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Jazz-DVDs

Es gab Zeiten, da galten Jäger und Sammler, die seltene oder exotische ausländische Jazzübertragungen im Fernsehen mitschnitten, als heimliche Videokings, deren Telefonnummern konspirativ weitergereicht wurden. Doch seit die Musikindustrie den Marktwert von Jazzvideos- und DVDs erkannt und zusammen mit den Fernsehanstalten Wege gefunden hat, Filmdokumente von Konzerten aus den Archiven der Sender zu befreien, kann zunehmend jeder mit einem einfachen Einkauf sein eigener Videoking sein.
Ein Wendepunkt im Demokratisierungsprozess der Videoverfügbarkeit brachten vor fünf Jahren die Aufnahmen des italienischen Staatsfernsehens RAI, die Mitte der Siebzigerjahre von Auftritten des Cedar-Walton-Quartetts und des Archie-Shepp-Quartetts entstanden waren und in der TDK-Jazz-Reihe veröffentlicht wurden. Inzwischen ist das TDK-Musik-Programm von Arthaus übernommen worden und wird nun von dem hallensischen Unternehmen neu ins Bewusstsein gerückt. Die Shepp- und Walton-Aufnahmen, die damals von RONDO ausführlich gewürdigt wurden, sind weiterhin darunter (107 053, 107 055, 107 047). Alle Arthaus-DVDs KUNSTverfügen über bestmögliche Bild- und Klanqualität, außerdem ist ihnen ein ausführliches Booklet beigefügt, das jeweils einen sensiblen, äußerst sachkundigen Essay von RONDO-Autor Marcus A. Woelfle enthält.
Aus dem Italo-Fundus kommt eine Aufnahme des Horace-Silver-Quintetts von 1976 mit einem überragenden Tom Harrell an der Trompete und einem überbordend aufspielenden Bob Berg am Saxofon (107 039). Von zeitlos großer Klasse war der Auftritt des Dave-Holland-Quintetts 1986 in Freiburg. Der Meisterbassist hatte damals eine der best eingespielten und dazu einmalig prominent besetzten Combos des akustischen Jazz: Steve Coleman spielte Saxofon, Kenny Wheeler Trompete, Robin Eubanks Posaune und Marvin Smith Schlagzeug (107 049). Auch die Kameraführung ist zu loben, oft kennen ja die Bildregisseure die Grundgesetze des Jazzvortrags nicht, fangen in kontinuierlicher Bildbewegung vermeintlich atmosphärisch Expressives ein, wenn gleichzeitig die Musik ganz woanders spielt.
Die Dave-Holland-Combo war eine working band, die ausführlich auf Tonträgern dokumentiert ist. Manchen Höhepunkt eines Jazzfestivals verdanken wir allerdings eigens für diese Großereignisse zusammengestellten Besetzungen. Die dabei entstandenen Filmaufnahmen sind dann oft die einzigen Einspielungen, die es von diesen Ensembles gibt. Der Auftritt des Gitarristen Terje Rypdal mit dem Bassvirtuosen Miroslav Vitous und dem Perkussionisten Trilok Gurtu 1994 in Stuttgart ist so ein Fall, und die DVD von diesem Ereignis erfreut umso mehr, da das Konzert von ähnlicher Klasse wie der Dave-Holland-Auftritt war (107 043). Außerordentliche Dokumente der Eleganz und Nostalgie sind die DVDs der Tourneen des Modern Jazz Quartet zum 35- und 40-jährigen Jubiläum. Die Mitwirkung des Kammerorchesters arcata stuttgart verleiht der jüngeren Aufnahme ebenfalls Einmaligkeitscharakter, und die Bilder sind von besonderer Wehmut, da Connie Kay schon nicht mehr dabei sein konnte und Mickey Roker am so typischen Drumsets seines Kollegen seltsam verloren wirkt, obwohl er die Arrangements adäquat spielt (107 033, 107 037). Die Wehmut verfliegt mit duftig schwebendem Klaviertrio-Jazz, der sich 1991 beim Münchner Klaviersommer mit dem Eliane-Elias-Trio ereignete: Ein brasilianischer Zauber verlieh der Sophistication eines Bill Evans leichtfüßig charmante Tanzschritte (107 035).
Während diese der akustischen Jazztradition verpflichteten Aufnahmen zeitlos klassisch wirken, ist heute um manch typische Zeiterscheinung der Siebziger-, Achtziger- und frühen Neunzigerjahre etwas Manieriertes oder arg Bemühtes. Das zeigt sich bei den Hochleistungs-Gitarrenwettstreiten von Al Di Meola mit Larry Coryell, Biréli Lagrène und Chris Carrington von 1990 (107 041) oder den ständig am technisch-energetischen Limit agierenden Fusion-Aktionen von Billy Cobham’s Glass Menagerie von 1981 (107 097). Die Gegensätze von zeitlos und zeitgeistig werden bei den Jazz Club Highlights vom Theaterhaus-Festival in Stuttgart (1990) besonders deutlich: Die elf Acts reichen von Steps Ahead über John Zorn, Rabih Abou-Khalil, Leni Stern und Anderen bis zu Michel Petrucciani (107 051).
Angesichts der Fülle der gehobenen Schätze
wird der eingefleischte Videoking unbeein-
druckt bleiben, denn nur er verfügt ja nach wie vor quasi exklusiv über diesen und jenen weltbewegenden, nur ganz selten gesendeten Mitschnitt von Lugano, Montreux, Bern, Berlin
etc. – will sagen: Es gibt noch viele Schätze zu heben und man wird sich noch an vielen freuen dürfen.

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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