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Olivier Messiaen

Quatuor pour la fin du temps

Martin Fröst, Lucas Debargue, Janine Jansen, Torleif Thedéen

Sony 88985363102
(47 Min., 8/2017)

„Niemals wurde mir mit so viel Aufmerksamkeit und Verständnis zugehört.“ Mit diesen Worten beschrieb der französische Komponist Olivier Messiaen die Reaktionen auf ein Werk, das längst zu den kammermusikalischen Mahnmalen des 20. Jahrhunderts gehört. Am 15. Januar 1941 wurde im Görlitzer Kriegsgefangenenlager StaLag VIII A vor 400 Häftlingen und Wachleuten Messiaens berühmtes „Quatuor pour la fin du temps“ uraufgeführt – mit dem Komponisten am Klavier. Neun Monate lang war der französische Soldat Messiaen in dem Lager inhaftiert, das die Nationalsozialisten 1939 im heutigen Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen gebaut hatten. Und unter den zum Teil grausamen Lebensbedingungen setzte sich der streng gläubige Katholik im Winter 1940/41 an ein theologisches Bekenntniswerk, mit dem er die Herrlichkeit Gottes und die Liebe Jesu preisen wollte. Wie in Messiaens Klavier-, Orgel- und Orchesterkompositionen kommt es auch in den acht Sätzen dieses „Quartetts für das Ende der Zeit“ dabei oftmals zu einem lautmalerischen Erzählgestus, den der Komponist nachträglich mit knappen Kommentaren bestätigt hat. Im Eröffnungssatz „Kristalline Liturgie“ etwa läuten Vogelgesänge den neuen Tag ein. Und im 6. Satz sorgen die wuchtigen und gezackten Stakkati im Tutti für einen „Tanz des Zorns für die sieben Posaunen“. Dass das Werk andererseits sich auch vom Programmmusikalischen abwendet und Messiaen ganz eigene, faszinierende Klangräume und -spektren erfindet, wird im nachfolgenden, sanften wie meditativen „Wirbel der Regenbogen für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet“ deutlich. Obwohl das „Quatuor pour la fin du temps” für die nicht unbedingt an jeder Straßenecke anzutreffende Besetzung Klaviertrio mit Klarinette geschrieben worden ist, zählt es inzwischen zu den meistgespielten Kammermusikstücken aus dem 20. Jahrhundert. Zumal es aufgrund seines Entstehungshintergrunds regelmäßig auch bei passenden Gedenkveranstaltungen erklingt. Nun haben sich – wie so oft – vier namhafte Solisten zusammengetan, um zu überraschen, denn sie stimmen das Stück ohne jeden Trauerflor-Ton an. Eine gute Entscheidung von Klarinettist Martin Fröst, Pianist Lucas Debargue, Geigerin Janine Jansen und Cellist Torleif Thedéen. Schließlich steckt in diesem tönenden Kosmos ohnehin ein sinnlicher, zuweilen süß anmutender Reichtum, wie man ihn auch aus vielen anderen Werken von Messiaen kennt. Fröst & Co. lassen denn auch keine Gelegenheit aus, die innige Subtilität und den emphatischen Überschwang dieser Musik von erlesen zart bis jubilierend strahlend ausgiebig zu feiern und zu erkunden. Und im 5. bzw. 8. Satz muss man geradezu den Atem anhalten – so überirdisch wundersam bringen da Torleif Thedéen bzw. Janine Jansen in ihren großen Soli jeweils ihre Instrumente zum Singen.

Guido Fischer, 11.11.2017



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