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Fanfare

Fangen wir an der Themse an. Oder besser: in Covent Garden, von wo aus es, nun ja, einige Meter sind bis zum Fluss. Aber egal, am Royal Opera House zu London wurden wir Zeuge der englischen szenischen Erstaufführung von Korngolds Oper »Die tote Stadt«. Die Inszenierung von Willy Decker ist zwar schon fünf Jahre alt (wir sahen sie weiland in Salzburg), aber sie hat von ihrer Vitalität nichts eingebüßt. Und da sowohl das Orchester von Covent Garden als auch die meisten Sänger uns mit ihrer Spiel- respektive Sangeskunst betörten, verbrachten wir einen wunderbaren Abend in der britischen Kapitale. Von dort reisten wir in die sächsische Hauptstadt, nach Dresden (Leipzig ist ja kaum noch eine Reise wert, die Stadt dümpelt im Mittelmaß, was der »Don Giovanni« in Werner Schroeters peinlicher Inszenierung nachhaltig beglaubigte), und in Dresden wurden wir Zeuge einer zauberhaften »Tosca«. Das wollte kein Welttheater sein, es war einfach nur gutes Theater (Johannes Schaaf führte klug und sauber Regie), und die Sänger waren ebenfalls vom Feinsten, zumal die Darstellerin der Titelpartie. Und sie wollen wir vor allem deshalb loben, weil sie in letzter Sekunde einsprang für eine erkrankte Kollegin und sogleich ihren Namen verraten: Chiara Taigi gestaltete die Partie gleichsam ad hoc aufs Feinste und wusste in allen, auch in den höchsten Lagen treffliche und triftige Töne zu produzieren. Ein Genuss.
Das Gleiche wollen und können wir von der »Ariadne auf Naxos« sagen, die wir an der Deutschen Oper in Berlin sahen. Die Inszenierung von Robert Carsen kannten wir schon aus München, aber eine gute Sache wird ja nicht schlechter, wenn man sie wiederholt, sondern vielleicht sogar noch zwingender. Das ist wie in der Liebe. Und darum geht es, wie in geschätzt 1001 Opern, ja auch in diesem Straussopus. In München hatten wir das Glück gehabt, Diana Damrau als Zerbinetta zu hören. An sie kommt zurzeit kaum eine heran in ihrem Fach. Aber dennoch waren wir begeistert von der Darbietung der Berliner Zerbinetta. Jane Archibald heißt die junge und durchaus recht hübsche Person. Aus der kanadischen Provinz Nova Scotia stammt sie, hat viel in Wien und Genf gesungen und gab mit dieser heiklen Partie ihr Debüt an der Deutschen Oper Berlin. Dazu sagen wir kurz und bündig nur dies: Chapeau!
Und sind schon wieder in einer anderen Stadt, diesmal in Basel. In Basel sahen wir »Lulu«. Calixto Bieito führte hier Regie. Was das bedeutet, wissen wir: jede Menge Nacktheit. Da ist es natürlich von Vorteil, wenn man bella figura nicht nur machen kann, sondern sie auch hat. So wie Marisol Montalvo, deren erotische Ausstrahlung wirklich enorm zu nennen ist. Doch damit nicht genug. Diese junge Dame, sie kann auch singen, und das wirklich bezaubernd schön und facettenreich. An diesem Abend in Basel zeigte sie uns das, und deswegen fuhren wir glücklich nach Norden. Und wagten, um uns etwas abzukühlen nach diesem schweißtreibenden Ausbruch der Gefühle, gleichsam den Schritt ins Perkussive. Und wie ist das (fast) immer, wenn man etwas wagt? Man gewinnt. Und so wurden wir im Münchner Prinzregententheater Zeuge eines fantastischen Konzerts. Martin Grubinger, der so etwas ist wie der Lang Lang des Schlagzeugs, nur wesentlich musikalischer, spielte zusammen mit seinem Lehrer Leonhard Schmidinger, der ihm anscheinend alles beigebracht hat, was nötig ist, um ein Star zu werden, sowie mit seinen Ex-Kommilitonen Manuel Hofstätter, Rainer Furthner und dem Pianisten Per Rundberg Stücke unter anderem von Xenakis, Maki Ishii, Keiko Abe. Sie kennen zumindest die beiden Letztgenannten nicht? Macht nichts. Wir kannten sie auch nicht. Jetzt kennen wir sie. Und wissen, dass sie tolle Stücke komponiert haben, die es zu hören vor allem dann lohnt, wenn sie Martin Grubinger spielt.
In diesem Sinne, alles Gute und bis zum nächsten Mal
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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