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(c) Gisela Schenker

Christiane Karg

Silberne Lieder

„Heimliche Aufforderung“, die vierte Solo-CD der Sopranistin, lässt Worte und Klang verführerisch verschmelzen.

Handwerk fällt in Deutschland offenbar bisweilen auf goldenen Sopranistinnenboden. Denn Christine Schäfer ist Metzgerstochter, und Christiane Karg stammt aus einem Feuchtwanger Bäckerhaushalt. Beide wurden von ihren musikverrückten Eltern ebenfalls mit dem Virus infiziert. Und bei beiden ist die Saat klanglich wunderbar aufgegangen.
So ist auch die weit jüngere Christiane Karg, deren Karriere – 2006 immerhin bei den Salzburger Festspielen mit dem Mozart-Jugendwerk „Apollo et Hyacinthus“ gestartet – sich gerade auf das Beste zu entfalten beginnt, auf eine sehr erfrischende Art pragmatisch. „Eine CD, das ist für mich nicht nur ein wenig Studioarbeit, wo man schön singt, und den Rest machen die anderen. Ich kümmere mich um alles, oder möchte zumindest stark involviert sein. Die Repertoireauswahl, der Schnitt, das Artwork, die Covergestaltung, aber eben auch die Promotion, die begleitenden Konzerte, das sind für mich viele, immer gleich wichtige Teile eines Prozesses. Jeder kann zwar eine CD machen. Aber es ist letztlich alles in allem mindestens ein halbes Jahr Arbeit. So war jede meiner bisher drei Soloaufnahmen eine bewusste Entscheidung, aber auch ein Stück Lebenszeit, auf das ich gerne zurückblicke. Ja, ich bin mit allen dreien sehr zufrieden. Sie reflektieren bestimmte Facetten von mir und zeigen auch, wo mein Können, meine Interessen, von mir aus auch meine Karriere gerade stehen.“
Selbst die Titel dieser Rezital-CDs könnte man durchaus biografisch verstehen. „Verwandlung“, die Lieder eines Jahres, ließen 2010 Christiane Kargs Material im besten Licht und im Wandel poetischer Jahreszeiten erscheinen, in der feinen Gesangsform durchleuchtet wie auf dem Prüfstand. Da gab jemand seine klingende Visitenkarte ab, bescheiden, aber bewusst, mit einem ungewöhnlichen Programm, den man gern weiter hören, länger verfolgen wollte.„Amoretti“, zwei Jahre später herausgekommen, bot dann schon Oper und Arien auf. Da war eine junge Stimme angekommen bei sich, präsentierte ihr Können mit Mozart, damals der Schwerpunkt ihrer Karriere, blickte aber mit Gluck und Grétry auch bewusst auf europäische Zeitgenossen. Keine Scheuklappen also, stilistische Finesse, dazu die Freiheit eines technisch perfekten, herrlich sich öffnenden, individuell geführten Soprans. Und ein wenig auch die Perspektive hin zum Barock, damals ebenso ein distinguierter Teil ihres Repertoires. 2013 dann, quasi von auswärts eingeschoben, als Live-Dokumentation einer bewusst sich entwickelnden Künstlerinnenpersönlichkeit, ein Liederabendmitschnitt aus der Londoner Wigmore Hall, der Ruhmeshalle europäischer, intimer Gesangstradition. Hier ist Christiane Karg bereits mit dem diskreten, aber fordernden Malcom Martineau zu hören, der jetzt auch ihre neue CD als ein Klavierpartner auf Augenhöhe wesentlich mitgestaltet hat. Das Repertoire mit Werken von Strauss, Fauré und Debussy kreist um die Jahrhundertwende und lässt sie als eine polyglotte, farbenreiche Interpretin glänzen.

