Startseite · CD zum Sonntag

14. — 20. Oktober 2017

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu gesellschaftlichen Problemen in Großbritannien veröffentlichte. Und auch, wenn Schmitz sich trotz Vorkriegs-Wettrüsten um eine weit weniger gehässige Argumentation bemüht, als der Titel nahelegt, bleibt ihm doch nur ein Schluss: die Musikuntauglichkeit der Briten ist ein Erbe ihrer Vorväter aus Niedersachsen, „dem nüchternsten aller germanischer Stämme“. Nunja, Hannover-Bashing mal beiseite gelassen: Die Schelte kam keineswegs nur vom feindseligen Kontinent. Auch George Bernhard Shaw ätzte 1919 in seinem Aufsatz über die Zukunft der britischen Musikkultur, seine Landsleute hätten außer trivialer Salonmusik und schlechten Tänzen nichts zuwege gebracht, als Stilkopien von Mendelssohn und Spohr. Und kein Haar ungekrümmt ließ er ausgerechnet bei den Vätern jener „English Musical Renaissance“, einer Bewegung, die sich doch gerade die Erneuerung zum Ziel gesetzt hatten. Aus zwei ungetrübten Quellen wollte man schöpfen: Den glorreichen Tudor-Komponisten der Renaissance und dem englischen Volkslied, von dessen Melodien man sich eine Frischzellenkur in Sachen Nationalstil erhoffte. Shaw zum Trotz ist die Rechnung zumindest insoweit aufgegangen, dass die Komponisten um das Jahr 1900, allen voran Ralph Vaughan Williams und Edward Elgar, erstmals wieder nach 200 Jahren auch über die Grenzen ihrer Insel hinaus wahrgenommen wurden. Und wenn man sich den edlen Blend ansieht, den auf diesem Album von 1998 die Britten Sinfonietta kredenzt, diese Mischung von ländlichem Traditionalismus mit weltreich-würdiger Lässigkeit, das ganze gewürzt mit einem Schuss Melancholie, kann man nur sagen: very british!

07. — 13. Oktober 2017

Wer hat keine Angst vor Beethoven?!? Nicht nur auf dem Gebiet der Sinfonien, sondern vor allem auch durch seine meisterhaften Quartett-Zyklen hat Beethoven so einige Komponisten in die Schaffens-Krise gestürzt, auch und vor allem in den nachfolgenden Generationen. Schließlich musste man sich nun mit ihm, dem Giganten, messen, wenn man Streichquartette schrieb. Gabriel Fauré wartete daher bis zuletzt mit dieser großen Aufgabe und wollte sich doch auch nicht ohne ein Quartett-Vermächtnis von der Welt verabschieden. Seiner Frau Marie verkündete er am 9. September 1923, als er bereits weit über die 70 war, in einem Brief: „Ich habe mich an ein Streichquartett gemacht, ohne Klavier“, fügte er gleich noch hinzu: „Es ist eine Gattung, die Beethoven besonders berühmt gemacht hat, sodass all diejenigen, die nicht Beethoven sind, eine Heidenangst vor ihr haben“. Er überwand seine Angst, arbeitete ein Jahr intensiv daran und stellt das dreisätzige Werk im September 1924 fertig, kurz vor seinem Tod. Die Uraufführung erlebte er nicht mehr mit. Das erste und einzige Streichquartett von Fauré ist nicht nur eine wunderbare Momentaufnahme des frühen 20. Jahrhunderts in Frankreich, als sich Impressionismus und Frühmoderne mischten. Der fast 80-Jährige trat mit diesem Werk zudem auch in ein Zwiegespräch mit seiner eigenen Vergangenheit und Entwicklung, entstammen die beiden Themen des Kopfsatzes doch seinem (niemals veröffentlichtem) Violinkonzert, an dem er 40 Jahre zuvor gearbeitet hatte. Sympathisch, wenn ein großer Komponist trotz allen Ruhms Selbstzweifel zulässt. Und wunderbar, wenn er sie auf diesem Niveau überwindet!

