Startseite · CD zum Sonntag

19. — 25. August 2017

Mitten hinein ins Hollywood der 30er Jahre wirft uns Woody Allens neuer Film „Café Society“ – und in das Great American Songbook. Der in die Honigfarben des kalifornischen Sommers getauchte Film lebt atmosphärisch von den inspirierten, swingenden Evergreens des wohl berühmtesten Songwriter-Gespanns Rodgers & Hart. Erzählt wird – wie immer bei Allen betont leicht und beiläufig – die Geschichte vom kleinen jüdischen Juweliersgesellen Bobby Dorfmann. Der darf bei seinem Onkel, einem erfolgreichen Casting-Agenten Hollywoods Filmluft schnuppern und in die große Welt der Stars eintauchen, bis er mit gebrochenem Herzen nach New York zurückkehrt und dort einen Nachtclub eröffnet. Diesen kurzen Plott nutzt Allen, um im Geflecht zwischen Bobby, seinem Onkel Phil und dessen Assistentin Vonnie – zugleich Bobbys Schwarm und Phils heimliche Geliebte – eine bittersüße Romanze zu entspinnen und die Oberflächlichkeit der oberen Gesellschaft zu karikieren. Dabei wäre dieses Dasein ziemlich unerträglich, ließe es sich nicht mit einem Cocktail, einem Smalltalk und einem der heiter-melancholischen Songklassiker von Rodgers & Hart bannen. Eine Sommerkomödie über verpasste Chancen – und das falsche Leben nach richtigen Entscheidungen.

12. — 18. August 2017

Die Klangflächen entstehen aus dem Nichts, werden überlagert von anderen, bäumen sich sanft auf und verklingen wieder: Der Beginn von Toshio Hosokawas „Blossoming“ für Streichquartett öffnet Assoziationsräume, angestoßen natürlich auch durch den Titel. Genauso dienen auch die anderen Überschriften auf dieser mit „Silent Flowers“ betitelten CD als Brücken zu Bildern und Vorstellungen: „Kalligrafien I bis VI“, verschiedene „Landscape“-Studien und „Urbilder“. Die Beziehung des zeitgenössischen japanischen Komponisten zu den traditionellen Künsten und Ideen seines Heimatlandes ist nicht zu überlesen bzw. zu überhören. Als wohl wichtigste Inspiration aber für seine Kompositionen dient die Natur, der er auch auf dieser reinen Streichquartett-CD mit musikalischen Mitteln nachspürt. Dabei treffen in seinen klangsinnlichen Werken außermusikalische Einflüsse auf westliche Avantgarde, ohne dass man beides voneinander trennen könnte oder sollte. Vielmehr verflechten sich die unterschiedlichen Sphären ineinander zu einem faszinierenden, schillernden Mikrokosmos der Klänge. Das ist nicht immer so zart und ätherisch wie zu Beginn von „Blossoming“; im Mittelteil dieser Komposition geht es vielmehr mit metallischen Klängen zur Sache, und es entspinnt sich ein harscher, bisweilen brutaler Wettstreit unter den vier Instrumentalisten. Mit dem Arditti Quartet, dem wohl renommiertesten Quartett für Neue Musik, findet diese Musik ihre perfekten Interpreten, mit einem feinen Gespür für die Extrempole dieser ungewöhnlichen und (auch technisch höchst anspruchsvollen) Kompositionen.

05. — 11. August 2017

Ein Mann für jede Gelegenheit: Georg Friedrich Händel ist 1745 gerade auf Kur in Scarborough, um sich, abgekämpft und beinahe pleite, von einer desaströsen, frühzeitig abgebrochenen Oratorien-Saison zu erholen. Da sorgt in London die Nachricht für Panik, dass Charles Stuart, Nachfolger der katholischen Königslinie, mit einem Heer aus Schottland vorrückt, um George II. den Thron streitig zu machen. In aller Eile lässt sich Händel von Hamilton Newburgh ein Libretto aus Bibelzitaten und klassischer englischer Hymnendichtung zusammenschustern, das daraus komponierte „Occasional Oratorio“ wird am 14. Februar 1746 aufgeführt, und feiert einen „Triumph über einen Sieg, der noch gar nicht errungen wurde“, wie die alte Giftspritze Charles Jennens zischelnd bemerkte – denn der Herzog von Cumberland brauchte noch ein paar Monate, um die Jakobiten zurückzuschlagen.
Was gibt es also zu hören? Händels Oratorium kommt ohne dezidierte Handlung aus, in den üblichen drei Akten feiert er den Dreischritt von Bedrängnis, Hoffnung und Errettung des auserwählten Volkes Israel (als dessen neuzeitliche Erben sich die protestantischen Briten angesprochen fühlen durften) durch Gottes Verheißung und Macht. Auch wenn Newburghs Textgulasch tatsächlich so heterogen und unausgegoren ist, wie Jennens kritisiert, so steigerte das nur Händels Möglichkeiten, darauf mit Einfallsreichtum zu reagieren. Dass er angesichts der kurzen Zeit viel in eigenen Werken gewildert hat, macht die Sache nicht schlecht, im Gegenteil: Als eine Art Revue seiner größten Erfolge präsentiert sich das „Occasional Oratorio“, und war bei der Uraufführung ein voller Erfolg. Dabei wird kaum etwas unbearbeitet gelassen, und der Hörer sieht sich aufgrund zahlreicher Déjà-écoutez in der Rolle des Detektivs, und findet sich schon bald auf Recherche im CD-Regal wieder. Prächtige Chöre aus „Israel in Egypt“ treffen auf inspirierte Arien, Auszüge aus den Concerti grossi op. 6 auf den überirdischen Auftakt der Geburtstagsode „Eternal Source of Light Divine“ – nur dass hier Trompete und Oboe aufeinander antworten, bevor der Bass sein „To God our Strength“ anstimmt. Geschickt erinnert Händel im Finale mit dem bekannten Hymnus „Zadok the Priest“ – pardon, hier: „Blessed are all they that fear the Lord“ – an die zwei Jahre zuvor erfolgte Krönung Georges II. und erneuert quasi musikalisch dessen Thronanspruch.
Fast genau 271 Jahre später, im Februar 2017, fand die erste Aufführung nach der Neuen Halleschen Händel-Ausgabe im Münchner Herkulessaal statt, und die Besetzung vom Feinsten fand dankenswerter Weise auch auf Tonträger. Julia Doyle, Ben Johnson und Peter Harvey werden von der Akademie für Alte Musik Berlin mit brillant funkelndem, feierlichem Schwung begleitet, Star der Aufnahme ist aber der Chor des Bayerischen Rundfunks unter seinem neuen Chef, Howard Arman. Man kann sagen: Auch diese Gelegenheit wurde erfolgreich beim Schopf ergriffen.

