Startseite · Klang · Testgelände

(c) www.cpebach.de

Carl Philipp Emanuel

Der schwarze Bach

Kein Mann des Übergangs, sondern ein „Popstar“ und Klassiker eigenen Rechts: Wir geben eine kleine Höranleitung zur Musik eines Genies.

Immerhin: Man redet wieder über ihn. Und schon das ist nicht selbstverständlich. Denn es hat lange gedauert, bis Carl Philipp Emanuel Bach, der zweitälteste Sohn Johann Sebastians, zumindest dem Namen nach wieder zu einer bekannten Größe im klassischen Musikleben wurde. Denn erst nach langer Vernachlässigung im 19. Jahrhundert setzte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine entschlossene Wiederaufwertung ein: Straßen, Chöre, Orchester, Orgeln, Konzerthallen und Musikgymnasien wurden nach ihm benannt, Fördergesellschaften gegründet, Noten ediert, Lebenszeugnisse gesammelt und publiziert. Und doch scheint der Musikbetrieb noch längst nicht ganz im Reinen zu sein mit dem „schwarzen Bach“, wie sich Carl Philipp Emanuel wegen der in seiner Familie ungewöhnlichen schwarzen Haare und seines dunklen Teints nannte.
Denn hartnäckig scheint an „CPE“ das Image eines Mann des Übergangs zu kleben: als Vertreter der Epoche zwischen seinem Vater Johann Sebastian Bach, den er selber hoch verehrte, und den drei großen Meistern der Wiener Klassik, Mozart, Haydn und Beethoven – die sich übrigens sämtlich auf ihn beriefen. Wenn man Musikwissenschaftlern wie Peter Rummenhöller glauben darf, dann saß Carl Philipp Emanuel auch familiär zwischen den Stühlen: Demnach war der Zweitgeborene ein Sandwichkind, das sich seinen Platz zwischen dem vom Vater besonders geförderten Wilhelm Friedemann und den beiden Nesthäkchen Johann Christoph Friedrich und Johann Christian erst behaupten musste.
Zu seiner eigenen Zeit gelang ihm dies durchaus: Anders als Wilhelm Friedemann, der mit seinen adligen und kirchlichen Brötchengebern immer wieder in Konflikt geriet, hielt Carl Philipp Emanuel den Drang nach radikalem Ausdruck von Individualität stets in Balance mit seinem Respekt vor der Tradition und den Bedürfnissen von Markt und Gesellschaft. Sein 30-jähriger Dienst als Cembalist am Hofe Friedrichs II. im aufgeklärten Berlin sowie seine spätere Stellung als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen in der bürgerlichen Hansestadt Hamburg boten ihm finanzielle Sicherheit und gleichzeitig die nötige künstlerische Freiheit. Und so gelang Bach das Kunststück, einer der ersten Komponisten zu werden, auf den man den brandneuen Geniebegriff anwendete, ohne dass er darüber zum Bürgerschreck hätte werden müssen.
Doch genau das ist es, womit Bach heute irritiert. Allzu gern möchte man den Mann, der den Mut hatte, die eigenen Empfindungen zum allein darstellenswerten Gegenstand einer Komposition zu erheben, zum bloßen Revolutionär erklären. Doch wer sich allein auf die unmittelbar faszinierenden formalen Überraschungen und Regelbrüche, auf die schroffen Unisoni und spleenigen Tempowechsel bei Bach kapriziert, wird nur an einem Bruchteil von Bachs OEuvre Freude haben – und auch diesen Bruchteil womöglich durch forciertes Überinterpretieren verderben. Auf der Strecke bleibt die Fähigkeit Bachs, auch gegenläufige Tendenzen in der Musik seiner Zeit in seine Musiksprache zu integrieren und dabei nicht nur Formen aufzulockern, sondern auch neu zu schaffen: so in seinen „Württembergischen Sonaten“, die zum Ausgangspunkt der klassischen Klaviersonate wurden, oder in seinen Oden und Liedern, deren oft erbaulicher Inhalt nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass mit ihnen die Erfolgsgeschichte des Klavierliedes beginnt.

