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(c) Josep Molina

Artemis Quartett & Cuarteto Casals

Streichquartett-Frühling

Das neu formierte Artemis Quartett glänzt mit Mendelssohn, das spanische Cuarteto Casals mit Haydns „Sieben letzten Worten“.

Ein Streichquartett ist eine Ehe zu viert.“ Als Außenstehender sagt man das allzu leicht, etwas romantisch verklärend dahin. Dabei ist das Streichquartett doch eine der extremsten Lebensformen, die es gibt. Das zumindest findet Eckart Runge. Und er muss es wissen. Seit 1989 ist er immerhin Cellist in dem von ihm mitgegründeten Artemis Quartett. Und in den vergangenen 25 Jahren hat er so manche Proben mitgemacht, bei denen es selbstverständlich zu Reibungen und Meinungsverschiedenheiten gekommen ist. Doch im Gegensatz zum klassischen Ehebund, bei dem die Streitkultur manchmal unversöhnlich bis aufs Messer ausgelebt wird, kam bei den vier Artemisianern stets allerhöchste Streicherkultur heraus. Und selbst wenn sich dann doch einmal ein Besetzungswechsel ankündigte, trennte man sich nicht etwa im Zorn, sondern in aller Freundschaft.
So eine Veränderung stand 2012 wieder ins Haus. Nachdem sich das Artemis Quartett fünf Jahre zuvor mit Violinist Gregor Sigl und Friedemann Weigle gleich auf zwei Positionen neu aufstellen musste, nahm nun die erste Geigerin Natalia Prishepenko Abschied.
Doch allzu lange musste man sich keine Kopfschmerzen über eine entsprechende Nachfolge machen. Bereits nach der ersten Runde, stand die Entscheidung einstimmig fest. Die Wahl fiel auf die lettische Geigerin Vineta Sareika. „Wir kannten uns von Meisterkursen her, in denen wir ihr Trio unterrichtet haben“, erinnert sich Eckart Runge. „Und schon da waren uns ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten aufgefallen. Sie ist eine große solistische Persönlichkeit und ein echter Teamplayer. Diese beiden Charakterzüge besitzen Quartettmusiker nur selten Aber bei Vineta waren die so ausgeprägt, so grandios, dass wir von einer zweiten Runde im Bewerbungsverfahren abgesehen haben.“
Seitdem hat sich Vineta Sareika nicht nur ins Quartett-Gefüge eingepasst, sondern umgekehrt mit ihren drei Kollegen das bisherige Klangvokabular noch einmal hinterfragten. Zwar hat man jenes Beethoven-Bild, mit dem sich das Artemis Quartett endgültig an der internationalen Spitze festgesetzt hat, nicht völlig korrigiert, aber um Neues bereichert. „Von uns bekommt man Beethoven natürlich weiterhin in der Artemis-Version – aber eben mittlerweile mit dem Sareika-Klang.“
Beethoven stand auch so spürbar Pate bei Felix Mendelssohn Bartholdys frühem Streichquartett op. 13, dass sich der Komponist dafür das vergiftete Lob abholen musste, das Werk stamme zweifellos vom Wiener Großmeister. Mit diesem Quartett eröffnet nun das neu besetzte Artemis Quartett seine erste CD, ergänzt mit op. 44/1 und op. 80 als Kostproben späterer Schaffensphasen. Und wenngleich die Planung für dieses Mendelssohn-Projekt noch in die Zeit fiel, als Natalia Prishepenko mit dabei war, so hat die Einspielung dennoch für Eckart Runge einen speziellen Stellenwert: „Es tut uns alles gut, mit einem Repertoire zu beginnen, das bislang noch keiner gespielt hat. Das macht die Ausgangslage viel gleichwertiger.“ Wenig verwunderlich ist aber, dass sich das Ergebnis aus dem Stand heraus sofort auf gewohntem Artemis-Niveau bewegt.
Einen dieser begehrten Plätze auf dem engen Streichquartett-Gipfel hat sich ebenfalls das Cuarteto Casals schon lange gesichert. Und egal, was die spanische Viererbande mit amerikanischem Bratscher von den Manifesten der Wiener Klassik bis hin zur ungarischen Moderne der Ligetis und Kurtágs auch immer in Angriff nimmt – stets wird man Ohrenzeuge von gehaltvollen, mal feinsinnigen, mal temperamentvoll geführten Gesprächen auf vier Streichinstrumenten. Diese Kontinuität verbindet das Ensemble mit den Kollegen vom Artemis Quartett. Doch das ist nicht die einzige Parallele. Auch bei den Casals´ gibt zumeist eine Frau den Ton an der ersten Geige an. Wie die Artemisianer wurde man vom Alban Berg Quartett gefördert. Und selbst zwei Umbesetzungen stehen in der 17-jährigen Quartettgeschichte zu Buche – jedes Mal an der Bratsche. Seit 2002 herrscht aber endlich Planungssicherheit.

