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Premierenabo

Eine Oper über ein Busenwunder? Das hätte es bisher bestenfalls auf der Musicalbühne gegeben, aber ganz gewiss nicht im Royal Opera House. Genau dieses allerdings gab bei Mark-Anthony Turnage ein Werk über Anna Nicole Smith in Auftrag, das im Februar letzten Jahres mit großem Medienzirkus (und von Musikchef Pappano persönlich geleitet) uraufgeführt und auch gleich auf DVD festgehalten wurde. Der Vergleich mit dem Musical drängt sich dabei zwangsläufig auf, denn Turnage lässt das Leben der Texanerin nicht neutönerisch verschreckend an uns vorbeiziehen, sondern in einer Mischung aus klassischen Klängen, Jazz und Pop. Das Werk soll unterhalten, und das tut es auch – eine perfekte Show, musikalisch wie szenisch. Das ist in erster Linie der absolut überragenden Eva-Maria Westbroek als »Anna Nicole« zu verdanken, die nicht nur stimmlich alles aus der dankbaren, gleichwohl anstrengenden Partie holt, sondern sich auch darstellerisch in jeder Hinsicht als ›bigger than life‹ erweist. Mit Susan Bickley und Gerald Finley sind zudem auch die beiden wichtigsten Rollen neben der Hauptdarstellerin prominent besetzt. (Opus Arte/Naxos OA 1054 D)

Einen Monat zuvor hatte an der Deutschen Oper Berlin Richard Strauss‹ letzte und nur sehr selten zu hörende Oper »Die Liebe der Danae« Premiere, mit der sich Intendantin Kirsten Harms von den Berlinern verabschiedete. So löblich solche Ausgrabungen auch sind (vor fünf Jahren brachte sie beispielsweise Franchettis »Germania « auf die Bühne), muss man doch feststellen, dass Frau Harms mit dem Werk nicht besonders viel anfangen kann, es nicht recht zu packen weiß und damit auch dem Publikum kaum eine Chance gibt, sich das Werk zu erschließen. Da leider auch die musikalische Seite nicht gerade berückend gelungen ist, kann man diese Inszenierung nicht als Popularisierungsversuch der Oper verbuchen. Die attraktive Manuela Uhl bleibt der zugegebenermaßen recht anspruchsvollen Titelpartie etliches schuldig, ist ihr auch in der Höhe nicht gewachsen. Mark Delavans angespannten, strapazierten Jupiter möchte man gleich bei seinem ersten Auftritt am Ende des ersten Aktes wieder heimschicken. Konnte die Deutsche Oper tatsächlich keinen besseren Sänger für die Rolle auftreiben? Oder wollte sie nicht? Weil auch Dirigent Andrew Litton ordentlich zu kämpfen hat, ist der einzige musikalische Lichtblick des Abends der Tenor – bei Strauss kein geringes Kompliment. Matthias Klink kommt mit der heiklen Partie des Midas bestens zurecht. (Arthaus/Naxos 101 580)

Nimmt man den Veröffentlichungsrhythmus als Maßstab, scheint der DVDMarkt geradezu nach immer neuen »Carmen«-Mitschnitten zu gieren, alle paar Monate erscheint eine weitere Produktion. Dieses Mal also aus Barcelona, wo Calixto Bieito im Oktober 2010 gezeigt hat, dass er auch ohne Blut, Sperma und billige Provokationen auskommen kann und auf diese Weise packendes, glaubwürdiges Theater erzeugt. Mit Béatrice Uria-Monzon und Roberto Alagna stehen ihm dafür auch zwei Vollblutdarsteller zur Verfügung, die sich mit Leidenschaft in ihre Rollen stürzen. Für die Mezzosopranistin ist die Carmen in mittlerweile fast 20 Jahren zur zweiten Haut geworden, sie gestaltet eine fesselnde Figur, da kann man schon über die eine oder andere stimmliche Schwäche hinweghören. Ähnliches gilt auch für Alagna, der sich hier und da mit munterem Töne-Stemmen behilft, mit seiner Hingabe aber ordentlich punktet und beim Schlussapplaus am besten abschneidet. Erwin Schrott steht zwar mit dem Französischen auf Kriegsfuß, steuert aber einen herrlich selbstverliebten, pfauenhaften Escamillo bei, der zudem mit der schwierigen Tessitura der Rolle keine Probleme hat. Marc Piollets flexiblem Dirigat würde stellenweise etwas mehr Entschiedenheit guttun. (C Major/Naxos 707308)

Zum Abschluss noch einmal Verdi. Und wiederum vom Allerfeinsten. Zwei Werkdebütanten haben sich im März 2011 in Graz zusammengefunden und die bewegendste, aufwühlendste, mitreißendste »La traviata«-Produktion überhaupt geschaffen. Peter Konwitschny hat zwar schon mehrere Verdi-Opern inszeniert (und keineswegs alle überzeugend!), »La traviata« aber noch nicht. Er hat sehr genau in das Werk hineingehorcht und -geleuchtet und präsentiert es ganz ohne Bühnenbild, nur mit Vorhängen und einem Stuhl als einzigem Ausstattungsgegenstand mit einer Schlichtheit und Unmittelbarkeit, die tief unter die Haut geht. Der Zufall wollte es, dass Marlis Petersen ebenfalls Lust auf diese Oper hatte und unbedingt einmal die Violetta singen wollte. Gott sei Dank!, kann man nur sagen, denn was die Sopranistin hier sängerisch wie darstellerisch leistet, ist große Kunst. Nicht umsonst wurde sie schon zweimal in der jährlichen Kritikerumfrage der »Opernwelt« zur »Sängerin des Jahres« gekürt, mit diesem Rollenporträt, mit dem sie den Zuschauer emotional geradezu auslaugt, sollte ihr der Hattrick gelingen. (Arthaus/Naxos 101 587)

Keine großen Namen bietet die Amsterdamer Inszenierung von Verdis »Les vêpres siciliennes« auf und präsentiert doch eine Ideal-Besetzung, auf die jedes Opernhaus neidisch sein muss. Und für die jeder Opernfan auf CD dankbar wäre. Für den »Trovatore« gibt es ja ein ganz einfaches Besetzungsrezept: Man nehme vier Spitzensänger. Das trifft natürlich auf diese Oper genauso zu – und wird hier auch verwirklicht, ein seltener Glücksfall. Was für einen prachtvollen Verdi-Sopran doch Barbara Haveman hat! Ihre Stimme ist biegsam und geschmeidig, dabei strahlkräftig, besitzt eine exzellente Projektion und eine sichere Höhe, spricht sauber im Piano an, ist zu müheloser dramatischer Attacke fähig. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum man diese Sängerin nicht an allen großen Häusern in diesem Repertoire hört. Auch die drei Herren an ihrer Seite (Burkhard Fritz, Alexander Marco-Buhrmester, Balint Szabo) liefern Verdi- Seligkeit pur. Jeder geht seine Rolle äußerst differenziert an, da gibt es keine vokalen Kraftmeiereien und Protzereien – ein tolles Ensemble. Vervollständigt wird das Zuschauerglück durch die intelligente Inszenierung von Christof Loy, ohne Zweifel einer unserer besten Regisseure. (Opus Arte/Naxos OA 1060 D)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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