Startseite · CD zum Sonntag

10. — 16. März 2018

Mit der Mezzosopranistin Christa Ludwig feiert am 16. März eine Grande Dame der Oper ihren 90. Geburtstag, deren Karriere nach dem Krieg in die Hoch-Zeit sowohl großer Pultstars als auch der Schallplatte fällt. Mit so unterschiedlichen Charakteren wie Herbert von Karajan, dem sie als Sechsjährige schon auf dem Schoß saß, als auch Karl Böhm und Leonard Bernstein arbeitete sie gleichermaßen intensiv zusammen, ein Ausweis ihrer Uneitelkeit und Anpassungsfähigkeit. Die Oper wurde ihr sozusagen in die Wiege gelegt – der Vater war Sänger und Opernintendant, die Mutter Eugenie Besalla-Ludwig blieb zeitlebens ihre einzige Gesangslehrerin – , ihre Kunst hat sie sich hingegen hart und mit viel Disziplin erarbeitet. Und mit einer Portion Geradlinigkeit, etwa wenn sie ihre Kollegen wie Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau erfolgreich den Manierismus im Gesang ausbauen sah. Und dennoch ihrer Ästhetik eines ungekünstelten, unpathetischen Gesangs folgte. Ihre „Silberfäden“, wie sie ihre Stimmbänder nennt, setzten ihr auf der Opernbühne zuweilen Grenzen, bis hin zu einer ausgewachsenen Stimmkrise, machten sie aber zu einer hervorragenden Liedgestalterin, am liebsten bei Schubert, Schumann, Brahms, Wolf und Strauss . Dennoch bilden die Mezzo-Rollen von Mozart über Rossini bis Verdi, Wagner und Strauss den Schwerpunkt ihres Schaffens, sowohl auf Schallplatte als auch vor allem an der Wiener Staatsoper, wo sie von Karl Böhm engagiert fast vierzig Jahre lang und in 769 Aufführungen als Ensemblemitglied wirkte. In Salzburg war sie ab 1955, in Bayreuth ab den 1960er Jahren regelmäßig zu Gast. Darüber hinaus interpretierte sie aber sowohl Barockpartien als auch zahlreiche Uraufführungen der Neuen Musik, etwa im Rahmen der Donaueschinger Musiktage. Nach dem Tod ihrer Mutter 1993 zog sich Christa Ludwig, bewusst noch auf der Höhe ihrer Stimme, von der Bühne zurück und lebt heute in Klosterneuburg bei Wien. Wir lassen die große Mezzosopranistin hochleben mit einer wahren Sternstunde der Tonträgergeschichte wie der Brahms-Interpretation, in der Alt-Rhapsodie unter Otto Klemperer. Hier kann man sich die Gestaltungskunst der Ludwig vor Ohren führen, die jedes Pathos vermeidet und ganz auf musikalische Ausdrucksmittel setzt, und gerade dadurch eine ungemein ergreifende, berührende Intensität freisetzt.

03. — 09. März 2018

Tschaikowskis Violinkonzert hat es nicht leicht gehabt: Zunächst galt es als „unviolinistisch“, sogar „unspielbar“, weil der Geiger Leopold Auer, für den Tschaikowski das Konzert geschrieben hatte, sich wegen der spieltechnischen Herausforderungen weigerte, es uraufzuführen. Es ist Tschaikowskis einziges Violinkonzert, er schrieb es im Frühjahr 1878 – vor also ziemlich genau 140 Jahren – im Schweizer Urlaubsort Clarens. Der Komponist erholte sich dort von Depressionen und einem schweren Nervenzusammenbruch, der vermutlich von seiner unglücklichen kurzen Ehe und seiner unterdrückten Homosexualität ausgelöst worden war. Das Konzert aber zeugt von einer wiedererweckten Energie: Es entstand in nur drei Wochen. Nachdem der undankbare Uraufführungs-Solist durch Adolph Brodsky ersetzt worden war, konnte am 4. Dezember 1881 in Wien auch endlich die Premiere stattfinden – es war der Startschuss für die Erfolgsgeschichte dieses Konzerts. Die anfängliche Skepsis gegenüber dieses kolossalen Konzerts ist aber insofern verständlich, da Tschaikowskis hier tatsächlich in vielen Punkten mit den damaligen Hörerwartungen brach: etwa durch seine extremen, bisweilen sehr abrupten emotionalen Gegensätze und die Verschmelzung von virtuosen Bravourpassagen mit schlichten, liedhaften Melodien. Heute ist es ein Meilenstein der Geigenliteratur, der ungefiltertes Gefühl und extreme Virtuosität miteinander verkoppelt.

