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111 Jahre Deutsche Grammophon

Echo aus dunkler Zeit

Zum 111. Jubiläum der Deutschen Grammophon erscheinen unter anderem eine dicke CD-Box und ein umfangreiches Buch, das auch die Schattenseiten nicht ausblendet: Für unsere Leser drucken wir leicht gekürzt das Kapitel, das die Firmengeschichte während der NS-Zeit beleuchtet.

1929 brachte die Weltwirtschaftskrise, die von den USA ausging und die Welt ins Chaos stürzte. Zwischen 1932 und 1936 verzeichnete die Deutsche Grammophon ein Absinken der Produktion auf zunächst 2,5 Millionen und später 1,4 Millionen Platten – zu wenig zum Überleben der Firma. Die Polyphon- Musikwerke und die Deutsche Grammophon fusionierten 1932, die Leipziger Fabrik schloss, aber der Firmenname blieb bestehen. Der Verwaltungssitz wurde von Berlin nach Hannover zurückverlegt. 1937 wurde die Deutsche Grammophon AG zwangsliquidiert, und die Deutsche Grammophon GmbH trat an ihre Stelle, finanziert von der Deutschen Bank und der Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH.
Diese Änderungen geschahen in dem offensichtlichen Bemühen, ein Unternehmen wirtschaftlich abzusichern, das in seinem Katalog die größten deutschen Künstler vereinigte (in der Tat stieg die Jahresproduktion 1938 wieder auf 4,1 Millionen Platten). Bis 1945 existierten zwei Tendenzen nebeneinander: Öffnung und Erneuerung sowie, nolens volens, Rückzug. Erneuerung 1934: Nach Einführung der »High Fidelity« (HiFi) erstreckte sich die Bandbreite der aufgenommenen Frequenzen jetzt von 30 bis 8.000 Hz, was die Tonqualität nochmals erhöhte. Und Öffnung insofern, als die Deutsche Grammophon jede sich bietende Gelegenheit zur vertraglichen Bindung neuer Künstler wahrnahm – wie im Fall eines gewissen Herbert von Karajan, eines jungen Kapellmeisters an der Berliner Staatsoper, der 1938 sein Schallplatten-Debüt mit der Ouvertüre zur Zauberflöte gab (sein Vertrag wurde erst 1939 unterzeichnet, in dem Jahr, in dem Hitler Europa in den Zweiten Weltkrieg stürzte). Zu erwähnen sind auch der italienische Dirigent Victor de Sabata, dessen Aktivität im Nazideutschland den Zorn des konsequenten Antifaschisten Arturo Toscanini hervorrief, der junge holländische Dirigent der Dresdner Philharmonie Paul van Kempen sowie die Bach-Spezialisten Karl Straube und Günther Ramin. Weitere Künstler, die das Unternehmen in dieser Zeit verpflichten konnte, waren unter anderem die deutschen Gesangsstars Erna Berger, Tiana Lemnitz, Walther Ludwig, Franz Völker und Viorica Ursuleac und die Pianistin Elly Ney.
Der Rückzug hingegen war eine direkte Folge der antisemitischen Politik der Nazis, die alle großen bis dahin für die Deutsche Grammophon arbeitenden jüdischen Künstler auf die schwarze Liste setzten. Dazu gehörten etwa Bruno Walter, Otto Klemperer und der Geiger Bronislaw Huberman, die alle ins Exil gezwungen wurden. Ihre Aufnahmen verschwanden aus einem jetzt mit Einspielungen von Märschen und Naziliedern übersäten Katalog – unverhohlenes Zeichen der Einflussnahme des Regimes. Wie so viele andere Dienstleistungsbetriebe und Institutionen wurde auch die Deutsche Grammophon zum Propagandawerkzeug gleichgeschaltet.
Die »arischen« Künstler schienen von einer Welt in die andere zu wechseln, als ob nichts geschehen wäre: Bruno Kittel machte 1942 mit seinem Chor und den Berliner Philharmonikern die erste Gesamtaufnahme der Matthäus-Passion von Bach. Selbst nach der Streichung von 18 Nummern füllte sie immer noch 18 doppelseitige 78er-Platten. Aufgrund der großen Nachfrage nach dieser Aufnahme von Seiten der japanischen Tochtergesellschaft wurden die Matrizen per U-Boot dorthin gebracht. Im Jahr davor hatte Kittel Mozarts Requiem mit einem für diese Gelegenheit umgeschriebenen Text aufgenommen, aus dem alle Hinweise auf die jüdischen Wurzeln des Christentums entfernt worden waren. Ein Drohbrief der Gestapo vom 9. Mai 1942 an die Deutsche Grammophon mit der Aufforderung, die Matrizenfertigung von Aufnahmen jüdischer Künstler einzustellen, ließ Schlimmes ahnen. Das vorausgesagte Ende kam: Rohstoffe wurden rationiert, die Zahl der Titel im Katalog sowie die neuer Aufnahmen wurde auf Anweisung des Regimes reduziert und die Fabrik in Hannover durch Bombenangriffe der Alliierten 1943 stark beschädigt. Die Berliner Büros und Aufnahmestudios wurden 1944 und 1945 zerstört. Damit endete nicht nur symbolisch eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Deutschen Grammophon.

Neu erschienen (u.a.):

111 Jahre DGG – 111 Meisterwerke

DG/Universal

Rondo Redaktion, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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