Responsive image

Marseille

Ahmad Jamal

Jazz Village/harmonia mundi JV 570136
(60 Min.)

Die Jazzwelt kriegt sich gerade nicht mehr ein, weil eine verschollen geglaubte Aufnahme von Thelonious Monk, der Soundtrack zu Roger Vadims Film „Les liaisons dangereuses“, nach fast 60 Jahren das Licht der Weltöffentlichkeit erblickte. Ehrlich gesagt ist es aber eine noch viel größere Sensation, dass einer von Monks Klavierkollegen aus der goldenen Zeit des Jazz nicht nur noch lebt, sondern nach wie vor frische Alben herausbringt: Ahmad Jamal.
Der inzwischen 87 Jahre alte Pianist war spätestens nach seinem überwältigenden Erfolg mit der 1958 erschienenen Platte „Live At The Pershing“ ähnlich umstritten wie Monk. Galt dieser als technisch fragwürdig, hatte der an Liszt und Tatum geschulte Jamal den Ruf des Cocktailjazzers weg. Abgesehen von diesen Fehlurteilen verbindet die beiden ein ganz eigener, fast schon skurriler Sinn für den rhythmischen Raum, für unerwartete Pausen und unorthodoxe Strukturen.
Das führt Jamal auch auf seiner Liebeserklärung an die Stadt Marseille vor: In den sich hypnotisch entwickelnden Stücken dienen konventionell wirkende Akkordfortschreitungen (unter anderem in beherzten Umarbeitungen von Klassikern wie „Autumn Leaves“ oder „I Feel Like A Motherless Child“) gewissermaßen als Ruheinseln, von denen sich Jamal, Bassist James Cammack, Schlagzeuger Herlin Riley und „Weather Report“-Perkussionist Manolo Badrena frohgemut abstoßen, um in einem Ozean mit eigenem Wellengang einzutauchen.
Sicher: Badrenas hyperaktives Klopfen, Flöten und Gedengele zerrt zuweilen ein wenig an den Nerven, und auch die drei verschiedenen Interpretationen des Titelstücks „Marseille“ sind nicht unbedingt zwingend. Aber ansonsten ist alles noch da: der Sog von Jamals Pianoläufen in hohen und tiefen Lagen, die abrupt abbrechen, um von einem anderen Instrument weitergeführt zu werden, die ausgedehnten Vamps, die auf eigentümliche Weise nie langweilig werden. Wie selbstverständlich findet dann auch noch ein Sprechsänger, der Rapper Abd Al Malik, Platz in dieser Musik. Das muss man der Klavierlegende erst mal nachmachen: Auch mit 87 ist Ahmad Jamal noch zeitlos hip.

Josef Engels, 26.08.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top