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The Knights

Ohne Furcht und Tadel

Sie nennen sich »Ritter«, doch wenn es sein muss, kämpfen sie auch mit modernen Waffen: Das New Yorker Kammerorchester The Knights ist ausgezogen, um die Klassikwelt zu erobern – mit Jimi Hendrix’ »Machine Gun« im Gepäck. Jörg Königsdorf traf sie in New York.

Zehn Uhr morgens ist für echte Ritter keine gute Tageszeit. Mit roten Augen sitzen Colin und Eric Jacobsen und ihr Freund Johnny Gandelsman in einem kleinen Café in Manhattans East End und klammern sich an ihre dampfenden Milchkaffeeschalen. Und hätten sie nicht ihre Instrumentenkoffer neben sich auf den abgeschabten Sitzen, könnte man sie glatt für übriggebliebene Partygänger halten, die gerade aus dem letzten noch offenen Club in der Bleecker Street rausgeworfen wurden. Reguläre Orchestermusiker sitzen um diese Uhrzeit in der Regel schon auf der ersten Probe, und wer die drei müden Krieger sieht, wundert sich nicht, dass sie sich gegen diese Art des Musikerdaseins entschieden haben.
Die drei sind der harte Kern der Knights: Zusammen gründeten die Meisterabsolventen von Juilliard School und Curtis Institute ein Streichquartett mit dem nicht eben nach gediegener Mozartpflege klingenden Namen »Brooklyn Rider«, und auch bei den Konzerten ihres ritterlichen Kammerorchesters fechten sie in der ersten Reihe: Gandelsman mit Cowboyboots und Bratenrock und der jüngere Jacobsenbruder Colin an den Stimmführerpulten der beiden Geigengruppen, Eric früher als Cellist, doch inzwischen als Dirigent der Formation. Ganz allmählich seien sie zum Kammerorchester angewachsen, erzählt Eric Jacobsen, »zuerst wurden es immer mehr Streicher, dann kamen Bläser aus dem Freundeskreis dazu. Und eigentlich fühlen wir uns noch immer nicht wie ein richtiges Orchester, sondern eher wie eine große Band.«
So lässig das klingt, so ernst ist freilich auf der anderen Seite das Anliegen, das die Bohemiens aus Brooklyn umtreibt: Als sie merkten, dass sie eine Stärke erreicht hatten, mit der sie auch das sinfonische Standardrepertoire spielen konnten, hätten sie sich gefragt, was ein Orchester heute überhaupt sein könnte, erklärt Eric. Ein routinierter Musikbetrieb wie das Met- Orchester, in dem ihr Vater 30 Jahre am Geigenpult saß? Oder ein Haufen mehr oder weniger frustrierter Beamter wie drüben in Deutschland? Die Knights fanden eine andere Antwort: Für sie ist ein Orchester einfach das kleinste gemeinsame Vielfache – der Punkt, an dem sich Musiker treffen, die sonst völlig unterschiedliche Karrieren verfolgen – Spezialisten für Neue Musik und Barock, klassische Kammermusiker und Komponisten und sogar eine Songwriterin sind bei den Knights dabei und treffen sich einfach, um gemeinsam Beethoven zu spielen. Bislang tun sie das nur drei Mal pro Jahr und spielen in Clubs, Schulen und kleinen Konzerthallen in der Umgebung New Yorks. Doch das dürfte sich bald ändern: Mit zwei CD-Veröffentlichungen in diesem Jahr sind die Ritter international hoffähig geworden und werden im Mai auch nach Europa übersetzen, um dort beim prestigeträchtigen Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele aufzutreten.
»Die Knights vereinen alles, was heute wichtig ist: Sie sind stilistisch ungeheuer vielseitig und gleichzeitig exzellent ausgebildet«, schwärmt Dresdens Festspielchef Jan Vogler, »die können alles von Vivaldi bis Elliott Carter. « Sofort habe er gewusst, dass die Knights genau die Richtigen für sein neues CD-Projekt seien, bei dem er Musik von Schostakowitsch mit einem Celloarrangement von Jimi Hendrix’ E-Gitarrenstück »Machine Gun« koppeln wollte. Das live in Hendrix’ altem Lieblingsclub, dem legendären Poisson Rouge, aufgenommene Album gibt ihm recht: Echte Ritter können eben alles – außer früh aufstehen.

Neu erschienen:

Schostakowitsch, Jimi Hendrix

Experience: Live From New York

Jan Vogler, The Knights

Sony Classical

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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