Startseite · CD zum Sonntag

02. — 08. Dezember 2017

Die Advents-Kantaten von Johann Sebastian Bach darf man zwar durchaus auch in den übrigen elf Monaten des Jahres hören, aber in den Wochen vor Weihnachten entfalten sie vielleicht noch einmal eine andere Wirkung, und das auch für Nichtchristen. Sie sind geprägt von verschiedenen Affekten, klaren barocken Strukturen und einer insgesamt freudigen und erwartungsfrohen Grundstimmung und berühren damit bis heute, vor allem wenn sie von Experten wie Philippe Herreweghe und dem Collegium Vocale so schlicht wie beschwingt musiziert werden. Für die Aufnahme aus dem Jahr 1996 wurden zudem hervorragende Solisten wie Sibylla Rubens, Sarahs Connolly und Christoph Prégardien eingeladen. Die drei Kantaten BWV 36, 61 und 62 basieren auf dem berühmten Choral „Nun komm, der Heiden Heiland“ von Martin Luther, der zu Bachs Zeiten mit zu den berühmtesten Adventsliedern gehörte und uns hier an zentralen Stellen im großen Orchester-Chor-Arrangement wieder begegnen. So etwa in KWV 61, wo Bach den Choral in eine prunkvolle französische Ouvertüre einarbeitete. In einer geschickt arrangierten Abfolge von Chor-Chorälen und Soloarien wird so die Weihnachtsgeschichte in verschiedenen Etappen zugleich erzählt und auch musikalisch ausgedeutet: eine stimmungsvolle Vorbereitung auf das Weihnachtsfest.

25. November — 01. Dezember 2017

Eine Panzerdivision war es, mit der die Briten vor genau einhundert Jahren, vom 20. November bis 3. Dezember 1917, vor Cambrai einen Durchbruch durch die deutschen Stellungen schafften. Die grausame Realität des Krieges in den Schützengräben der Westfront hatte der 1914 noch begeistert ausgerückten Jugend jede Siegesrhetorik ausgetrieben. Mitten unter ihnen: Der englische Dichter Wilfred Owen, der die Erlebnisse in seiner Lyrik verarbeitet, bis er eine Woche vor Kriegsende in Frankreich fiel.
In seinem „War Requiem“, das 1962 zur Eröffnung der Kathedrale von Coventry als Gedenkstätte uraufgeführt wurde, ließ Benjamin Britten die nüchterne, überpersönliche Liturgie der Missa pro defunctis auf die Texte Owens prallen. Oft genug durchkreuzen sie den Trost der lateinischen Worte querständig, ironisierend und bitter. So erzählt beispielsweise das Offertorium vom Opfer des Isaak. Darin lässt sich Abraham in Owens aufrüttelnder Aktualisierung und anders als in der Bibel vom Engel nicht vom Menschenopfer abhalten, verschmäht den als Ersatz angebotenen „Widder des Zorns“ und schlachtet lieber nicht nur seinen Sohn, sondern „die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen“.
Auch musikalisch trennte Britten die beiden Textebenen deutlich: Sopran, Knabenchor, gemischter Chor und Sinfonieorchester singen die Teile der traditionellen Totenmesse, Tenor und Bariton mit Kammerensemble bringen ein bewegliches, oratorisches Element ein. Das endet mit einer Traumsequenz in einer Höhle, wo ein Soldat auf seinen Feind trifft, den er im Kampf getötet hat. Und dieser macht ihm klar, dass es nur ein Zufall war, der den Ausgang bedeutete – wer fällt, ist der unerbittlichen Logik des Krieges letztlich egal.
Für die Uraufführung hatte Britten Solisten aus Russland, England und Deutschland verpflichtet, um den völkerverständigenden Aspekt seines Anti-Kriegs-Requiems zu betonen. Opernvollblut Antonio Pappano sorgt mit einem All-Star-Ensemble aus Anna Netrebko, Ian Bostridge und Thomas Hampson für gestalterische und stimmliche Wucht. Mit voller Härte folgt er dem klanglichen Trommelfeuer des Dies Irae, wodurch die zahlreichen kammermusikalischen Momente umso zarter und wehmütiger klingen. Diese Aufnahme ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Brittens Anliegen. Unser Musiktipp zum heutigen Totensonntag!

