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Das romantische Klavierkonzert

Das Klavierjahrhundert

So überirdisch uns Chopins Musik auch erscheinen mag, sie ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Aber wer kennt sie wirklich, die Nachfolger Beethovens und die Vorgänger des berühmten Polen? Der Schriftsteller Herbert Rosendorfer bringt etwas Licht ins Dunkel einer zu Unrecht vernachlässigten Zeit und stellt die verdienstvolle CD-Reihe »The Romantic Piano« vor, die jetzt in die 50. Folge geht.

Das 19. Jahrhundert war das des Klaviers, und das Klavier war das Instrument dieses Jahrhunderts. Das hing auch mit der seit der Mitte des davorliegenden Jahrhunderts beginnenden Entwicklung des Tasteninstruments zusammen. Um 1800 nahm diese revolutionäre Gestalt an, ob im allgemeinen Zug der Zeit liegend oder nur zufällig zeitgleich mit anderen Revolutionen, sei dahingestellt. Die Namen der Klavierbauer Érard (Onkel und Neffe) in London und Paris, Stein in Wien seien Pars pro Toto genannt. Um 1820 war die Metamorphose vom Cembalo über den Hammerflügel zum modernen Klavier so gut wie abgeschlossen. Die bis in die neuere Zeit getroffenen Verbesserungen sind wichtig, aber doch nur partiell. Den Virtuosen stand also etwa um 1820 das perfekte Tasteninstrument zur Verfügung. Und so gewann auch die musikalische Form der Klaviersonate, als Vortragsart für Soloauftritte, und die des Klavierkonzerts, als sozusagen sinfonischer Großgeste, an Bedeutung.
Von Beethoven an gossen viele Meister hohe und ernste Inspirationen in die Form des Klavierkonzerts, von Chopin zu Schumann, Mendelssohn, Brahms, Liszt, Grieg und Tschaikowsky, das ganze Jahrhundert hindurch. Dass daneben eine ganze Reihe von höchst achtbaren Meistern, meist komponierende Virtuosen, mit ihren Werken diesen großen Fluss begleiteten, war bei vielen vergessen, bis Hyperion die verdienstvolle Reihe »The Romantic Piano Concerto« begann, die jetzt die 50. Einzelveröffentlichung vorlegt.
Es ist erstaunlich, in den sieben Klavierkonzerten des versoffenen Genies John Field (1782–1837), den unverkennbar perlenden, seufzenden, schmerzlich einen einzigen Ton repetierenden Chopin-Klang zu hören. Chopin hat von Field, den er kannte, nichts »gestohlen«, aber man sieht, dass die kompositorische, erfindende Inspiration Chopins nicht vom Himmel gefallen ist, sondern vorgeformt war, was an Chopins Genie nichts abzwackt. Friedrich Kalkbrenner (1785–1849) war ein Virtuose in zweifacher Hinsicht: einmal als Klavierspieler und zweitens auf dem Gebiet der Eitelkeit. Er war ernsthaft der Meinung, nach ihm käme keiner mehr.
Von großer, manchmal hemmungslos romantischer Schönheit sind die sieben Klavierkonzerte von Ignaz Moscheles (1794–1870) und das gleiche gilt von Henri Herz (1803–1888), dessen Andante cantabile aus dem 4. Klavierkonzert E-Dur op. 131 zu einem meiner Lieblingsstücke der Serie geworden ist. Man kann sich der Herzergriffenheit auch kaum erwehren, wenn Henri Herz mit aufseufzenden Vorhalten in die süße Subdominante sinkt oder zum Hörnerklang einen einzigen kostbaren Ton hineintupft. Nicht zu vergessen Carl Maria von Weber (1786-1826), der zwar zu den unbestrittenen Großmeistern zählt, dessen beide Klavierkonzerte und das Konzertstück in f-Moll aber nicht ins gängige Repertoire Eingang gefunden haben, obwohl gerade sie besonders »weberisch« sind.
Vom Pianisten Alexander Dreyschock (1818–1869), der ein Tastendonnerer enormen Ausmaßes gewesen sein muss, sagte Heine (im 2. Teil der »Lutetia«): »Man glaubt nicht, einen Pianisten Dreyschock, sondern drei Schock Pianisten zu hören.« Sein ausuferndes (einziges) Klavierkonzert in d-Moll op. 137 verdient die Bezeichnung etwa »Grand Concert symphonique brillant«, ist aber vergnüglich- aufregend anzuhören.

