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Thomas Tallis, John Taverner, Robert White, Robert Fayrfax, John Sheppard

Virgin and Child (Music From The Baldwin Partbooks II)

Contrapunctus, Owen Rees

Signum Classics/Note 1 SIGCD474
(75 Min., 4/2016)

Die Stimmbücher, die John Baldwin (1560-1615), ein Sänger der Chapel Royal, angefertigt hat, sind eine Hautquelle für englische Musik des 16. Jahrhunderts. Baldwin kopierte Werke der größten Komponisten jener Zeit: John Taverner, Robert White, Thomas Tallis, Robert Fayrfax und John Sheppard, auf dieser CD mit großartigen Werken vertreten, zählen zu den wichtigsten von ihnen.
Owen Rees und sein Profi-Ensemble Contrapunctus haben sich für den zweiten Teil ihrer aufregenden Reise durch die Handschrift marianische Stücke ausgesucht, und sie starten gleich mit einem gewaltigen, fast 20 Minuten dauernden „Gaude gloriosa Dei mater“ von Thomas Tallis, das den Hörer u. a. durch die hoch (deutlich höher als gleichzeitig auf dem Festland) geführte Diskantstimme augenblicklich in die Wunderwelt der noch katholischen englischen Renaissancemusik entführt. Zu den Höhepunkten des Programms gehören auch ein „Magnificat“ von Tallis und ein mit den Worten „Mater Christi“ beginnendes marianisches Gebet von Taverner. Das Ensemble – erstaunlicherweise lesen wir in der Besetzungsliste einmal nicht die vertrauten Namen, die in zahlreichen britischen Gruppierungen auftauchen – zeichnet sich aus durch bestechend saubere Intonation, welche die wichtigste Voraussetzung ist für das „Einrasten“ der Klänge, die sich wegen der erwähnten hohen Soprane hier oft über einen gewaltigen Ambitus hinweg erstrecken. Des Weiteren gelingt den Sängerinnen und Sängern das Kunststück, gerade so neutral zu singen, dass ein homogenes Klangbild entsteht, ohne dabei jedoch die individuelle, lebendige Färbung der eigenen Stimme völlig zu verleugnen. So erscheint die herrliche Musik in dieser Darbietung gleichzeitig objektiv und im verträglichen Maße auch subjektiv – gleichzeitig übermenschlich schön und doch auch erfüllt von menschlicher Wärme. Eine hervorragende Interpretationsleistung.

Michael Wersin, 17.06.2017



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