Juan-Diego Flórez. Der macht nicht nur mit seinen hohen C-Leuchtraketen klar, dass die Partie des Fernand für den wegweisenden Tenor Gilbert-Louis Duprez komponiert wurde.
Flórez hat sich über das technisch Makellose hinaus längst zu einem bannend sentimentalischen Gestalter entwickelt. Jetzt warten bei Donizetti andere Herausforderungen, so wie diese „Favorite“, die er Ende August an der Seite Elīna Garančas bei den Salzburger Festspielen wiederholen wird.
Wir reisten weiter nach München , wo sich ebenfalls ein Triumph des Singens über den Rest des Opernabends ereignete – und das ausgerechnet in einer der am unmöglichsten zu besetzenden Verdi-Opern, der „Macht des Schicksals“.
Martin Kušej, eher ein schnaufend grobmotorischer Handwerker, will sie realistisch – mit gewissen Brüchen, versteht sich. Und Asher Fisch, nicht unbedingt allererste Wahl, dirigiert sie akzentsicher und effektbewusst, ein wenig grell überschraubt, mit himmlischen, einzig mit vokalen Mitteln die Zeit zum Stillstehen bringenden Längen.
Mit der bühnenfüllenden Prolligkeit und dem rattigen Charme eines tenorsingenden Til Schweigers erobert sich Jonas Kaufmann als Alvaro die Szene. Er ist gegenwärtig zu Recht so einzigartig, weil es keinen Tenor gibt, der so vollkommen spielt, singt und gestaltet, der seine Stimme vollkommen als Instrument der Wahrheitsfindung einer szenischen Notwendigkeit anzupassen vermag.
Ihm zur Seite, ihn vollkommen ergänzend im totalen Kontrast – Anja Harteros als Leonora. Mädchenhaft durchscheinend, lyrisch verschattet in der Tiefe, mit absolut sicherer Höhe, ist sie seine sentimentalische Ergänzung, stets wie aus einer anderen, elfischen Opernwelt und doch sofort sich mit der robusteren irdischeren von Kaufmann verbindend.
Wir wechseln nach Stuttgart. Dort tun sie was – für Kinder. Auf der großen Bühne wurde mit viel Einsatz und als internationale Koproduktion nicht zum ersten Mal James Matthew Barries unsterblicher Peter Pan zur Familienoper verwurstelt. Man wollte hier keine Disney-Niedlichkeiten noch Robert-Wilson- Konfektion, das ist klar, dieser Peter sollte ein Rebell, die verlorenen Jungs wirkliche Outlaws und die Eltern der Darling-Kinder nicht eben die besten sein.
Aber weder die dröge suppende, pseudoavantgardistische Musik von Richard Ayres, noch das untaugliche, an allen Höhepunkten versagende Libretto von Lavinia Greenslaw konnten hier punkten. Das bleibt einzig der perspektivenschiefen Ausstattung Duncan Haylers, den Flugmaschinen samt eigens angeheuertem Aerial Director und den handlungsimmanenten Gimmicks wie dem tickenden Krokodil als schlurfende Gummimonsterechse vorbehalten. Da reagierten die erstaunlich langmütigen Kinder sofort, das Livespektakel ersetzt eben immer noch jeden Fernsehzeichentrickfilm; auf die platte Musik schienen sie aber nicht weiter zu hören.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2014



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