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Sergei Prokofjew

Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution op. 74

Ernst Senff Chor Berlin, Mitglieder des Luftwaffenmusikkorps Erfurt, Staatskapelle Weimar, Kirill Karabits

Audite/Edel 1097754ADT
(42 Min., 8/2017)

Wer zu Despoten und Diktatoren ein entspanntes Verhältnis pflegen wollte, der musste schon von jeher einen sehr guten Wendehals besitzen. Denn wie rasch man in Ungnade fallen konnte, mussten immer wieder selbst namhafteste Künstler in der Sowjetunion und unter der blutigen Herrschaft Stalins erfahren. Das vielleicht berühmteste Beispiel dafür ist der Komponist Dmitri Schostakowitsch, der 1936 ins Fadenkreuz der sowjetischen Kunstrichter geraten war und fortan auf dem schmalen Grat zwischen offizieller Anpassung und innerem Widerstand balancierte. Doch selbst augenscheinlich systemkonforme Komponisten wie Sergei Prokofjew bekamen nicht selten heftigsten Gegenwind zu spüren. Obwohl der einstige „Stalin“-Preisträger dem neuen Zeitgeist immerhin auch mit entsprechenden Repräsentationsstücken gehuldigt hatte, wurde er 1948 für seine musikalische Sprache vom sowjetischen Komponistenverband als „volksfremd“ scharf gerügt.
Kurz nach seiner endgültigen Rückkehr in die mittlerweile sowjetische Heimat im Jahr 1936 erwies sich Prokofjew mit einer gigantisch besetzten Kantate noch als braver Parteikomponist. Pünktlich zum 20. Jahrestag der erfolgreichen Oktoberrevolution im Jahr 1917 huldigte Prokofjew dem gewonnenen Kampf der Massen und dem Kommunismus in zehn Sätzen. Textbausteine etwa aus Marx´ „Kommunistischem Manifest“ wurden dafür genauso vertont wie Reden von Lenin und Stalin. Und um die historische Sprengkraft der Revolution zu verdeutlichen, kommt es immer wieder zu klangillustrativen, kämpferisch aufgepeitschten Chorszenen. Am Geist und Inhalt dieser Kantate mögen sich – wie im Fall vergleichbarer Propagandastücke – heute vielleicht nur noch ideologische Hardliner laben. Innerhalb dieser Klammer ist die im Rahmen des Kunstfests Weimar mitgeschnittene Neuaufnahme aber mehr als nur das Zeitdokument einer vergangenen Epoche. Was das bisweilen collagenartige Gefüge angeht, bei dem russische Volksliedanleihen auf schneidende Rhythmen, Akkordeon- auf Sirenenklänge, Straßen-Parolen auf sakrale Hymnen treffen, gelingt der höchst engagierten Teamleistung unter der Leitung des Ukrainers Kirill Karabits ein Agitprop-Sound, der nicht von gestern ist, sondern in seiner Modernität durchaus packend.

Guido Fischer, 16.12.2017



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