Ein Klassiker eigenen Rechts

Man darf und sollte Carl Philipp Emanuel Bach daher als Klassiker eigenen Rechts begreifen, der sich wohl im Stil, aber nicht in Wirkung und Verehrung durch die Zeitgenossen von den Vertretern der späten Wiener Klassik unterscheidet. Carl Philipp Emanuel als „den großen Bach“ erleben zu wollen, als den ihn seine Zeitgenossen bezeichneten, bedeutet aber auch, sich auf ihn einzulassen: Das beginnt bei seinem Lieblingsinstrument, dem hauchzarten Clavichord, dem man erst nach längerer Eingewöhnungsphase ein Fortissimo abnimmt, und reicht bis hin zu der Auseinandersetzung mit den Texten seiner unterbewerteten Kirchenmusik, deren aufklärerischer Geist sich manchmal erst im Vergleich mit den Predigten geistlicher Betonköpfe der Zeit vollständig erschließt.
Um heutige Musikfreunde und Musiker zu dieser aktiven Auseinandersetzung mit Bachs Welt zu motivieren, wird der Verweis auf seine einstige Bedeutung ebenso wenig genügen wie die Versicherung, dass Bach ein „Popstar“ der Epoche gewesen sei. Vonnöten sind zunächst einmal Noten – und hier widerfährt dem innovativen Klassiker späte Gerechtigkeit. Denn auch wenn die wissenschaftliche Gesamtausgabe seiner Werke erst 1999 startete, so schreibt sie mit der Art und Weise der Veröffentlichung doch Geschichte: Die in Zusammenarbeit mit dem Bach-Archiv Leipzig und der Harvard University herausgegebenen Bände sind nicht nur zu einem Preis auf Nonprofitbasis erhältlich, sondern können zum großen Teil auch samt Aufführungsmaterial kostenlos auf der Website cpebach. org heruntergeladen werden.
Ein nicht minder schönes Geschenk hat sich das Bachhaus in Eisenach zu Ehren des Jubilars gemacht: Nur zwei Tage vor Carl Philipp Emanuels Geburtstag, dem 8. März, gab es den Erwerb des wichtigsten Stücks aus der bedeutenden Sammlung von Porträts großer Musiker bekannt, die der kunstsinnige Komponist zusammengetragen hatte. Für 50.000 Euro erstand das Haus ein um 1730 entstandenes und seit 1930 verschollenes Pastellbild von Vater Johann Sebastian Bach. Bei dem Bild handelt es sich dabei mit großer Sicherheit um jenes „schöne, ähnliche Original“, das sich Bach junior einst per Schiffstransport aus Berlin nach Hamburg nachschicken ließ „weil dergleichen Gemählde mit trocknen Farben das Erschüttern auf der Axe nicht vertragen können.“ Das Gefühl, einmal mehr von dem übermächtigen Vater in den Schatten gestellt worden zu sein, hätte Carl Philipp Emanuel ob dieses Zufalls wohl nicht gehabt: So sehr er sich bemühte, „original“ zu sein, so hat doch keiner seiner Brüder mehr getan, um das Andenken seines Vaters lebendig zu erhalten.

Neuerscheinungen:

Der runde Geburtstag hat bereits ein paar schöne Früchte auf dem CD-Markt reifen lassen. Zur Verkostung zu empfehlen wären zum Beispiel der biografische Bogen von Berlin nach Hamburg, den die Berliner Barock Solisten spannen (Concerti und Sinfonien – Sony), oder die stilistisch lupenreine, wie packend musizierte Aufnahme eines rekonstruierten Konzertprogramms von 1786 mit dem RIAS Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin unter Hans Christoph Rademann („Magnificat“ – harmonia mundi).
Das leidenschaftlichste Bekenntnis zum Weimarer Originalgenie legt aber das Label hänssler CLASSIC ab, mit einer Veröffentlichungsserie, die sich inhaltlich schon zu Beginn so vielgestaltig präsentiert wie das Bachsche Oeuvre selbst. Die Aufrichtigkeit dieser Hommage mag man auch daran ablesen, dass einige Aufnahmeprojekte das Verlagsprogramm schon seit längerer Zeit durchziehen und nun stolz in den Chor der Präsente aufgenommen werden konnten. So zum Beispiel Michael Risches Erkundungen im Zaubergarten der Bachschen Klavierkonzerte (der mit 53 Werken jeden Wiener Klassiker aus dem Feld schlägt), deren dritte Folge soeben erschienen ist (Klavierkonzert Wq. 22, Wq. 43/V & Wq. 46 – mit Leipziger Kammerorchester, Klaas). Rische musiziert auf einem modernen Flügel, dem er mit fundierter Kenntnis Bachscher Verzierungen das Singen beigebracht hat. Eine Kostprobe aus dem Bereich Sinfonik legt das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ mit den sechs Hamburger Sinfonien Wq. 182 vor, die beim Bach-Sohn noch bequem auf eine CD von 65 Minuten Länge passen – vorausgesetzt, sie werden mit so viel Furor und fröhlichem Spielwitz aufgefasst wie hier, einschließlich eines Flügels als Continuo-Instrument. Abgeschmeckt wird dieses Degustations-Menü durch zwei Aufnahmen, die die Kammermusik für Violine und Hammerflügel mit Albrecht Breuninger und Piet Kuijken, beziehungsweise das „Magnificat“ mit der Gächinger Kantorei unter Helmuth Rilling in einer Aufnahme von 1976 präsentieren.
Die wichtigste Veröffentlichung ist aber die – in der unglaublichen Zeit von 13 Monaten abgeschlossene – Aufnahme des Gesamtwerks für Klavier solo von Carl Philipp Emanuel Bach (26 CDs) durch Ana-Marija Markovina auf modernem Instrument. Das hat insofern seine Berechtigung, als Bach die Tasteninstrumente nicht nur als sein bevorzugtes Medium empfand, sondern seine neuartige, subjektiv empfindende Stilistik auf dem Klavier entwickelte, bevor er sie auf das Orchester übertrug. So kann man nur staunen über den Kosmos an Formen und musikalischen Farben, den Markovina vor dem Hörer auszubreiten imstande ist.
Wer nun am liebsten erst einmal in all diese Produktionen hineinschnuppern möchte, hat dazu Gelegenheit auf einem Sampler, der Carl Philipp Emanuel Bach und sein Oeuvre anhand einer Einführung und der hänssler CLASSIC-CDs näher bringt (C. P. E. Bach – Einführung in Werk und Leben).


Konzerte und Termine zum Jubiläumsjahr der „CPE-Bach- Städte“ Weimar, Leipzig, Frankfurt/O., Potsdam, Berlin, Hamburg: www.cpebach.de

Kritische Harvard-Notenausgabe der Werke Bachs: www.cpebach.org


Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Retourschein für Danaer-Geschenk?

Normalerweise sollte eine Stadt, die nach dem berühmten Slogan ihres Ex-OB stolz auf ihr „Arm, […]
zum Artikel »

Da Capo

Wuppertal

Als der Wuppertaler Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka sich vor zwei Jahren zum […]
zum Artikel »




Top