30. September — 06. Oktober 2017

Kein Meister fällt vom Himmel. Die Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach standen für die Ohren des 19. Jahrhunderts so sperrig in der Violinliteratur wie ein fremdartiger, aber faszinierend blankpolierter Steinquader: Sechs Exerzitien höchster Spieltechnik, die ohne Einsamkeit, Alter und Weltschmerz gar nicht entstehen konnten. Weit gefehlt. Wer die Spuren dieser Werke aufnimmt, die von einem ziemlich jungen Komponisten weit vor der Kantorenperückenzeit verfasst wurden, landet inmitten der raffinierten Kapellkultur des Dresdner Hofes. Dort waren Meisterviolinisten zuhause wie Johann Jakob Walther, Georg Pisendel oder Johann Paul von Westhoff. Westhoff stammte aus Norddeutschland und war für den Fremdsprachenunterricht der Kurprinzen und somit auch des später erstarkten Friedrich August verantwortlich. Seine Reisen führten ihn durch halb Europa, wo er seine Violine vor gekrönten Häuptern warmspielen durfte und vom Kaiser in Wien eine Ehrenkette empfing. Kurz vor Ende seines Leben verschlug es ihn an den Hof von Sachsen-Weimar. Im dortigen Kapell-Notenschrank dürfte dann der 23-jährige Bach, drei Jahre nach Westhoffs Tod in Anstellung gegangen, dessen Violinnoten gefunden und mit heißen Ohren durchgeblättert haben – was für ein Reichtum an kühnen Sprüngen, Arpeggien und Doppelgriffen! Von den im Dresdner Umfeld entstandenen Sonaten und Suiten für Violine solo hat Rachel Barton Pine, die amerikanische Violinistin und Gewinnerin des Internationalen Johann Sebastian Bach Wettbewerbs in Leipzig, eine Auswahl getroffen. Und in dieser Gesellschaft sind Bachs Werke keine erratischen Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern aufgehoben in der Traditionslinie einer hohen, nur an die besten ihres Instruments weitergegebenen Kunst. Kein einsamer blanker Quader also – sondern die weithin reflektierende Spitze einer Pyramide.

23. — 29. September 2017

Der Cello-Horizont scheint leider ziemlich begrenzt: Die Brahms-Sonaten kennt man, die von Chopin natürlich, von Richard Strauss. Aber wer hat schon wirklich die Sonaten aus England auf dem Schirm – von Frank Bridge etwa oder Arnold Bax?! Zum Glück hat sich Cellist Johannes Moser mit seinem bewährten Partner am Klavier, Paul Rivinius, 2010 genau diesen beiden spätromantischen Kammermusikentdeckungen gewidmet und sie mit der etwas bekannteren Cellosonate von Benjamin Britten op. 65 kombiniert. Britten war Bridges berühmtester Schüler, so dass es nicht zuletzt auch spannend ist, im unmittelbaren Aufeinandertreffen ihrer Werke nach Spuren des einen im Schaffen des anderen zu horchen. Bridges Sonate, die während des ersten Weltkriegs entstand, scheint der Klangsprache von Strauss oder Chopin oft gar nicht mal so fern: Opulent und fließend entspinnt sich die Sonate in zwei träumerischen Sätzen wie eine Rhapsodie, die zwischen Melancholie und Glück, zwischen Hell und Dunkel sich nicht entscheiden kann. Kühler und kontrastreicher dagegen sind die fünf Sätze aus Brittens Sonate aus dem Jahr 1961, geben dabei aber stets dem Cello und seinen besonderen Klangmöglichkeiten eine großartige Bühne – die Johannes Moser genussvoll nutzt, ohne aber je pathetisch oder plakativ zu werden. Klangzeugnisse eines turbulenten frühen 20. Jahrhunderts.

16. — 22. September 2017

Sie hält die Augen geschlossen, die Eule dagegen schaut wach, aber scheinbar emotionslos zur Seite. Das Cover ist nur eines der Rätsel, die dieses Album dem Hörer stellt: „If The Owl Calls Again“ („Wenn die Eule wieder ruft“) hat die holländische Sopranistin Christianne Stotijn ihre CD genannt, eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Liedern aus mehreren Jahrhunderten – und in mehreren Sprachen. Denn Stotijn singt hier auf Deutsch, Französisch, Englisch und Niederländisch. Der Titel stammt ursprünglich von einem Gedicht von John Haynes. Doch Stotijn nimmt diese Worte als assoziativen Ausgangspunkt, um sich musikalisch mit den Themen Natur und Religion zu befassen, die in der Weisheit der Eule aufeinandertreffen. Der Ruf des Nachtvogels bringt Licht in die Dunkelheit, nimmt ihr etwas von ihrem Schrecken. Und sie selbst, so sagte die Sängerin mal, lebe im Wald und kenne den Ruf der Eule gut. Nacht, Wald, Einsamkeit, Religion sind die Themen, um die dieses Album kreist, und dabei treffen Gebete von Ravel und Mussorgski auf spätromantische Kunstlieder etwa von Bridge oder Marx. Viele Entdeckungen gibt es hier zu machen! Als musikalische Partner hat sich die Sängerin zudem den wunderbaren Bratschisten Antoine Tamestit eingeladen, aber auch Flöte und Kontrabass wirken als suggestive Klangsphären in diesem Album mit. Es sind wunderbare, kontemplative musikalische Miniaturen, die manch einen vielleicht gerade jetzt, beim Übergang zu den dunklen Jahreszeiten, ansprechen.

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CD zum Sonntag:

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