„Man muss glauben, was man da singt. Vokalisen genügen mir nicht.“

Seither ist wieder einiges passiert: „Ich habe mit der Mélisande in Frankfurt, die ja eher tief liegt, meine Mittellage ausgekundschaftet und mir eine vor allem mit den vielen Parlando-Passagen schauspielerisch wie stimmlich extrem fordernde Partie erarbeitet. Und in Antwerpen und Luxemburg habe ich meine erste Sophie im ,Rosenkavalier’ gesungen“, erzählt Christiane Karg im Gespräch. „Da ist jetzt eine Tür weit aufgegangen, die Rollen werden größer und anspruchsvol l e r, auch der Dialog mit dem Orchester ist ein anderer. Da muss man sich neu ausbalancieren, die extreme Höhe spielt bei mir gegenwärtig keine so große Rolle. Wichtig ist jetzt, dass sich die Stimme setzt, dass sie gefestigt und breiter wird, damit sie die nötige Durchschlagskraft hat. Das ist durchaus auch ein sportiver Prozess. Man darf nicht ermüden, muss sehr aufmerksam singen.“
Tugenden, die natürlich auch generell bei Richard Strauss wichtig sind, dem jetzt die neue Liedplatte gewidmet ist, mit dem verheißungsvollen Titel „Heimliche Aufforderung“. „Das Gedenkjahr spielt bei der CD-Konzeption natürlich eine Rolle“, erzählt Christiane Karg weiter, aber bedeutsamer war eigentlich schon, dass Strauss immer jeder Sopranistin gut ansteht, mich zum gegenwärtigen Zeitpunkt stimmlich wie gestalterisch ideal herausfordert. Aber ich hatte auch den Ehrgeiz, unbekanntere Facetten bei ihm zu finden.“ Dabei kommt sie besonders auf die „Ophelia-Lieder“ zu sprechen, einen „spröden, aber sehr interessanten Mini-Zyklus, der sich vollkommen in den Dienst einer Figur stellt, in dem man vokal nicht glänzen, aber sich immens einfühlen kann. Und schwierig sind sie zudem. Manches klingt hier schon fast wie Schönberg, aber eben nur fast.“
Auch auf das ziemlich unbekannte Lied „Madrigal“ nach einem Gedicht von Michelangelo ist Christiane Karg stolz, aber natürlich sollen auch die Hits nicht fehlen: „Denen muss man freilich seine persönliche Färbung zu geben vermögen, einen eigenen Fingerabdruck, nur Wiederholung ist fad.“
Eine weitere Herausforderung bei Strauss? „Der Silberklang, die besonderen Momente, in jedem Lied, die es fast immer gibt, der Punkt, auf den er hinkomponiert.“ Keine Probleme mit den stellenweise sehr plüschigen Texten? „Nein, alles hat seine Zeit. Man muss es aus dem Klang entwickeln, aber auch inhaltlich für sich plausibel machen. Wer beispielsweise mit Schumanns ,Frauenliebe und -leben’ nichts anfangen kann, der soll es lassen. Denn Distanzierung hilft nicht, man muss glauben, was man da singt“, ist sich Christiane Karg sicher.
Und sie glaubt – nicht nur im Lied – an die Kraft des Wortes. „Deshalb singe ich auch so gern Konzert. Ich muss das immer austarieren mit meiner Opernkarriere, die höchstens drei bis vier Produktionen im Jahr umfassen kann. Ich will verstanden werden, ich produziere nicht nur schöne Töne, sondern habe eine Botschaft, den Sinn eines Musikstücks zu vermitteln. Das ist mir am allerwichtigsten. Deshalb muss man nichts vernachlässigen, aber nur Vokalisen genügen mir einfach nicht.“
Gab es sonst noch einen Anstoß für diese CD? „Ja, das weiß ich noch ganz genau. Als die grandiose Lisa della Casa starb, da dachten wir: Wann gab es eigentlich zuletzt eine reine Strauss-CD von einem deutschen Sopran? Und wir mussten sehr lange suchen. So merkten wir, dass die Zeit gekommen war.“ Und wieder gilt: Wer, wenn nicht eine Deutsche ist berufen, Worte und Klang wirklich vollkommen zu einer Einheit zu verschmelzen, so wie es Strauss auch in seiner letzten Oper „Capriccio“ nicht auszudiskutieren müde wurde? Und auch Lisa della Casa hat übrigens als Sophie angefangen. Christiane Karg irgendwann einmal als Marschallin, „Capriccio“-Gräfin oder Arabellissima? Wir können es uns durchaus vorstellen.

Neu erschienen:

„Heimliche Aufforderung“

Christiane Karg, Malcolm Martineau, Felix Klieser

Berlin Classics/edel

Neu erschienen:

Mendelssohn

Sinfonie Nr. 2 „Lobgesang“

Christiane Karg, Christina Landshamer, Michael Schade, Chor des Bayerischen Rundfunks, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Pablo Heras-Casado

harmonia mundi


Silbermine

Liederabende mit Werken von Strauss, Schoeck, Wolf, Debussy und Schönberg, Mahlers 4. Sinfonie und Brahms’ „Deutsches Requiem“ in ganz Europa beschäftigen Christiane Karg in den nächsten Wochen. Ab 11. Mai ist sie bei den Wiener Festwochen – an der Seite von Bejun Mehta und unter Jérémie Rohrer – als Euridice in Glucks „Orfeo ed Euridice“ zu erleben. Ab 28. Juni singt sie beim Glyndebourne Opera Festival die Sandrina in Mozarts „La finta giardiniera“. Eine weitere Mélisande für Hamburg ist geplant. Ebenfalls konkret ist die Blanche in Poulencs „Dialoge der Karmelitinnen“. Auf die Donna Anna arbeitet Christiane Karg hin, auch die Daphne von Strauss ist ein Fernziel.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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