Was ist dieser Kaiser Tito nicht doch ein Gemütsmensch und Vorbild an Güte. Da wird an seinem Thron gesägt und das Kapitol in Schutt und Asche gelegt, werden Mordpläne gegen ihn geschmiedet. Und seine einzige Reaktion ist: er verzeiht. So viel tugendhaftes Standvermögen geht eigentlich gar nicht. Wenn aber ein Mozart Hand anlegt, dann kann daraus ein wahrer Seelenkrimi, ein Spinnengeflecht aus Macht, Rache und Liebe werden. Seine 1791 entstandene Opera seria "La clemenza di Tito" ist der schlagende Beweis dafür. Und die im Mozartjahr einen wahren Boom auf den deutschen Opernbühnen erlebt. Die dazugehörige CD-Neuproduktion darf natürlich dann auch nicht fehlen. Nach den bislang vorliegenden Einspielungen der Altmeister der historischen Aufführungspraxis Nikolaus Harnoncourt und John Eliot Gardiner legt jetzt Charles Mackerras nach. Und wie könnte es anderes sein: Mackerras ist mal wieder der Star im prominent besetzten Interpretenbunde.
Alles, was an Leidenschaft, Impulsivität und Gewalttätigkeit in der Partitur steckt, meißelt Mackerras heraus, ohne grobschlächtig zu werden. Mit dem reaktionsschnellen Scottish Chamber Orchestra sprengt er die bisweilen klassizistische Dominanz mit überpointierter Schroffheit, besonders in den Arien "Parto, ma tu ben mio" und "Non più di fiori" sorgt er mit den Klarinetten- und Bassetthornstimmen für selig machende Melodieströme. In den Rezitativen hält er das Klangbild der Ängste, Hoffnungen und der Zerrissenheit in ständiger Bewegung. Und der Chor erreicht bei ihm eine tonnenschwere, beklemmende Lamento-Größe, die Mozarts Requiem vorausahnen lässt. Die Messlatte ist dadurch für das Sängerensemble enorm hochgelegt. Doch nicht alle kommen rüber. An erster Stelle wäre hier Rainer Trost als Tito zu nennen, dessen leicht belcantistische Stimme klangschön ist, aber dem es auf Dauer an facettenreichem Empfindungsreichtum mangelt. Dafür sind die beiden weiblichen Hauptpartien ideal besetzt, können sich Hillevi Martinpelto als Vitellia und Magdalena Kožená als Sesto die Hand reichen, was die druckvolle Legatokultur und die reich schattierte Eindringlichkeit am Rande des Nervenzusammenbruchs angeht.

Guido Fischer, 25.03.2006



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