Startseite · Bild der Woche

30. September — 06. Oktober 2017

NORDLICHT

Selten kann man den Orchesternachwuchs hierzulande auf höherem Niveau erleben als bei den Konzerten der Jungen Deutschen Philharmonie. Davon konnte man sich in diesen Tagen mal wieder überzeugen, denn nach einer Probenphase in Sondershausen tourte das Orchester unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste durch Deutschland (von Wilhelmshaven über Berlin bis Hannover) und wird abschließend am 3. Oktober ein Gastspiel in Bratislava geben. Die diesjährige Proben- und Konzertphase stand dabei unter dem Titel „NORDLICHT“ – denn programmatisch ging es in den hohen Norden. Bei der atmosphärischen Orchesterkomposition „Laterna Magica“ der finnischen Komponisten Kaija Saariaho, bei Sergei Prokofjews 3. Klavierkonzert (mit Solist Tzimon Barto bzw. in Berlin Nikolai Lugansky) und abschließend Carl Nielsens 4. Sinfonie („Die Unauslöschliche“) wurden alle Stimmgruppen des riesigen Klangkörpers zu Höchstleistungen angespornt. Saariahos Komposition wurde von einer Licht-Installation (Matthias Rieker) um zusätzliche atmosphärische Dimensionen ergänzt. Gleich nach der Tournee, am 13. Oktober, erscheint zudem die neue CD der Jungen Deutschen Philharmonie im Handel: „Abgesang“, mit Werken von Ravel und Schostakowitsch, dem Programm der vergangenen Frühjahrsarbeitsphase unter der Leitung von Jonathan Nott. Mitgeschnitten wurde bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie: eine schöne Dokumentation der intensiven Arbeit dieses jungen Ausnahme-Orchesters.

(Foto der Jungen Deutschen Philharmonie: Achim Reissner)


23. — 29. September 2017

Vorhang auf!

Die neue Saison steht in den Startlöchern! Nach sechs wohlverdienten Wochen Saisonpause sind die Opernmacher zurück und bereiten fieberhaft die ersten Produktionen vor. Vereinzelt wurde schon Premiere gefeiert, in Basel etwa mit einer der unbekannteren Mozart-Opern („Lucio Silla“), mit Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ in Bremen und dem „Fliegenden Holländer“ in Darmstadt. Beim Durchblättern der Saison-Broschüren begegnen einem für die Spielzeit 2017/18 viele alte Bekannte – aber zum Glück nicht nur. Hoch im Kurs steht in der beginnenden Saison vor allem Mozarts „Don Giovanni“, der im RONDO-Premierenkalender gleich 10 Mal zu finden ist, die „Zauberflöte“ schafft es immerhin auf sieben Einträge, und Bizets „Carmen“ bringen fünf Häuser neu heraus. Unter den Operetten scheint Strauß´ „Eine Nacht in Venedig“ besonders beliebt zu sein (4 Neuproduktionen!). Mit Spannung darf man aber vor allem zahlreiche Premieren von bislang weitgehend unbekannten Werken erwarten, und das auch und gerade an kleinen Häusern: zum Beispiel die im KZ verfasste Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása (am Landestheater Linz), „Der Goldkäfer“ von Dai Fujikura am Theater Basel, Othmar Schoecks „Penthesilea“ am Opernhaus Bonn, Heinrich Marschners „Hans Heilig“ in Essen oder George Enescus „Oedipe“ in Gera. Vorhang auf für eine hoffentlich spannende, diskussionswürdige, lebendige Opernsaison 2017/18!

Alle Premierentermine finden Sie gesammelt unter Termine.

