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Dreams and Daggers

Cécile McLorin Salvant

Mack Avenue/in-akustik 0321120
(113 Min., 9/2016) 2 CDs

Das Village Vanguard in New York ist nicht nur für seine beeindruckende Geschichte, sondern auch für seine große Ernsthaftigkeit bekannt. „During performances, QUIET IS ENFORCED. We’re a jazz club, not a chat room“, heißt es auf der Website der Institution. Meint im Klartext: Klappe halten während der Konzerte.
Bei den Shows von Cécile McLorin Salvant im September 2016 hielt sich das Publikum allerdings so gar nicht an die strengen Regeln. Da wurde während der Stücke hemmungslos gegluckst, hingebungsvoll geseufzt und zustimmend gejohlt. Es liegt an der umwerfenden Vortragskunst der 1989 in Miami geborenen Sängerin, die innerhalb kürzester Zeit den renommierten Thelonious-Monk-Gesangswettbewerb, einen Grammy sowie das kritische Herz von Wynton Marsalis gewinnen konnte, der von McLorin Salvant in höchsten Tönen schwärmt.
Das Doppelalbum „Dreams and Daggers“ ist jetzt gewissermaßen die Reifeprüfung des Vokaltalents. McLorin Salvant kombiniert eigene, im Studio unter Streicherbegleitung aufgenommene Stücke mit live vorgetragenen Standards und alten obskuren Nummern. So baut die inzwischen 28-Jährige Brücken zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt, ohne ihre Liebe für eher konservative Jazzausformungen und starke Erzählungen zu verraten.
McLorin Salvant dabei zuzuhören, wie sie mit ihrem Begleittrio (Pianist Aaron Diehl, Bassist Paul Sikivie und Schlagzeuger Lawrence Leathers) Klassiker vom Schlage eines „Devil May Care“, „Mad About The Boy“ oder „You're My Thrill“ interpretiert, ist, als würde man einer Séance beiwohnen. Denn mehrere große Stimmen aus dem Jenseits wohnen in der Brust der jungen Sängerin: Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Sarah Vaughan, Betty Carter, Blossom Dearie. Innerhalb von Millisekunden zitiert McLorin unterbewusst mal die eine, mal die andere Vorgängerin. Es ist so, als würden sich die Gesangsgeister gegenseitig auf Facebook kommentieren.
Auch inhaltlich verfolgt die Vertreterin der Millennials-Generation einen bemerkenswerten Zickzack-Kurs. Neben Stücken, die mit ironischem Stride-Piano den haarsträubenden Sexismus des frühen Jazz aufspießen („You've Got to Give Me Some“), stehen Songs, die McLorin Salvant mit erschütternder Altersweisheit vorträgt – Kurt Weills und Langston Hughes' „Somehow I Never Could Believe“ etwa oder Gershwins Totenklage „My Man's Gone Now“. Unfair: Bei so viel Spielwitz und Seelenpein von der Bühne konnte das Auditorium im Village Vanguard gar nicht ruhig bleiben.

Josef Engels, 07.10.2017



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