Welch ein Glücksfall von Wiederveröffentlichung! Gounods einst sehr beliebte und viel gespielte Oper "Mireille" führt heute ein Schattendasein neben seinem "Faust". Dabei ist sie ein durch und durch gelungenes, bezaubernd melodienseliges Stück mit anspruchsvollen Gesangspartien, meisterhaft komponierter Orchesterpartie – und einer todtraurigen Geschichte ohne Happy-End: Die reiche provenzalische Gutsbesitzertochter Mireille liebt einen armen Korbmacher namens Vincent, aber ihr Vater will, dass sie den Viehhändler Ourrias heiratet. Ourrias provoziert Vincent, und es kommt im Val d’Enfer zum Zweikampf; Vincent wird verwundet, Ourrias ertrinkt in der Rhône. Mireille erfährt von dem Vorfall und macht sich auf die Suche nach Vincent. Die anstrengende Wanderung durch die in der Sonne glühende Wildnis von La Crau raubt ihr sämtliche Kräfte, und kurz nachdem sie Vincent erreicht hat, stirbt sie erschöpft in seinen Armen.
Die 1962 entstandene Aufnahme versammelt einige der brillantesten französischen Sänger der damaligen Zeit: Renée Doria in der Titelpartie kann insgesamt nur als großartig bezeichnet werden, denn die Schönheit ihres Timbres sowie ihre Gestaltungs- und Ausdruckskraft machen sie zu einer Idealbesetzung für die umfangreiche, fordernde Partie; allenfalls einige schrille bzw. unruhige Töne in der Vollhöhe sind zu bemängeln. Die Mezzosopranistin Solange Michel, bekannt geworden u. a. als Titelheldin in André Cluytens’ "Carmen" (Naxos), verleiht der Zigeunerin Taven überzeugend Gestalt, und Michel Sénéchal bietet ein zutiefst ehrliches und engagiertes Porträt des Vincent. Adrien Legros schließlich überzeugt mit profunder Bassstimme als Gutsbesitzer Ramon, Mireilles Vater. Die Einspielung stellt einen mindestens gleichwertigen Ersatz dar für André Cluytens seit längerem gestriche "Mireille" von 1954 mit Janette Vivalda und Nicolai Gedda.

Michael Wersin, 27.09.2003



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