18. — 24. November 2017

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf ganz unterschiedliche Vorbilder zurück. Denn „meine wohl wichtigsten Einflüsse sind Debussy, Ravel, Poulenc, überhaupt viele französische Komponisten, aber auch John Adams und Arvo Pärt. Und Björk oder Radiohead“, beschrieb Whitacre mal seine vielfältigen Inspirationen. Vor allem die Rückbesinnung auf die französischen Impressionisten hört man in seinen Chören – im ausgefeilten Spiel mit besonderen Klangwirkungen, die Whitacre teilweise auch mit modernen Mitteln wie Clustern und einer erweiterten Tonalität koppelt. Seine Werke sind gut singbar, aber gehaltvoll, sie sprechen unmittelbar an, und sind doch auch innovativ – eine Musik, die mit den Grenzen zwischen der sogenannten U- und E-Musik spielt. In „Cloudburst“ etwa vertonte er „El cántaro roto“ (deutsch: „Der zerbrochene Wasserkrug“) von Octavio Paz. Es ist einer von Whitacres wohl experimentellsten, aber auch erfolgreichsten Chorsätzen, den er im Alter von 21 Jahren schrieb. Es handelt sich um eine Art lautmalerisches Gewitter, in dessen zweitem Teil die Sänger von Klavier, Windröhrenglocken und Donnerblechen begleitet werden. Übrigens haben auch Sänger hierzulande ab und zu die Gelegenheit, mit Whitacre zu musizieren: 2009 veröffentlichte er auf YouTube seinen ersten virtuellen Chor: 185 Stimmen aus 12 Ländern vereinten sich in seinem Chorsatz „Lux Aurumque“, für das darauf folgende Projekt „Sleep“ mailten bereits 2052 Sänger aus 58 Ländern ihre eingesungenen Stimmen an Whitacre, der daraus einen virtuellen Chor kreierte – Chorgesang 2.0!

11. — 17. November 2017

Vorhang auf! In den überlieferten dreieinhalb Kantaten-Jahrgängen aus Leipzig verwandelte Johann Sebastian Bach die allwöchentliche Pflicht in eine über die Grenzen der Messestadt hinausstrahlende Kür. Später konnte er sich in diesem gewaltigen „Hausbuch der protestantischen Erbauungsmusik“ bedienen oder nach Lage vorhandener Instrumentalisten und Sänger auch mal umarbeiten. Dass Bach an so gut wie jede dieser um die 200 Kantaten sein ganzes Genie verwandt hat, macht sie zu einem riesigen Schatz an Arien und instrumentalen Einfällen – der meistenteils brachliegt. Denn seien wir ehrlich: Nur wirkliche Connaisseure und Bach-Fetischisten versenken sich fortlaufend in diese Vokalwerke, der durchschnittliche Klassik-Hörer bleibt vielleicht mal bei den auf allen Kulturwellen ausgestrahlten Sonntagskantaten hängen, oder weicht auf die bekannten und dramaturgisch wuchtigeren Passionen aus. Was aber nun wirklich schade ist!
Das dachten sich wahrscheinlich auch die Mitglieder der Accademia Bizantina, als sie 2011 über ein Bachkantaten-Album nachdachten. Und sie trieben es insofern auf die Spitze, dass sie aus der immensen Fülle der vorhandenen Werke lediglich die einleitenden Sinfonien herauspickten. Die aber haben es in sich: ein sprühender Reigen musikdramatischer Miniaturen „vor dem Vorhang“ ist das, der seinen ganzen Esprit auch ohne theologische Wortdeutereien erfüllen und die Zuhörer in Bann schlagen muss. Oft ergibt sich der Charakter schon aus dem Titel der jeweiligen Kantate, etwa die prunkvollen Fanfaren bei „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ BWV 29. Oder die in feierlicher Demut entgegen tänzelnde Flöte aus „Himmelskönig, sei willkommen“ BWV 182. Bei anderen Sinfonien klingeln die Ohren, etwa dem Oboenmelos aus „Ich steh mit einem Fuß im Grabe“ BWV 156 – woher war das nochmal? Richtig, dem f-Moll-Klavierkonzert, und vielleicht aus Zeitmangel vor dem herannahenden Sonntag flugs umgearbeitet. Eine andere Oboenkantilene voller Schmelz leitet die Kantate des Titels „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ BWV 12 atmosphärisch passend ein. Es ist ein unerschöpflicher Schatz, der von der Accademia Bizantina in klugem Wechsel aus aufbrausenden und ruhigen Sätzen komponiert wurde und hier mit einem hervorragend austarierten, edel-warmem Ensembleklang formvollendet serviert wird. Was ließe sich mehr und größeres über eine solches Album schreiben? Machen wir es den Musikern nach – und wollen einfach mal stumm genießen.