(Fotos von der „Lady Macbeth“ am Theater Bremen: Jörg Landsberg)


16. — 22. September 2017

Kulinarische Mischung

Das Wort „Haydn-Pflege“ mag Stefan Ottrubay gar nicht. Den Vorstand der Esterházy-Stiftung erinnert es an Pflegeheime und Schlimmeres: „Was gibt es denn an Haydn zu pflegen?“ fragt er herausfordernd im Pressegespräch, das die Hintergründe eines lang andauernden Konflikts klären soll, an dessen Ende die traditionsreichen „Haydntage“ aus dem historischen Esterházy-Schloss – in dem Haydn rund vier Jahrzehnte wirkte und komponierte – herausflogen und stattdessen nun zwei neue Festivals Eisenstadt und das umliegende Burgenland bespielen. Der Intendant der „Haydntage“ Walter Reicher leitet nun die „Haydnlandtage“, und im Schloss wurde das neue Festival „Herbstgold“ aus der Taufe gehoben, für dessen Leitung Ottrubay den Berliner Musikmanager Andreas Richter ins Boot holte.
Die Frontlinien zwischen dem alten Festival, der burgenländischen Regierung und der Stiftung Esterházy mit dem Schloss verliefen auf verschiedenen Ebenen und sind schwer nachvollziehbar. Ein wesentlicher Punkt war für den Stiftungsmann Ottrubay jedoch die spürbare Vergreisung des alten Festivalpublikums. „Wir dürfen nicht aussterben mit einem alten Wiener Publikum“, unterstreicht er den erklärten Willen des neuen Festivals, unter dem Motto „Revolutionen“ ein jüngeres und breiteres Publikum anzusprechen. Auch mit Haydn. Aber eben auch mit Jazz, Roma-Musik, dem temperamentvoll stürmischen Nicolas Altstaedt als neuem Leiter des Residenzorchester „Haydn Philharmonie“, Talks, Lounge-Konzerten und dem kulinarischen Begleitprogramm „Pan O’Gusto“ in der Orangerie im Schlosspark.
Zwei Tage nach der Eröffnung beginnt der Freitagabend verheißungsvoll: Im voll besetzten Haydn-Saal, dessen legendäre Akustik tatsächlich ideal ist, sitzt nun das ORF Radiosinfonieorchester Wien und fegt unter der Leitung von Cornelius Meister jede Betulichkeit mit Verve hinweg. Am Beginn steht mit David Philip Heftis „Moments lucides“ ein Zeitgenosse auf dem Programm, was Teile des alten Festivalpublikums wohl als Sakrileg empfunden hätten. Das neue, tatsächlich einigermaßen gut gemischte Publikum wirkt weder irritiert noch überfordert. Dann folgt Carl Stamitz’ Konzert für Klarinette und Orchester mit dem Berliner Philharmoniker Andreas Ottensamer, der das hoch virtuose Werk mit ansteckender Spielfreude angeht und bemerkenswerten Witz entwickelt. Nach der Pause dann Beethovens „Eroica“, die von Cornelius Meister federnd, mit Mut zur harten Kante und ohne demonstratives Pathos geboten wird. Haydn gibt es an diesem Abend nur als Zugabe, dafür aber wahrlich exquisit musiziert. Danach sind die Konzertbesucher geladen, im dem Schloss gegenüber gelegenen Restaurant in einer „Nightline“ genannten Session Ottensamer in legerem Umfeld mit Bach, Scarlatti und Piazzolla zu erleben.
Am nächsten Mittag bietet „Pan O’Gusto“ Erzeugnisse des umliegenden Spitzen-Weinbau-Gebiets und regionale Spezialitäten, alles nachhaltig bewirtschaftet und dem Slow-Food-Gedanken verpflichtet. Fürwahr ist das eine gesegnete Region, das sanft gewellte Burgenland mit seinem Wein und dem prachtvollen Schloss Esterházy, das über der malerischen Stadt so heiter thront. In dessen Hof tritt abends, als aus dem Haydn-Saal mit Rock-Elementen massiv aufgepumpter Balkan-Sound des King’ Naat Veliov’s Original Kocani Orkestar aus Mazedonien heraus trompetet, eine ältere Dame. Blickt hinauf zu den geöffneten Fenstern, aus denen der martialische Sound dröhnt und fragt: „Wos is des?“ „Ein Konzert des neuen Festivals“ antwortet die Chronistin. Die ältere Dame schüttelt den Kopf: „Na, des is koa Konzert!“, dreht sich um und geht weg.
Auch das Konzert mit Balkan-und Roma-Sounds ist gut voll mit feierlustigem Publikum. Ein Neuanfang ist „Herbstgold“ also geglückt, und das ausgelagerte zweite Festival kann man durchaus auch als schöne Ergänzung und Bereicherung begreifen. Am dramaturgischen Konzept von „Herbstgold“ müsste aber noch gefeilt werden. Einstweilen wirkt es doch noch ein wenig beliebig.

