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Franz Schmidt, Richard Strauss

Sinfonie Nr. 2, „Träumerei am Kamin“

Semyon Bychkov, Wiener Philharmoniker

Sony 88985355522
(55 Min., 9/2015)

Über den Österreicher Franz Schmidt rümpfen viele die Nase. Obwohl Zeitgenosse von Mahler und Schönberg, verbiss er sich regelrecht ins hochromantische Erbe von Brahms und Bruckner. Gegenwarts-, gar Zukunftsmusik war nie Schmidts Ding. Und so hat sich gerade einmal sein Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ halbwegs im Konzertbetrieb gehalten. Nun legen die Wiener Philharmoniker unter Leitung von Semyon Bychkov in einer Neueinspielung Schmidts 2. Sinfonie und damit ein Werk vor, das das Top-Orchester ein Jahr nach der Uraufführung 1913 erstmals in einem Abo-Konzert spielte. Aber auch später nahm man sich immer wieder diesem dreisätzigen Stück an, dessen DNA und Reize sich weniger einer übersprudelnden Fantasie als vielmehr Schmidts handwerklichem Geschick auch bei der Instrumentation verdanken. Bis aber ganz zum Schluss sämtliche Schleusen geöffnet werden und Schmidt zum ganz großen, apotheotischen Pathos ausholt, schlägt er im ersten Satz schon mal einen einprägsamen draufgängerischen Ton an, bei dem man sofort an Schmidts Landsmann und Hollywood-Granden Erich Wolfgang Korngold denken muss. Und bereits die ersten Takte, in denen die Holzbläser kammermusikalisch und herrlich entspannt ins Flanieren geraten, lassen etwas von diesem leicht böhmischen Ton erahnen, den Schmidt im Laufe dieses Variationssatzes immer deutlicher anschlägt. Auch das macht was her und ist allein schon deswegen unbedingt hörenswert, da die Wiener Philharmoniker hier ihr unnachahmliches Melos auskosten. Überhaupt kann man sich eigentlich kein anderes Orchester für diese Musik vorstellen. Denn wieder einmal macht man den alles bestimmenden Unterschied zwischen Gefühl und Gefühligkeit überdeutlich. Und wie selbstverständlich bewegt man sich durch eine sich ständig verändernde Klangwelt, die eben selbst Schmidts alten Lehrer Bruckner mit ins Boot holt. Als kleines zusätzliches Bonbon stimmen sodann Semyon Bychkov und die Wiener das beliebte Orchesterzwischenspiel „Träumerei am Kamin“ aus Richard Strauss´ „Intermezzo“ an. Und auch hier erweisen sich die Musiker als ideales Gespann für eine zeitlos lyrisch-schöne Musik.

Guido Fischer, 17.06.2017



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