George Antheil

„A Jazz Symphony“, Klavierkonzert Nr. 1, „Capitol Of The World“ u.a.

Karl-Heinz Steffens, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Frank Dupree u.a.

Capriccio/Naxos C5309
(57 Min., 1/2017)

 

George Antheil

Sinfonie Nr. 4 & 5, „Over The Plains“

John Storgårds, BBC Philharmonic

Chandos/Note 1 CHAN10941
(66 Min., 11/2015, 4/2016)

 

Kaum hatte George Antheil 1922 europäischen Boden betreten, sollte er bekanntermaßen zu einer der schillerndsten Figuren in den Musikmetropolen Berlin und Paris werden. Denn der Amerikaner muss nicht nur ein phänomenaler Pianist mit einer außergewöhnlichen Vorliebe für die damaligen Musiktrends gewesen sein. Als Komponist zog er von frechem Jazz bis zur tollwütigen Maschinenmusik alle Register, um schon mal handfeste Skandale auszulösen. Doch auch wenn Antheil sich dabei oftmals von den Grellheiten eines Strawinski fasziniert zeigte, trifft auf Teile seines beachtlichen Schaffens ein Wort zu, das Leonard Bernstein einmal über die Musik von Gershwin gesagt hat: „Sie klingt amerikanisch, riecht nach Amerika, und wenn man sie hört, fühlt man sich amerikanisch.“ Antheils amerikanische, aber eben auch seine ausgeprägt europäische Seite kann man nun auf zwei Tonträgern auf durchaus unterschiedliche Weise kennenlernen. Während nämlich Karl-Heinz Steffens mit seiner Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eine furiose Leistungsschau vom auch mit spektakulären Rhythmen und Dissonanzen jonglierenden Jazzfan Antheil bieten, stellt das BBC Philharmonic unter John Storgårds den eher unbekannten Sinfoniker Antheil vor.
Mit einem wahren Muntermacher legt zunächst die Staatsphilharmonie auf standesgemäß prachtvollem Niveau los. „A Jazz Symphony“ für drei Klaviere und Orchester flirtet heftig auch mit flirrendem Strawinski-Kolorit. Von strammer Rhythmik effektvoll aufgezogen kommt danach das von Pianist Frank Dupree mit muskulöser Pranke hingeschmissene 1. Klavierkonzert daher. Und vor dem rumbaesk-flotten Finalstück „Archipelago“, das ab sofort als Alternative zu Darius Milhauds Hit „Le bœuf sur le toit“ gelten darf, geht das Orchester Antheils Ballettmusik „Capital Of The World“ aus dem Jahr 1953 mit dem dafür notwendigen iberischen Temperament an.
Aus den 1940er Jahren stammen hingegen die beiden Sinfonien Nr. 4 & 5, die John Storgårds und das BBC Philharmonic mit der Weltersteinspielung des Konzerstücks „Over The Plains“ (1945) kombiniert haben. In allen drei Werken sucht man zwar vergeblich nach jener auch provozierenden Experimentierfreudigkeit des George Antheil früherer Jahrzehnte. Dafür ging er immerhin geschickt bis inspiriert mit musikalischen Facetten um, die u.a. Schostakowitsch und Copland vorgegeben hatten. Mit strahlenden Blechbläser-Fanfaren und Cowboy-Songanleihen könnte „Over The Plains“ glatt ein Kommentar zu Coplands drei Jahre vorher komponiertem Ballett „Rodeo“ sein. Die mit „1942“ betitelte Vierte, die im 2. Satz auf das von den Nazis verübte Massaker in Lidice Bezug nimmt, bewegt sich ständig zwischen beklemmender Tragik und trotziger Fröhlichkeit. Und die mit „Joyous“ bezeichnete Fünfte (1947/48) kommt mit ihren Folklorismen und ihrer hollywoodesken Süffigkeit wunderbar „amerikanisch“ rüber – dank eines Orchesters, das nicht vordergründig Brillanz und Drive auffährt, sondern bis in die Fingerspitzen das nötige Melos besitzt.

Guido Fischer, 22.07.2017




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