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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 5

François-Xavier Roth, Gürzenich-Orchester Köln

harmonia mundi HMM 905285
(71 Min., 2/2017)

Man wurde ja schon etwas ungeduldig: Seit dem 1. September 2015 ist der Franzose François-Xavier Roth GMD des Gürzenich-Orchesters Köln. Doch ein diskografisches Lebenszeichen dieser neuen wie vielversprechenden Künstlerliaison kam bislang nicht, stattdessen veröffentlichte Roth fleißig mit seinem zweiten Orchester Les Siècles. Nun endlich ist das gemeinsame CD-Debüt mit dem Kölner Traditionsorchester erschienen, und für die Premiere fiel die Wahl auf einen Kölner Klassiker. Denn Gustav Mahlers 5. Sinfonie wurde 1904 in der Domstadt uraufgeführt. Noch 2009 hatte Roths Vorgänger Markus Stenz zusammen mit dem Gürzenich-Orchester mit diesem Werk die spektakuläre Gesamteinspielung der Mahler-Sinfonien gestartet. Auf vertrautem Terrain bewegten sich also sowohl das Orchester, als auch Roth, zu dessen Mentoren immerhin der große Mahler-Dirigent Pierre Boulez gehörte. Außerdem liegt von Roth eine beachtliche Aufnahme von Mahlers 1. Sinfonie mit dem inzwischen abgewickelten SWF Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg vor.
An Mahlers 5. Sinfonie ist Roth jetzt mit einer ähnlich analytischen Präzision herangegangen, wie Boulez sie immer wieder vorgemacht hat. Dementsprechend springt einen dieses wahnwitzige Geflecht aus Volkslied-Zitaten, zersplittertem Farbenzauber und bittersüßem Harfen- und Streicher-Melos mit sensationeller Brillanz und Transparenz an. Doch der auch in der Neuen Musik bestens bewanderte Dirigent erweist sich hier nicht allein als großer Anwalt atmender Sinnlichkeit. Immer wieder werden Reminiszenzen an Komponisten hörbar gemacht, zu denen Roth gleichermaßen einen engen Bezug hat. Gegen Ende des 1. Satzes etwa kulminieren die sich wie flehend emporreckenden Streichergesten in einem großen Tutti, bei dem das Pathos des französischen Wagnerianers und großen Orgelkomponisten César Franck mitschwingt (dessen Werke Roth als Sohn des bedeutenden Organisten Daniel Roth in- und auswendig kennt). Das Klangpanorama ist gestochen scharf, die Farben sind intensiv, als ob Roth vorher noch einmal einen Blick ins wegweisende Orchesterhandbuch von Hector Berlioz geworfen hätte. Und im 3. Satz spornt er die Blechbläser derart an, als würde es sich um eine der Tondichtungen des Berlioz-Verehrers Richard Strauss handeln, die das Gürzenich-Orchester einst ebenfalls gerne mal aus der Taufe hob. Bei dieser Neuaufnahme läuft also ständig Musikgeschichte mit. Und trotzdem besteht kein Zweifel, dass es Gustav Mahler ist, der einen an seinem Lebensschwanken, an seiner Zerrissenheit zwischen Todessehnsucht und Liebesglück teilhaben lässt.

Guido Fischer, 13.01.2018



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