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Aribert Reimann

»Fernsehen macht alles kaputt«

Mit Opern wie »Lear« oder »Gespenstersonate« zählt Aribert Reimann zu den bedeutendsten und meistgespielten Komponisten in Deutschland. Am 28. Februar wird seine Oper »Medea« an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Robert Fraunholzer traf den Meister in seiner Heimatstadt Berlin und sprach mit ihm über sein neuestes Werk, Kriegsnächte im Keller, TV-Übertragungen und Anna Netrebko.

RONDO: Herr Reimann, nur wenige Komponisten von neuer Musik haben Erfolg beim Publikum. Sie schon. Wie erklären Sie sich das?

Aribert Reimann: Ich weiß es nicht. Ich denke beim Komponieren nie an ein Publikum. Trotzdem war für mich das Publikum immer der entscheidende Adressat. Wir spielen nun einmal nicht für leere Stühle.

RONDO: Wann ist es für Sie ein Erfolg?

Reimann: Noch nicht bei der Uraufführung. Erst wenn es beim zehnten Mal wiederkommt, kann ich vielleicht sagen: Es war ein Erfolg. Und wenn es beim 20. Mal noch genauso gut angenommen wird, bin ich sicher. Der »Lear« jetzt in Berlin, das war die 21. Neuproduktion.

RONDO: Sie zählen?!

Reimann: Ja, manchmal zähle ich. Platz 1 ist die »Gespenstersonate«. Da habe ich sogar aufgehört zu zählen. Dann kommen »Lear« und »Melusine«.

RONDO: An der Berliner Staatsoper, wo ihr »Lear« eigentlich inszeniert werden sollte, haben Sie vor einigen Jahren gegen die »Lustige Witwe« verloren.

Reimann: Es gehört zu den unerfreulichsten Erfahrungen in meinem Leben. Das Argument war: »Wir brauchen Geld und können keine neue Oper riskieren.« Das hat mich getroffen, weil ich es nicht erwartet hatte. Wir hatten sogar schon über die Besetzung gesprochen: Matthias Goerne als Lear und Christine Schäfer als Cordelia, Christoph Eschenbach als Dirigent.

RONDO: Ihre neue Oper heißt »Medea«. Wieder ein ernster Stoff!

Reimann: Ich habe halt keine Lust, eine komische Oper zu schreiben. Wir werden mit Comedies im Fernsehen zugeschaufelt. Es gibt Musicals rauf und runter. Warum soll ich eine Operntradition fortsetzen, die in den letzten Jahrzehnten schon total eingeschlafen ist.

RONDO: Warum Medea?

Reimann: Nach »Troades« hatte ich das Gefühl, ich muss nochmal da hineingehen. Mit einer Person, die – genau wie Lear – von allen Seiten zerdrückt wird. Dann brachte mich jemand auf Grillparzer, um den ich immer einen Bogen gemacht hatte. Es hat mich dann innerlich sehr getroffen. Erstens, dass Medea so stark als Fremde beschrieben wird. Jason sagt: »Leg dein Kopftuch ab und kleide dich griechisch.« Dergleichen erleben wir heute jeden Tag. Und die Tatsache, dass diese »Medea« positiv endet. Medea bringt das gestohlene Gut, das Fließ, zurück nach Delphi, von wo es unrechtmäßig genommen wurde. Unsere Welt ist voll von gestohlenen Gütern. Von Nazis. Von Russen. Das ist der zweite, sehr aktuelle Aspekt.

RONDO: Denken Sie bei »Medea« nicht an Maria Callas?

Reimann: Doch, an den Film von Pasolini! Der hat mir einige Dinge gebracht. Ich habe dann aber irgendwann, als ich merkte, das macht sich alles selbständig, gar nichts mehr angesehen. In Wien wird Marlis Petersen die Titelrolle singen, in Frankfurt Claudia Barainsky. Die beiden Sänger sind sehr verschieden. Aber das finde ich ja gerade so toll.

»Vom Komponieren kann man die ersten 20 Jahre nie leben.«

RONDO: Warum geht es bei Ihnen fast immer um Figuren, um die es eng wird?

Reimann: Es ist das Einzige, was mich interessiert. Es kann sein, dass das bei mir aus den Kriegserfahrungen kommt. Ich habe ja 1945 diesen furchtbaren Angriff auf Potsdam miterlebt. Wo in der einen Nacht die ganze Stadt zerstört wurde. Mein Bruder war schon ein Jahr vorher bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Und nun diese apokalyptische Nacht! Wir saßen im Keller und waren erstaunt, dass wir überlebt haben. Ich war neun Jahre alt ... Man wird so zugeschnürt. Sie sind übrigens der Erste, der mich danach fragt.

RONDO: Wird aus diesem Grund in Ihren Opern so viel geschrien?

Reimann: In jener Nacht haben die Engländer alles verpulvert, was sie überhaupt noch hatten. Das machte sowas von Lärm, das kann man sich gar nicht vorstellen. Und wir hörten tatsächlich in diesem Lärm immer ein schreiendes Kind. Wir waren eingekeilt, es konnte niemand zu diesem Kind. Natürlich haben in diesem Keller auch viele geschrien, das ist ja ganz klar. Auch meine Eltern, weil wir dachten, jetzt ist es zu Ende. Ich auch. Vielleicht sind das alles Dinge, die dann weitergewirkt haben.

RONDO: In den sogenannten »00er Jahren« hat die Klassik insgesamt eine Breitenwirksamkeit zurückerobert ...

Reimann: Und das, glaube ich, auch ohne Frau Netrebko. Die ich übrigens toll finde. Das Publikum hat sich gar nicht so sehr verändert. Nur das Fernsehen hat sich verändert – und ist runtergegangen. 1982 hatten wir eine Liveübertragung vom »Lear« aus München, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten. Das wäre heute gar nicht mehr möglich. Das Fernsehen ist die Institution, die alles kaputtmacht. Weil Musik hier nicht mehr gepflegt wird, weiß man heute kaum mehr, was Neue Musik eigentlich ist. Sie können jedes Publikum manipulieren. Und das Fernsehen hat’s geschafft, das Publikum genau in die falsche Richtung zu manipulieren.

RONDO: Welche Rolle spielt in Ihrem eigenen Leben Neue Musik – als Hörer?

Reimann: Sie ist so präsent, wie sie es schon immer war. Da gibt’s keinen Unterschied zwischen Musik und Neuer Musik. Schon nach dem Krieg habe ich mir alle Opern anhand der Partituren selbst erspielt: Verdi, Wagner, Mozart sowieso, auch den »Wozzeck«. Und Lieder. Meine Mutter hat immer gesagt: »Du musst einen zweiten Beruf haben!« Da hatte sie vollkommen recht.

RONDO: So entstand Ihre zweite Karriere als Klavierbegleiter?

Reimann: Ja. Mit Elisabeth Grümmer war ich acht Jahre lang unterwegs. Das war wunderbar. Und mit Fischer-Dieskau insgesamt 35 Jahre – von 1958 bis 1993. Dann kamen Brigitte Fassbaender und Doris Soffel hinzu. Für mich war das schön, denn ich musste einfach Musik machen. Auch um vom Komponieren, von mir selbst, wieder loszukommen. Finanziell würde ich jedem jungen Komponisten neuer Musik diesen Rat geben: »Versuch noch was Anderes!« Vom Komponieren kann man die ersten 20 Jahre nie leben.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2010



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