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Claudio Monteverdi

Vespers (Vespro della beata vergine 1610)

Cantar Lontano, Marco Mencoboni

Panclassics/Note 1 PC10371
(89 Min., 12/2009) SACD

2010 zum ersten Mal erschienen, nun erneut veröffentlicht, konterkariert Marco Mencobonis Version von Monteverdis „Marienvesper“ noch immer liebgewonnene Hörgewohnheiten. Der Hintergrund: Das überlieferte Notenmaterial des Werks lässt eine Menge Fragen nicht nur zu seiner Bestimmung, sondern auch zur Aufführungspraxis offen. Nun ist die Marienvesper aber dennoch mittlerweile schon seit Jahrzehnten im breiteren kirchenmusikalischen Konzertleben landläufig „aufführbar“ – das kommt daher, dass Dirigenten heute ein historisierend spielendes Instrumentalensemble einkaufen können, welches dann eine bereits bestehende Einrichtung der Marienvesper anbietet. Auf diese Weise haben sich gerade in der historisierenden Szene wieder Konventionen festgesetzt, die meistens nicht mehr hinterfragt werden. Mencoboni, den dies schon früher als Mitglied anderer Ensembles störte, hatte sich für seine Aufführung vorgenommen, solche Selbstverständlichkeiten ganz neu zu überdenken.
Was dem Hörer, der mit der Vesper einigermaßen vertraut ist, hier als erstes auffällt, sind die ungewöhnlich langsamen Dreiertakte: Sie sind bereits im dadurch weniger „fetzigen“ Invitatorium zu erleben, begegnen u. a. wieder im ersten Psalm und auch im Sopran-Concerto „Pulchra est“. Für letzteres Stück gibt Mencoboni eine auf dem Hebräischen fußende Lesart des vertonten Hohelied-Textes als Grund für die ungewohnte Temporelation an und bekundet, er gehe insgesamt davon aus, dass Monteverdi die alttestamentlichen Texte auch im hebräischen Original gekannt bzw. erklärt bekommen habe – eine nicht allzu weit hergeholte These, denn in Mantua gab es seinerzeit eine bedeutende Synagoge und zahlreiche jüdische Musiker. Fraglich bleibt nur, ob man aus einer solchen These Temporelationen ableiten kann.
Abgesehen von solchen unvertrauten interpretatorischen Details, deren umfassende „Entdeckung“ auf diesen CDs auch dem Kenner des Stücks ein waches Ohr abverlangt, liefert Mencoboni mit seiner hervorragenden Vokal- und Instrumentalbesetzung aber eine insgesamt sehr klangschöne, homogene Live-Aufführung des berühmten Stücks. Die Solopartien werden glatter und weniger verziert dargeboten als in anderen Einspielungen – das fällt z. B. gleich im Tenor-Concerto „Nigra sum“ auf. Mencoboni lässt in diesen Concerti nicht einen Chitarrone oder eine Truhe, sondern die große Orgel spielen. Die daraus resultierende warme, dichte „Klanghülle“ begünstigt nicht gerade ein feingliedriges Singen im direkten Wort-Ton-Bezug, gibt dabei aber gleichzeitig den Blick frei auf andere Qualitäten der Musik. Ein ungewohntes Hörerlebnis, fürwahr – aber durchaus auch ein inspirierendes.

Michael Wersin, 10.06.2017



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