24. Februar — 02. März 2018

Beethovens Bruder: Der Franzose George Onslow gehört zu jenen Musikern, die einst weit über die Ländergrenzen hinweg berühmt waren und noch zu Lebzeiten miterleben mussten, wie ihre Musik vom Lauf der Geschichte überholt wurde. Dabei erwarb sich Onslow vor allem mit seiner Kammermusik in Deutschland so viele Freunde, dass Mendelssohn ihm bei seinem Besuch 1846 in Aachen ein Ehrenkonzert widmete. Onslows Leben ist ein Spiegelbild seiner unruhigen Zeit. Als Sohn eines aus England nach Paris emigrierten Adeligen 1780 geboren, befindet sich der Sechsjährige mit seinem Vater auf der Flucht vor der Französischen Revolution in Hamburg wieder, wo er Klavier- und Kompositionsunterricht bekommt. Es folgt ein Studienabstecher nach London, bevor er nach Paris zurückkehrt, wo er sein Kompositionsstudium abschließt und auch das Cello zu spielen lernt, im späten 18. Jahrhundert ein richtiges Modeinstrument. Onslows unruhige Jugend wird sein Glück, denn so gelingt es ihm, bei Ladislav Dussek und Anton Reicha zu studieren und die Tonsprache und Ideale der Wiener Klassik von unmittelbar Beteiligten vermittelt zu bekommen. In den letzten Jahren erlebt sein Werk eine Renaissance, ohne dass sich Onslow bisher breiter durchsetzen konnte – was vielleicht auch daran liegen könnte, dass Kammermusik ja per se aufs große Publikum verzichtet. Der Kenner genießt und schweigt, zum Beispiel bei dieser zweiten Folge seiner 34 Streichquintette, die das Elan Quintet in Angriff genommen hat. Die in ihren Tonarten f-Moll und Es-Dur gewissermaßen als Nacht-Tag-Kontrast gruppierten Quintette sind gute Kostproben für den eleganten, ungemein reifen Stil Onslows, sein ausgeprägtes Formempfinden, seine Beherrschung des Kontrapunkts und seine frühromantisch Ausdruckstiefe. Der als „französischer Beethoven“ gefeierte Onslow, hier fast mit Brahms’schen Ausmaßen, stellt damit der feurigen Orchesterpoesie seines Zeitgenossen Hector Berlioz sozusagen die intimere, nach innen gewendete Kammermusik zur Seite.

17. — 23. Februar 2018

Wer hätte gedacht, dass Richard Strauss auch so schlank und kurzweilig komponieren konnte! Für alle, die bisher Strauss vor allem über den opulenten „Rosenkavalier“ oder seine klangprächtigen Tondichtungen wie „Till Eulenspiegel“ und „Don Quixote“ kennen gelernt haben, ist vielleicht die Bühnenmusik zu „Der Bürger als Edelmann“ eine wohltuend erfrischende Erfahrung. Das Projekt entstand aus dem absurden Plan heraus (ausgeheckt von Strauss und seinem Lieblings-Librettisten Hugo von Hofmannsthal), Molières Ballettkomödie „Le Bourgeois gentilhomme“ aus dem Jahr 1670 zu kürzen, Lullys originale Bühnenmusik durch neu komponierte zu ersetzen und das Ganze von einer Commedia dell`arte-Truppe aufführen zu lassen – unmittelbar gefolgt von der Oper „Ariadne auf Naxos“, die in diesem Plan allerdings noch als Einakter konzipiert war. Dass dieses große Unterfangen zu kostspielig und auch zu lange war, zeigte sich schnell. Und so trennte man flugs die zwei Werke wieder, und Strauss kondensierte später eine kurzweilige Orchestersuite aus der Bühnenmusik. Die ist in einem für ihn sehr ungewöhnlichen, neoklassizistischen Tonfall gehalten und spielt sogar mit den Barockwerken von Lully. Vor allem aber erzählt sie als instrumentale Geschichte ganz ohne Worte die absurde Geschichte eines Pariser Monsieur, der unbedingt zu einem „Edelmann“ werden will und dafür nicht nur Tanz- und Fechtstunden nimmt, sondern auch eine Heiratsintrige ausheckt – ob die wohl gelingt?

10. — 16. Februar 2018

Großer Chor: Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Antonio Vivaldi oder Johann Sebastian Bach interessierte sich der Theatermann Georg Friedrich Händel für das Konzert nicht als Bühne der Virtuosität, sondern als Zugpferd seiner Oratorien. Schon seine Orgelkonzerte waren als brillante Pausenfüller entstanden, mit dem Maestro an den Tasten. Seine „Concerti a due cori“ treiben die Form in punkto Besetzung auf die Spitze. Kein Solist bietet hier dem Tutti die Stirn, sondern zwei ausgewachsene Orchestergruppen stehen sich gegenüber. Ihren Reiz destilliert Händel sowohl aus dem räumlichen Wechselspiel, als auch aus der Fülle der Klangfarben, die er einander antworten lässt. Dazu konnte er sich auch der Oboisten und Hornisten bedienen, die nach dem niedergeschlagenen Jakobineraufstand aus den aufgelösten Militärorchestern in großer Zahl arbeitssuchend geworden waren. Dafür brauchte das Recycling-Genie Händel nicht mal neue Einfälle: Er arrangierte große und beliebte Chorstellen seiner bereits gelaufenen und in London beliebten Oratorien neu – ohne Worte, aber mit viel Schmelz. So kommt es im Verlauf der drei Concerti zu zahlreichen Wiederbegegnungen. Und war das nicht seit jeher für das Publikum die größte Erfüllung? Etwas Neues hören, das bereits etabliert und vertraut erscheint? Als Dealer für den gepflegten Klangrausch wird das Freiburger Barockorchester in dieser Neuaufnahme seiner Rolle einmal mehr gerecht. Und inszeniert lebendig Händels stilistische Zweigleisigkeit, sowohl distinguiert-gebildete Unterhaltung der Londoner Oberschicht, als auch rhetorisch-dramatische Angriffslust des Theaters. Ein wunderbar heutiges Händel-Vergnügen!

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