Regine Müller

(Fotos: Wolfgang Riepl)


09. — 15. September 2017

Im spirituellen Flow

Es ist noch herbstlich kühl morgens in Utrecht, aber vor dem Eingang des Tivoli Vredenburg hat sich bereits um 8.45 Uhr eine mehr als fünfzig Meter lange Schlange angestaut. Das traditionsreiche Festival Oude Muziek hat treue Fans, aber zu so früher Stunde lockt nicht nur Alte Musik in den großen Saal des multifunktionalen Baus, der den typisch niederländischen, nüchternen Charme des 21. Jahrhunderts ausstrahlt. Sondern der Start eines Konzertmarathons, der sich über zwei Tage mit zwölf jeweils einstündigen Konzerten hinziehen wird. Das ist fast so viel Musik wie Wagners „Ring“, doch der lässt sich immerhin vier Tage Zeit.
Alle 150 biblischen Psalmen erklingen in Vertonungen von 150 verschiedenen Komponisten, von uralten keltischen, armenisch orthodoxen und sephardischen Gesängen über Renaissance, Barock, Klassik und Romantik bis in die Gegenwart spannt sich das A-Cappella-Repertoire des Projekts, das sich vier Chöre in jeweils drei Konzerten aufteilen. Anlass für das gewaltige Projekt, das später noch nach Brüssel und New York reisen wird ist der 80. Geburtstag des niederländischen Kammerchors. Seit September 2015 leitet Peter Dijkstra das 24-köpfige Ensemble: „Es ging uns um diese uralten und doch so hoch aktuellen Texte, mit denen wir für das Festival ein Programm gestalten wollten. Dann wuchs die Idee zu diesem Riesenprojekt, und das war nur möglich durch die enge Kooperation mit den drei anderen Chören. Zu viert bestreiten wir nun 1000 Jahre Chormusik. Und um die Programmatik stimmig zu machen, haben wir zwölf Themenfelder gebildet. Jedes Konzert kreist um ein Thema wie etwa Leiden, Freude oder Unterwerfung. Das Ganze verstehe ich als Monument für die Chormusik.“
Dem Nederlands Kammerkoor unter Dijkstras Leitung gehört dann auch – als Gastgeber – das erste, frühe Konzert um 9.30 Uhr im Grote Zaal, der 1.700 Plätze fasst und so steil ansteigt wie ein Hörsaal. Bei schummrigem Licht hebt das edel timbrierte Ensemble unter dem Motto „A State Of Mankind“ an mit Bachs Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ (Psalm 117) und beeindruckt umgehend mit seinem transparenten, weichen Klang und plastischer Textverständlichkeit. Von Bach springt das Programm ins 21. Jahrhundert zur Uraufführung von Mohammed Fairouz’ Vertonung des 14. Psalms und so geht es weiter in großen Sprüngen von Hans Leo Hassler über Monteverdi zur zweiten Uraufführung des Morgens: Michel van der Aas „Shelter“, eine Vertonung des 5. Psalms. Auf der Bühne ist das Ensemble ständig in Bewegung, mal sind nur sechs Stimmen gefordert, dann zehn oder acht. Bereits im ersten Konzert dämmert die Erkenntnis, dass die Zeitsprünge bei diesem Genre von Musik gerade nicht die stilistischen Unterschiede herausmeißeln, sondern dass im Gegenteil so etwas wie eine gemeinsame DNA dieser Musik hörbar wird. Ein Tonfall, der sich zwischen Meditation, Betrachtung, Klage und gemessener Freude bewegt und über 1000 Jahre bis in die Gegenwart reicht. Und spätestens im zweiten Konzert eine Art Flow erzeugt, der die Zeit vergessen lässt.
Um 11 Uhr betritt „The Choir of Trinity Wall Street“ aus New York die Bühne und präsentiert eine völlig andere Ästhetik: Während Dijkstra im schmalen Anzug mit schwingend lockeren Bewegungen für transparenten Klang sorgte, tritt Julian Wachner im schwarzen T-Shirt auf und arbeitet ungleich muskulöser am Klang. Entsprechend druckvoller, körperreicher und kompakter klingen die wiederum 24 Stimmen, die sich unter dem Motto „Leadership“ durch zwölf Psalmvertonungen arbeiten. Sie beginnen bei Thomas Arnes Psalm 2 über englische Kompositionen, die in Strophenform fast schon Gassenhauer-Charakter haben. Mitreißend!
Dann folgt zur Mittagszeit Det Norske Solistkor aus Oslo unter dem Motto „Gratitude“ mit erneut 24 Stimmen, die Damen in feuerroten Gewändern und ihre Chefin Grete Pedersen im smarten Gehrock. Die Norweger organisieren ihre Umstellungen fließend und lassen häufig die Psalmvertonungen attacca ineinander übergehen. Was für besonders frappierende Effekte sorgt, wenn etwa Beethovens Psalm 19 „Die Himmel rühmen“ nahtlos in die sephardische Vertonung von Psalm 29 und dieser wieder in Rachmaninows hinreißenden Psalm 104 übergehen. Die Norweger kultivieren wiederum einen transparenteren Klang als die New Yorker, auch sie sind perfekt, klangschön und ungemein stilsicher. Der vierte Chor im Bunde schließlich tritt mit nur 10 Stimmen auf: The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips sind zu recht legendär und eine Klasse für sich. Sie treten am Abend um 20.30 Uhr unter dem Motto „Faith“ auf, beginnen mit Haydn (Psalm 41), setzen einen deutlichen Schwerpunkt in der Renaissance mit Franz Schubert (Psalm 92) und Nico Muhly (Psalm 63) als Ausreißer. Die Perfektion der Briten ist atemberaubend, allein, wie sie Töne verklingen lassen und lupenreine Einsätze ohne jedes Ansatzgeräusch produzieren, ist famos. Und in Sachen Intonation hat man den Eindruck, dass die Stimmen wie auf Schienen laufen, ohne jede Irritation. Nach diesem letzten Konzert des ersten Tags tritt eine Art Euphorie der Erschöpfung ein. Man ist geläutert und getröstet. Ein großartiges Projekt!