29. Juli — 04. August 2017

„Er hat gewiss seine geheime innere Welt – er nimmt alles Schöne in sich auf und zehrt nun innerlich davon“, schrieb Clara Schumann mal über Johannes Brahms in ihr Tagebuch. Diese „geheime innere Welt“ klingt in wohl allen seinen Werken an, besonders aber in Brahms‘ Kammermusik. Seine Quartette waren Kampf und Erfüllung zugleich für den selbstkritischen Perfektionisten. Mit seinem zweiten von den insgesamt drei veröffentlichten Quartetten (denen wohl so einige andere vorausgegangen waren, die Brahms eigenhändig wieder vernichtet hatte), brachte er Tradition und Fortschritt in eine beeindruckende Synthese. Traditionelle Schemata wie die Sonatensatzform füllte er mit reichen internen motivischen Bezügen. Wie viel lichter und leichter gibt sich dagegen Beethovens frühes Quartett op. 18/6, das das Schweizer Galatea Quartett auf dieser CD mit Brahms‘ Koloss kombiniert. Sprechen aus diesen gegensätzlichen musikalischen Welten konträre Persönlichkeiten? Oder hätten Brahms und Beethoven über ein paar Bierchen in der Kneipe viel gemeinsame Gesprächsstoff gefunden? Wie schön, dass die Wunderwelt der Vergangenheit uns über solche Fragen nur Spekulationen erlaubt.

22. — 28. Juli 2017

Ausgerechnet der Jazzer Benny Goodman war es, durch dessen Interpretation sich Sebastian Manz in Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert verliebte. Denn erst die Freiheiten, die sich Goodman beim Spiel nahm, ließen das Konzert auf wundersame Weise wieder lebendig werden. Inzwischen ist Sebastian Manz Soloklarinettist des SWR Sinfonieorchesters Stuttgart und hat seine jahrelange Beschäftigung mit Webers Kompositionen vergangenen Herbst mit einer grandiosen Gesamtaufnahme aller Werke für Klarinette gekrönt. Darin zeigt sich Weber, der mit dem „Freischütz“ der romantischen Oper zum Durchbruch verhalf und dafür von Richard Wagner und Kollegen frenetisch verehrt wurde, als ein Musiker zwischen den Welten. Die lichtdurchfluteten, spielfreudigen Passagen seiner Kompositionen stehen mit einem Bein in der Tradition der von ihm verehrten Wiener Klassiker, feiern in ihren Verzierungen aber zugleich das Virtuosentum der Opernbühne seiner Zeit, mit ihren Bel-canto-Göttern Rossini und Bellini. Doch immer wieder genügt Weber eine kurze Wendung, dann kippt die Stimmung ins Zwielichtige, spukhaft Romantische. Die Klarinette gab es schon im Orchester der Klassik, doch erst Weber gab ihren sehnsuchtsvollen und ätherischen Ausdrucksqualitäten einen so zentralen Platz in seiner Musiksprache. Sebastian Manz befreite sich für seine Aufnahmen auch von der übermächtigen Figur Heinrich Joseph Baermanns, Webers Widmungsträger, dessen Spieltraditionen die Werke wie ein zweiter Lack überzog, und suchte auf den Spuren Goodmans am Notentext nach dem eigenen Zugang. Die Arbeit hat sich gelohnt, denn Manz‘ ungemein klarer und geradliniger Klarinettenton pellt die Werke aus jeder verniedlichenden, bloß dudelnden Vorab-Gewissheit. Dadurch werden die zwei Konzerte und die Kammermusik auf wundersame Weise wieder geradeso unmittelbar und lebendig, dass sie aufs Neue berühren können.

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CD zum Sonntag:

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Der Cello-Horizont scheint leider ziemlich begrenzt: Die Brahms-Sonaten kennt man, die von Chopin natürlich, von Richard Strauss. Aber wer hat schon wirklich die Sonaten aus England auf dem Schirm – von Frank Bridge etwa oder Arnold Bax?! Zum Glück hat sich Cellist Johannes Moser mit seinem bewährten Partner am Klavier, Paul Rivinius, 2010 genau diesen beiden spätromantischen Kammermusikentdeckungen gewidmet und sie mit der etwas bekannteren Cellosonate von Benjamin Britten op. 65 […] mehr »


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