Einheit, Wahrheit und Natürlichkeit der Empfindung und des Ausdrucks - für Christoph Willibald Gluck waren das die obersten Tugenden, die eine Oper besitzen sollte. Nicht dieser stocksteife Schematismus, mit dem sich für ihn die Barock-Oper endgültig überholt hatte. Zu den Reformopern, mit denen Gluck zunächst in Wien ein neues Fenster für das Musiktheater aufreißen wollte, gehörte neben "Orfeo ed Euridice" und "Alceste" die 1770 entstandene "Paride ed Elena", für die Glucks vertrauter Librettist Ranieri de´Calzabigi die antike Liebesstory zwischen Paris und Helena einrichtete. Und durchaus überraschend ist, dass Gluck rückblickend den Fünfakter nicht gerade mit Händen und Klauen verteidigte. Denn weder fehlt ihm die Würde und der kantabel strömende Atem noch vermisst man tiefe Leidenschaft und zupackende Explosivität. Zumindest in der Einspielung von Paul McCreesh, dem hier die Rehabilitation einer heute leider kaum mehr aufgeführten Kostbarkeit gelingt. Und zwar in allen Belangen.
Federnd leicht und doch punktgenau in der rhythmischen Schlagkraft bewegt McCreesh seine Musiker an den Originalinstrumenten, allein die Abschluss-Sinfonie des 3. Aktes wird zum mitreißend griffigen Ereignis. So qualitätsbewusst geht gleichermaßen das Frauen-Quartett seine Partien an. Aber was heißt schon in "Paride ed Elena" Partien! Gleich der Eingangschor "Non sdegnare" ist ein anmutiges Kleinod, in das sich die Sopranistin Gillian Webster nahtlos einfügt. Sofort danach kostet Magdalena Kožená als Paride die Sehnsucht in "O del mio dolce ardor" mit einer Intonationskultur und Tonschönheit aus, dass die Zeit fast stillsteht. Solche stimmdramaturgisch glänzend wiedergegebenen Seelen-Temperaturen ziehen sich bis in das letzte Trio "Sempre a te sarò fedele". Bis Gluck selbst Tambourins hüpfen lässt, um dem Happy End endgültig auf die Sprünge zu helfen.

Guido Fischer, 16.07.2005



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