Regine Müller

(Fotos: Foppe Schut)


02. — 08. September 2017

Auftakt zur Saison

Mit dem Musikfest Berlin beginnt im Spätsommer traditionell die Konzertsaison in der Hauptstadt. Für dieses Gipfeltreffen der Orchester reisen oft auch Weltklasse-Klangkörper an, die man sonst in der Berliner Philharmonie nur selten zu hören bekommt, so in diesem Jahr zum Beispiel das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam (6.9., mit Daniele Gatti), die Filarmonica della Scala (13.9., mit Ricardo Chailly) und MusicAeterna mit Dirigent Teodor Currentzis (7.9.). Aber auch nahezu sämtliche Berliner Orchester präsentieren sich beim Musikfest – von den Philharmonikern über das Orchester und den Chor der Deutschen Oper, das Konzerthausorchester bis hin zur Staatskapelle, dem RSO Berlin und dem DSO Berlin. Parallel sind im Kammermusiksaal der Philharmonie auch kleinere Ensembles und Solisten zu erleben. In diesem Jahr gilt ein besonderer thematischer Schwerpunkt dem Schaffen von Monteverdi, dessen 450. Geburtstag damit gewürdigt wird. Gefeiert wird daneben auch der koreanische Komponist Isang Yun, der 2017 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Das Musikfest Berlin begann am 31. August mit dem Eröffnungskonzert der Staatskapelle Berlin und geht noch bis 18. September.

Mehr Informationen und Tickets gibt es auf Musikfest Berlin.

(Foto von Daniele Gatti: Kai Bienert)


« zurück 103/105 weiter »





Top