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Franz Schubert

„Nacht & Träume“ (Lieder in Orchesterfassung)

Stanislas De Barbeyrac, Wiebke Lehmkuhl, accentus, Insula orchestra, Laurence Equilbey

Erato/Warner Classics 9029576943
(50 Min., 4/2017)

Wer Schuberts Lieder kennt und so schätzt, wie sie geschaffen wurden, wird hier und da befremdet sein: Da hören wir etwa „An Silvia“ mit einer Orchesterbegleitung, in welcher der Klavierpart auf Streicher aufgeteilt ist; hinzu kommen allerdings noch Querflötenstimmen, deren musikalische Substanz nicht von Schubert stammt; sie mischen sich mit imitierenden Einwürfen frech in einen Satz, der von Schubert perfekt und ohne Ergänzungsbedürftigkeit hinterlassen worden ist. Der Bearbeiter ist in diesem Fall anonym. Im Falle der „Gruppe aus dem Tartarus“ kennen wir ihn: Es ist Johannes Brahms, gewiss ein geschickter Orchestrator – aber die originalen Klavier-Tremoli lassen sich durch Streicher-Tremoli mit Fagott-Unterstützung hinsichtlich ihrer insistierenden Prägnanz einfach nicht ersetzen. In beiden Fällen ist es die Mezzosopranistin Wiebke Lehmkuhl, die es statt mit einem Flügel hier mit einem ganzen Orchester aufnehmen muss. Ihre Stimme ist dafür voluminös, ja massig genug, aber oft stören ihr sattes Vibrato und ihre gedeckten Vokale ein wenig.
Lehmkuhl teilt sich das Programm mit dem Tenor Stanislas De Barbeyrac, der gleich zu Anfang mit dem „Ständchen“ aus dem „Schwanengesang“ (orchestriert von Felix Mottl) aufwartet und seine lyrischen Qualitäten in „Nacht und Träume“ (bearbeitet von Franck Krawczyk) überzeugend unter Beweis stellt. Sein Material, wiewohl durchaus jugendlich-heldisch geprägt, passt besser zu Schuberts Liedern, denn seine klangliche und sprachliche Direktheit (letztere nicht ganz akzentfrei) ziehen den am Zusammenspiel von Gedicht und Musik interessierten Hörer ganz unmittelbar in den Bann.
Es scheint ein Herzenswunsch der Dirigentin Laurence Equilbey gewesen zu sein, die sich im Beiheft ausführlich selbst zu Wort meldet, diese Orchestrierungen von Liedern Franz Schuberts einzuspielen. Der Autor dieser Zeilen kann die Begeisterung nicht ganz teilen, würdigt und achtet aber die teils bemerkenswerte interpretatorische Qualität des Rezitals.

Michael Wersin, 16.12.2017



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