04. — 10. November 2017

Johannes Brahms hatte bekanntlich keine eigenen Kinder, aber er hatte einen Patensohn, der ihm sehr am Herzen lag: Felix Schumann, das jüngste Kind von Clara und Robert Schumann. Mit Felix allerdings meinte es das Schicksal nicht gut, schon mit Mitte zwanzig starb er 1879 nach langer Krankheit an der Tuberkulose. Brahms hatte ihn ein Jahr zuvor noch während einer Italienreise in Palermo besucht, wo Felix auf Kur war. Kurz nach dieser Reise begann Brahms mit der Komposition an seiner ersten Violinsonate, noch erfüllt von den Eindrücken aus Italien, aber auch bedrückt über das Schicksal seines Patenkindes. Er schickte kurz vor Felix´ Tod im Februar 1879 einen Ausschnitt aus dem zweiten Satz als Zeichen seines Mitgefühls an Clara und schrieb dazu: „Wenn Du Umstehendes recht langsam spielst, sagt es Dir vielleicht deutlicher als ich es sonst könnte wie herzlich ich an Dich u. Felix denke – selbst an seine Geige, die aber wohl ruht.“ Als der Brief Clara erreichte, war ihr Sohn wenige Tage tot. Im Sommer desselben Jahres erhielt Clara die ganze Sonate von Brahms mit dem Vermerk: „Es wäre mir eine gar große Freude, wenn ich ihm ein kleines Andenken schaffen könnte.“ Wie selten sonst bei Brahms kann man so in dieser Sonate auch die persönlichen Gefühle des Komponisten widerhallen zu hören. Als Erinnerung an die vergangene Kindheit von Felix und als typisch romantischer Ausdruck der Melancholie und Trauer lässt Brahms die Sonate auf einer ganz besonderen Melodie basieren, die aber erst im Finalsatz komplett erklingt: ein Melodie-Zitat aus seinen „Regenliedern“, mit denen er Jahre zuvor Gedichte von Klaus Groth vertont hatte. „Wecke mir die Träume wieder“, heißt es in diesen Zeilen, „die ich in der Kindheit träumte, wenn das Nass im Sande schäumte!“ Es sind Erinnerungen an eine bessere Zeit, eine Zeit mit Felix.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Im Italien des 19. Jahrhunderts ist für Instrumentalisten nicht viel zu holen. Die großen Komponisten dieser Zeit: Alle schrieben sie Oper. Verdi, Puccini, Rossini, Donizetti, es ist zum Verzweifeln (zumindest aus Sicht der Kammermusik- und Orchesterfreunde)! Doch muss man nur ein wenig Schatzgräber-Instinkt mitbringen und gründlich suchen, wie es die Münchener Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem für ihre Debüt-CD bei Sony getan haben, und man stößt doch auf die eine oder […] mehr »


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