Abenteuerliche Persönlichkeit

Eine abenteuerliche Persönlichkeit war Henry Charles Litolff (1818- 1891). Er war der Sohn eines Elsässers, der als französischer Soldat in Spanien von den Engländern gefangen genommen und nach England verbracht wurde. Er schlug sich als Tanzbodengeiger durch, entführte eine 16-jährige Engländerin, die er im berüchtigten Gretna Green heiratete und mit ihr den später so berühmten Klaviervirtuosen zeugte. So abenteuerlich wie Litolffs Herkunft verlief auch sein Leben, wobei man aber nicht weiß, wieviel er von den Abenteuern dem Musikschriftsteller Fétis vorgeflunkert hat, mit dem er befreundet war. Er musste gelegentlich vor seinen Gläubigern fliehen, kam, weil er die Scheidungskosten nicht bezahlen konnte, in den Schuldturm, einige Jahre war er überhaupt verschwunden. Er litt zeitweilig entweder an manisch-depressiven oder an manisch-aktiven Zuständen. Seine fünf Klavierkonzerte, alle für den eigenen Gebrauch geschrieben, sind von raumgreifendem Gestus und enormer technischer Schwierigkeit. Seine Pianistenkarriere gab Litolff um 1870 auf und widmete sich völlig erfolglos der Oper. Er schrieb Oper auf Oper – unter anderem »Le Roi Lear« – die entweder gar nicht aufgeführt oder Flops wurden. Erfolgreich aber war der Verlag, den er quasi gründete, das heißt einen bestehenden Verlag umgestaltete, und der – in veränderter Form – bis heute noch besteht. Mit 56 heiratete er eine 17-Jährige, Luise hieß sie, die den bis zum Tod rastlos Opern komponierenden Greis betreute. Die Aufzählung der Virtuosen dieser zweiten Ebene, der Sekundärgenies, deren Arbeiten aber keineswegs zu verachten sind, ist längst nicht vollständig. Sigismund Thalberg etwa war hochberühmt, auch Theodor Kullak, die Engländer William Sterndale Bennett und Francis Edward Bache, Johann Nepomuk Hummel, Robert Fuchs und Friedrich Kiel, die alle zum Teil virtuose Klavierkonzerte schrieben.

In dem erwähnten Verlag, nunmehr Collection Litolff, erschienen (viel später freilich) auch Werke György Ligetis. Er schrieb ebenso ein Klavierkonzert. Ich kannte Ligeti ganz gut, ein gemeinsamer Opernplan, für den an Covent Garden schon der Uraufführungstermin frei gehalten war, kam nicht zur Ausführung. Ligeti war – auch – ein guter Pianist. Ob er sich für die erwähnten Musiker des zweiten Gliedes interessierte, weiß ich nicht, aber auch er stellte natürlich fest, dass die technischen Anforderungen im Lauf des Klavierjahrhunderts gewaltig gewachsen waren. Er selbst schrieb Klavieretüden (späte Arbeiten), von deren einer er mir hämisch lächelnd bei der Uraufführung durch Volker Banfi eld zufl üsterte: »Praktisch unspielbar «. Banfi eld spielte sie doch, und danach gab ich Ligeti zu bedenken, dass es eigentlich kein großes kompositorisches Verdienst sei, Unspielbares zu schreiben. Warum muss moderne Musik technisch so schwierig sein? Er solle mir, sagte ich, eine extrem moderne, höchst ligetische Sonatine schreiben, Schwierigkeitsstufe 1 bis 2. Ligeti lachte erst, dann dachte er nach. Dann versprach er es mir. Aber auch dazu ist es leider nicht mehr gekommen.

CD-Tipp:

The Romanic Piano Concerto

hyperion

Herbert Rosendorfer, RONDO Ausgabe 1 / 2010



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