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Max Bruch

Streichquintette, Streichoktett

The Nash Ensemble

Hyperion/Note 1 CDA68168
(62 Min., 4/2016)

Tragik des Unzeitgemäßen: Als Max Bruch Ende der 1910er Jahre seine letzten Kammermusikwerke komponierte, war Europa schon massiv gezeichnet vom Wüten des Ersten Weltkrieges – einer jener Katastrophen, mit denen man gemeinhin das Experimentieren mit ganz neuen, radikalen Mitteln in den unterschiedlichen künstlerischen Gattungen erklärt und teilweise auch als alternativlos darstellt. Bruch jedoch war nicht nur überhaupt kein Neutöner; seine Tonsprache war zudem ganz und gar verhaftet im früheren 19. Jahrhundert. Mendelssohn und Brahms waren seine Vorbilder, während er die „Neudeutschen“ und auch Richard Strauss ablehnte.
Freilich gehört auch das „Unzeitgemäß-Sein“ zur Geschichte eines Komponisten und seiner Werke – im Rückblick sowieso. Bruchs späte Streichquintette und sein Oktett verschwanden weitgehend von der Bildfläche, wohl ohne wirklich offiziell uraufgeführt worden zu sein. 1937 und 1938 erklangen sie einmalig in Radiosendungen der BBC, dann fielen sie wieder für Jahrzehnte der Vergessenheit anheim. Im Zweiten Weltkrieg wurden wohl die autographen Partituren der Quintette zerstört, sie überlebten nur in Abschriften. Die Wiederbelebung der drei Werke und ihre Verfügbarmachung in Druckausgaben ereignete sich erst seit den 1990er Jahren.
Das Nash Ensemble bietet uns die drei Spätwerke in einer leidenschaftlich romantischen Version an und präsentiert sie damit stilistisch ganz unumwunden so, wie sie vermutlich von Bruch selbst gehört wurden. In den Violinen wird nicht an Portamenti und Glissandi gespart, das Vibrato ist insgesamt satt, der Ton süffig. Warum auch den Habitus der Stücke verleugnen? Der heutige Hörer wird ohne weiteres in der Lage sein, diese herrliche Musik in vollen Zügen zu genießen und dabei gleichzeitig ihre anachronistische Dimension wahrzunehmen und zu reflektieren – die Gnade einer postmodernen Perspektive.

Michael Wersin, 01.07.2017



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