Demokratisch geviertelte Proben

Damals stieß der Bratscher Jonathan Brown zu den drei Gründungsmitgliedern, die sich während ihres Studiums an der Madrider Escuela Superior de Música Reina Sofia in der Quartettklasse von Antonello Farulli kennengelernt hatten. Seitdem sind Vera Martínez Mehner (Violine), die Brüder Abel (Violine) und Arnau Tomàs Realp (Violoncello) sowie eben Mr. Brown unzertrennlich. Und wie es bei so einer verschworenen Gemeinschaft nicht unbedingt erstaunt, hat man bestimmte Rituale entwickelt, um einen gleichbleibend hohen Qualitätsstandard zu garantieren. So stehen zum Beispiel jeden Tag Proben an (außer wenn man auf Tournee ist). „Die Proben sehen bei uns sehr demokratisch aus“, erzählt Vera Martínez Mehner. „Die Probenzeit wird genau durch vier geteilt, so dass jeder genau dieselbe Zeit hat, um eine Probe zu moderieren.“ Ähnlich paritätisch ausgewogen geht es natürlich bei der Wahl von neuen Stücken zu. Wobei es den Musikern immer wichtig ist, bei den Repertoire-Zusammenstellungen durchaus unkonventionelle Wege zu gehen. So kombinierte man etwa Debussy mit dem 2. Quartett von Zemlinsky. Und ins spanische Klangidiom brach man nicht nur mit Joaquín Turina auf, sondern auch mit Streichquintetten des Wahl-Madrilenen Luigi Boccherini, bei denen die zweite Cello-Stimme sogar vom Kollegen Eckart Runge vom Artemis Quartett übernommen wurde!
Im Vorfeld seiner zweiten Haydn-Einspielung hat das Cuarteto Casals nun auch eine musikhistorisch durchaus bedeutsame Stätte Spaniens aufgesucht. Tatsächlich bekam man die Möglichkeit, das eindringliche Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ in jener Kirche Santa Cueva in Cádiz zu spielen, für die es geschrieben wurde. „Haydn war wohl beeindruckt vom Zeremoniell an Karfreitag, als man die Fenster und die Türen mit schwarzen Vorhängen verhängte, so dass kein Licht in die Kirche fallen konnte“, erklärt Jonathan Brown. „Und dieses visuelle Erlebnis hat er in Klänge umgesetzt.“ Drei Versionen gibt es von diesem Requiem. Nach der reinen Orchesterfassung, die 1785 zunächst komponiert wurde, arrangierte Haydn sie für Streichquartett. 1796 kam schließlich in Wien die von Haydn autorisierte Oratorienfassung zur Erstaufführung.
Für ihre Einspielung der Quartettfassung haben die Musiker vom Cuarteto Casals sich aber an der Orchesterpartitur orientiert. Arnau Tomàs Realp: „Daraus konnten wir die Rollen und Aufgaben jeder der vier Quartettstimmen ableiten. Das hat uns ohne Zweifel inspiriert, den entsprechenden Klang, den Ton zu finden. Wir sind da praktisch ein Rollenspiel eingegangen, indem wir versucht haben, in die Rolle der Orchesterstimmen zu schlüpfen.“ Und wer jetzt etwa die Augen schließt, das Atmen einstellt und einfach nur den Gesängen der vier Streicher lauscht, der scheint plötzlich wundersam schwebende Sphärentöne zu vernehmen, die so eigentlich nur von einer Oboe stammen können. Oder um es mit Haydns Worten zu beschreiben: Das Cuarteto Casals hat es „dergestalt ausgedrückt, dass es dem Unerfahrensten den tiefsten Eindruck in seiner Seele erweckt.“

Neu erschienen:

Mendelssohn

Quartette opp. 13, 41/1 & 80

Artemis Quartett

Warner

Neu erschienen:

Haydn

„Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“

Cuarteto Casals

harmonia mundi

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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