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Circle Of Chimes

Marius Neset

ACT/Edel 1090382ACT
(78 Min., 1/2016)

Die Olympischen Winterspiele von Lillehammer hinterlassen immer tiefere Eindrücke im Parkett der Kultur. Nach der Serie „Lillyhammer“ ist es nun das Stück „1994“, das der norwegische Überflieger-Saxofonist Marius Neset in Erinnerung an die Spiele in seinem Heimatland geschrieben hat. Das hat eine gewisse Programmatik: Denn mit dem Album „Circle Of Chimes“ zeigt der 1986 geborene Saxofonist und Komponist, dass er den Jazz bei all seinem virtuosen Können schon längst nicht mehr als sportliche Disziplin begreift.
Natürlich sprühen auch in der Suite, die einem Kompositionsauftrag der Kölner Philharmonie für ein Neujahrskonzert zugrunde liegt, wieder die Funken und Blitze wie in der Silvesternacht oder einer olympischen Abschlussfeier. Das Stück „1994“ etwa entwickelt auf der Grundlage eines verschachtelten Beats eine gewisse Jazzrockigkeit, die in Verbund mit Nesets an Wayne Shorter gemahnendes Sopransaxspiel in Richtung „Weather Report“ weist. Als wiederkehrendes strukturierendes Element fungiert dabei ein Händeklatschen.
Neset mag solche repetitiven Muster, die sich durch seine Stücke winden wie eine verzwirbelte DNA-Helix. Besonders markant sind im Falle von „Circle Of Chimes“ die titelgebenden Glocken, die immer wieder auftauchen. Etwa im Eröffnungsstück „Satellite“, in dem sie mehrstimmig gegeneinander versetzt klingen wie zwei ein paar Kilometer auseinanderliegende Dorfkirchen am Sonntagmorgen. Aber auch die Marimba-Pattern von Jim Hart führen auf „Circle Of Chimes“ ein von Steve Reich inspiriertes Eigenleben, das den opulent für eine bis zur Oktettstärke reichenden Ensemblegröße gesetzten Stücken eine Erdung in der Minimal Music gibt.
„Circle Of Chimes“ zeigt, wie souverän Neset mittlerweile verschiedenste musikalische Welten zu verbinden weiß: Klassische Elemente wie die melodramatischen Cello-Linien von Andreas Brantelid und die Flötenkaskaden der Saxofonistenschwester Ingrid Neset verweben sich organisch mit Funk („A New Resolution“), Karnevaleskem („Sirens Of Cologne“) und feinem Kammerjazz („The Silent Room“). Neu, aber auch irgendwie schon immer in Nesets Musik mitvibrierend ist die afrikanische Komponente, die Gitarrist Lionel Loueke saitenstreichelnd und perkussiv singend einbringt. „Circle Of Chimes“ wirkt so völkerverbindend und artistisch beeindruckend wie Olympische Spiele, ist aber an keiner Stelle verbissen oder von irgendwelchen Wettkampfgedanken getragen. Keine Frage: Die Aufnahme festigt Nesets Stellung als Goldjunge des jungen europäischen Jazz.

Josef Engels, 04.11.2017



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